Kaltblütiger Mord und Palmen in Wattwil: Die Geschichten im Toggenburger Jahrbuch
Im Jahr 1514 will eine Frau Stoffballen von Wattwil über den Ricken schleppen. Sie kommt nicht weit, denn im Hummelwald lauern Räuber, die sie ermorden und die nackte Leiche im Gebüsch verstecken. Die Beute schlagen sie in Lichtensteig los. Das erweckt aber Verdacht, weil drei Männer viele Frauenkleider verkaufen. Die Räuber sind ein Zürcher (Hans Kesswyler), ein Lichtensteiger (Jörg Hultzi) und ein Elsässer aus Strassburg.
Diese Geschichte erzählt das Toggenburger Jahrbuch 2027, das am Freitagabend in der Lichtensteiger Städtlibibliothek Vernissage hatte. Das Konzept ist unverändert: Das Jahrbuch pflegt die Themenvielfalt und soll eine Informationsquelle für die Nachgeborenen sein. Es umfasst Artikel zu Geschichte, Kultur, Natur und Gesellschaft. Dazu kommen Nachrufe, Hinweise auf neue Bücher mit Bezug zum Toggenburg sowie die Gemeindechroniken. Erstmals wurde auch aus dem Jahresbericht der Denkmalpflege berichtet.
Das Jahrbuch deckt den Raum der alten Landschaft Toggenburg ab, also nicht nur Thur- und Neckertal, sondern auch das Untertoggenburg. Aus dem Plakatmuseum Schwarzenbach stammt denn auch das Bild auf dem Umschlag, ein Plakat, das fürs Wandern im Toggenburg wirbt.

Subtropisches Klima vor 16 Millionen Jahren
Palmen in Wattwil? In einer Wohnung oder einem Gewächshaus ist das vorstellbar, denn Palmen verlangen ein subtropisches Klima. Doch in den 1960er- und 1970er-Jahren wurden Sandsteinplatten im Tobel des Dorfbachs gefunden, die 16 bis 19 Millionen Jahre alte, fossile Palmenblätter enthielten.
Und dank einem verständnisvollen Bauherrn konnte 2024 sogar in einer Baugrube an der Hembergstrasse in Wattwil ein Stück eines Palmenstamms freigelegt werden. Anzunehmen ist, dass die Palme bei einem riesigen Hochwasser verschüttet wurde.
Dem Verkehrsverein Flawil, der im April 1926 gegründet wurde, ist ein weiterer Beitrag gewidmet. Der Anlass war der Erhalt einer Voliere beim Bahnhof. Das Spektrum an Aufgaben hat sich seither immer wieder verändert. Heute organisiert der Verein unter anderem die Lägelisnacht und – im Auftrag der Gemeinde – die Bundesfeier.
Eine Überraschung hält der Beitrag über das Kloster Magdenau bereit, indem er die Tradition von Festspielen, die im Kloster aufgeführt wurden, in Erinnerung ruft. Dies mitsamt Bildern von aus Nonnen zusammengesetzten Orchestern.
Aufzeichnungen über historische Kriminalfälle
Mit einem Beitrag zur Stadt Wil greift das Jahrbuch 2027 über die historischen Grenzen der Landschaft Toggenburg hinaus. Es geht dabei um die Villa India. Ihr Besitzer war ein Bauernsohn aus Dussnang, der nach Indien auswanderte und dort zu Reichtum kam, indem er den Reichen in der Hafenstadt Bombay (heute: Mumbai) Gasbeleuchtungen für die Stadtpaläste verkaufte.
Nach der Rückkehr in die Schweiz kaufte er ein Haus, das er Villa India nannte und erweitern liess, unter anderem mit einer Kuppel. Allerdings verlor er sein Vermögen als Folge des Ersten Weltkriegs und musste die Villa India verkaufen. Sie steht heute unter Schutz.
Die Nachrufe würdigen unter anderem den Uzwiler Unternehmer Urs Bühler, Kurt Meyer – erster Rektor der Kanti Wattwil – und die aus Flawil stammende Nationalrätin Hanna Sahlfeld-Singer.
Zurück zum Raubmord vom Hummelwald. Kesswyler wurde später wegen Diebstählen in Wädenswil (ZH) verhaftet. Er gestand die Tat im Toggenburg. Heute wissen wir noch davon, weil die Zürcher Behörden detaillierte Aufzeichnungen über Kriminalfälle aus dem 16. bis 19. Jahrhundert archiviert haben. Das Schicksal der beiden anderen Räuber ist unbekannt.
Das Toggenburger Jahrbuch 2027 umfasst gut 250 Seiten. Es ist im Buchhandel erhältlich.
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