Verletzte, Brände, Überschwemmungen: 250 Einsatzkräfte im Härtetest
Freitag, kurz vor 23 Uhr. Die Wasserfluhstrasse in Brunnadern ist gesperrt. Ein Auto ist von der Fahrbahn abgekommen, hat sich überschlagen und ist auf dem Dach liegend an einem Starkstrommast zum Stillstand gekommen. Zwei Personen sind im Wrack eingeklemmt. Die Feuerwehr muss sie aus dem Fahrzeug schneiden. Eine dritte Person wird vermisst.
Die Szenerie ist dramatisch, die Lage scheint ernst. Doch der Unfall ist fingiert. Was sich in dieser Nacht im Neckertal abspielt, ist Teil der Grossübung OrkaNeptun. Daran beteiligt sind der regionale Führungsstab, der Zivilschutz und die acht Feuerwehren der Region Toggenburg, unterstützt von der Rettung St. Gallen und der Polizei.
Region wird zum Katastrophengebiet
«Es geht darum, das Zusammenspiel der beteiligten Organisationen unter möglichst realistischen Bedingungen zu überprüfen», sagt Christian Heeb, Stabschef des Regionalen Führungsstabs Toggenburg. Die Übung verbinde Stabsarbeit mit konkreten Einsatzszenarien in allen zehn Gemeinden. 250 Angehörige von Feuerwehr und Zivilschutz stünden dabei im Einsatz.

Rund 50 Figurantinnen und Figuranten machen die Grossübung realitätsnah. Aufwändig geschminkt, simulieren sie täuschend echte Verletzungen. Was sie darüber hinaus auf sich nehmen, verdeutlicht Heeb an einem Beispiel aus Ennetbühl: «Dort wurde ein Autounfall mit einem Fahrzeug im Bach nachgestellt. Die ‹Unfallopfer› harrten in Neoprenanzügen im eiskalten Wasser aus.

Auf der fingierten Unfallstelle in Brunnadern sind die «Verletzten» inzwischen aus dem demolierten Auto befreit. Jetzt soll das Wrack mit einer Seilwinde geborgen werden. Es regnet in Strömen. Das Wetter ist nicht planbar, passt aber wie bestellt zur Inszenierung. «Die Grossübung spielt sich auf der Basis einer imaginären Schlechtwetterperiode ab: Überschwemmungen, Hangrutsche und Blitzeinschläge machten das Toggenburg zum Katastrophengebiet», sagt Heeb. Das bedeutet: Die bereits stark geforderten Feuerwehren und der Zivilschutz müssen die zehn Notfallszenarien zusätzlich bewältigen.
Pferd aus Wasser gerettet
Einige Einsätze sind zu dieser Stunde bereits abgeschlossen. In Bütschwil wurde ein Dummy-Pferd aus einem Teich geborgen, andernorts galt es, einen Hang zu sichern und ein überflutetes Haus zu kontrollieren. Auch ein Containerbrand in Mosnang gehörte zum Übungsprogramm – allerdings ohne echtes Feuer. «Wir können schlecht ein Feuerverbot aufrechterhalten und uns selbst nicht daran halten», sagt Heeb mit Verweis auf die Empfehlung des Regionalen Führungsstabs, das Verbot auch nach der kantonalen Aufhebung am 2. September beizubehalten.

Die Feuerwehr Ebnat-Kappel hat derweil noch nicht Feierabend. Sie steht bei der Innovative Sensor Technology IST AG im Einsatz. Später wird sie zu einem weiteren Szenario ausrücken müssen: In der Recyclingfirma Kuster AG ereignet sich ein Personenunfall, wie Christian Heeb ankündigt. Dabei ist die Feuerwehr unter dem Kommando von Christoph Brunner, Präsident des Toggenburger Feuerwehrverbands, bereits mit dem Schutz der Abwasserreinigungsanlage vor dem Hochwasser der Thur gut ausgelastet.
Gefangen in der Standseilbahn
In Unterwasser sind Feuerwehr und Alpine Rettung noch immer mit der Evakuierung der Standseilbahn beschäftigt. Ein Blitzschlag hat im Technikraum im Iltios einen Brand ausgelöst, die Passagiere sitzen fest. Wie bringt man eine Person im Rollstuhl über die Treppe ins Tal? Wie bewältigen Hunde die Metallstufen? Wie geht es der Person, die Verbrennungen erlitten hat?
In der Bar der Talstation warten Gäste der Übung - darunter mehrere Gemeindepräsidenten - auf deren Abschluss. Zwischen 30 und 40 Angehörige der Feuerwehr stehen im Einsatz, dazu 15 Mitglieder der Alpinen Rettung und 27 Statisten. Was sind am Berg abspielt, bleibt ihnen allerdings verborgen. Nicht nur der Dunkelheit wegen: Die Evakuierung findet im oberen Drittel der Bahnstrecke statt.
Ständerätin am Kommunikations-Pult
Später am Abend klingelt Heebs Handy, vertreibt das Lächeln aus seinem Gesicht. Sein Kommentar danach ist knapp: «In Unterwasser gabs wohl ein gröberes Kommunikationsproblem.» Mehr will er nicht sagen: «Wir werden das später intern besprechen.» Später, das ist um sechs Uhr früh. Dann findet der Schlussrapport statt - eine Stunde nach dem offiziellen Ende von «OrkaNeptun».

Treffpunkt dafür ist das Zivilschutzausbildungszentrum in Bütschwil, wo seit dem Start der Übung um 14 Uhr die organisatorischen Fäden zusammenlaufen. In den Regie- und Kommandoräumen werden Meldungen entgegengenommen und verarbeitet, Einsätze koordiniert und Aufträge weitergegeben. Mitten im Geschehen: SVP-Ständerätin und Führungsstabsmitglied Esther Friedli. Seit 22 Uhr fällt der Bereich Kommunikation in ihre Zuständigkeit. «Sie war tagsüber mit Guy Parmelin unterwegs», sagt Christian Heeb und fügt schmunzelnd an: «Ein Highlight wäre natürlich gewesen, hätten wir den Bundespräsidenten evakuieren dürfen.»
Evakuiert wird heute keiner mehr - gerettet schon. Um ein Uhr wird bei der Feuerwehr Kirchberg der Alarm ausgelöst: Im Wihaldentunnel der Umfahrung Bazenheid brennt ein Auto, zehn Personen sind betroffen. «Zu der Zeit ist es vertretbar, die Strasse zu sperren», begründet Heeb den Zeitpunkt. Damit biegt «OrkaNeptun» gleichsam in die Schlussphase ein.
Übungen dieser Grössenordnung finden etwa alle fünf Jahre statt. Denn der Aufwand ist gross. Heeb spricht - unter Einbezug der Übungen von 2024 und 2025 - von einem Planungsaufwand von drei Jahren.
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