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Wegen Hitze aus dem Nest gesprungen: Vogelpflegestationen verzeichnen Rekordzahlen

Die Wildvogelpflegestationen in St.Gallen und Kreuzlingen verzeichnen für den Monat Juni so viele Aufnahmen wie noch nie. Ein Grund sind Jungvögel, die wegen der Hitze zu früh aus ihren Nestern springen. Doch die Ursachen reichen weiter – eine Entwicklung bereitet einer Tierpflegerin besonders Sorgen.
Hunger kennt keine Geduld: Mit weit geöffnetem Schnabel wartet ein Jungvogel in der St.Galler Wildvogelpflegestation auf seine nächste Mahlzeit. (Bild: Diana Hagmann-Bula)
Tierpflegerin Andrea Wüst arbeitet seit rund fünf Jahren auf der Wildvogelpflegestation St.Gallen. (Bild: Diana Hagmann-Bula)
Links: Nestling – nackt oder nur mit Daunen bedeckt, sitzt auf den Beinen und bewegt sich kaum. Rechts: Ästling – bereits fast vollständig befiedert, steht auf den Füssen, flattert und hüpft. Je nachdem, ob es sich um einen Nestling oder einen Ästling handelt, ist ein unterschiedliches Vorgehen gefragt. (Bild: Burkhardt Marcel/zvg)

Sie sitzen in Kartonschachteln, piepsen laut und warten auf Futter. Kaum ist ein Jungvogel versorgt, wird schon der nächste abgegeben. In den Ostschweizer Wildvogelpflegestationen herrscht Hochbetrieb. In St.Gallen wurden in diesem Juni so viele Pfleglinge betreut wie noch nie. «Seit der Eröffnung der Station im Jahr 2020 hat sich die Zahl der aufgenommenen Vögel beinahe verdoppelt», sagt Tierpflegerin Andrea Wüst.

Auch die Wildvogel- und Reptilienpflegestation Kreuzlingen verzeichnet Rekordzahlen. Im vorigen Monat wurden dort 311 Vögel aufgenommen – nach 234 im vergangenen Jahr und 208 im Jahr 2024. Zeitweise waren die Kapazitäten ausgeschöpft. «Wir mussten sogar einen Aufnahmestopp für gewisse Vogelarten aussprechen, weil wir keinen Platz mehr hatten», sagt Tierpflegerin Melanie Reiff. Dazu zählten unter anderem Tauben, Krähen und Jungenten.

Nicht nur die Hitze ist schuld

Ein Grund für den aussergewöhnlichen Juni seien sogenannte Hitzespringer, erklärt Reiff. Vor allem Mauersegler, Schwalben und Spatzen, die unter Dächern brüten, geraten bei hohen Temperaturen in Bedrängnis. Wird es in den Nestern zu warm, verlassen die Jungvögel diese und springen flugunfähig ins Leere. Besonders Mauersegler reagieren empfindlich auf die hohen Temperaturen. In St.Gallen gehören sie mittlerweile jedes Jahr zu den drei am häufigsten eingelieferten Vogelarten.

Doch die Hitze allein erklärt den Anstieg nicht. Laut Andrea Wüst von der St.Galler Wildvogelpflegestation sind Vögel im Siedlungsgebiet zahlreichen Gefahren ausgesetzt: Katzen, strukturarme Gärten oder Kollisionen mit Glasfronten. Gleichzeitig seien die Pflegestationen heute deutlich bekannter als noch vor wenigen Jahren. Dadurch würden mehr Tiere abgegeben – auch aus einem grösseren Einzugsgebiet.

Tierpflegerin Andrea Wüst arbeitet seit rund fünf Jahren auf der Wildvogelpflegestation St.Gallen. (Bild: Diana Hagmann-Bula)

In St.Gallen betreuen die Tierpflegenden während der Sommermonate zeitweise mehr als 130 Vögel gleichzeitig. Andrea Wüst rechnet damit, dass die Zahl der Pfleglinge auch in den kommenden Jahren weiter steigen wird – wenn auch wohl nicht mehr ganz so stark wie zuletzt.

Wenn Menschen helfen wollen – und schaden

Sorgen bereitet Melanie Reiff von der Wildvogelpflegestation Kreuzlingen eine weitere Entwicklung: «Immer mehr Leute päppeln Jungvögel selbst auf.» Oft würden sie den Tieren Hunde- oder Katzenfutter oder Haferflocken geben, ohne zu wissen, was die jeweilige Vogelart benötigt. Viele dieser Vögel würden erst nach Tagen oder Wochen in die Pflegestation gebracht – häufig bereits geschwächt oder mit Gefiederschäden. «Die meisten überleben das nicht.»

Hinzu komme, dass viele Jungvögel gar keine Hilfe benötigen würden. Besonders Ästlinge – bereits befiederte Jungvögel, die das Nest verlassen haben, bevor sie fliegen können – würden häufig vorschnell eingesammelt. Dabei werden sie im Normalfall weiterhin von ihren Eltern versorgt. «Deshalb sollte man unbedingt zuerst bei einer Pflegestation anrufen», sagt Reiff. Oft könne bereits am Telefon geklärt werden, ob ein Eingreifen überhaupt nötig sei.

Links: Nestling – nackt oder nur mit Daunen bedeckt, sitzt auf den Beinen und bewegt sich kaum. Rechts: Ästling – bereits fast vollständig befiedert, steht auf den Füssen, flattert und hüpft. Je nachdem, ob es sich um einen Nestling oder einen Ästling handelt, ist ein unterschiedliches Vorgehen gefragt. (Bild: Burkhardt Marcel/zvg)

Der hohe Andrang bringt die Stationen teils an ihre Grenzen. In Kreuzlingen kümmern sich zwei Mitarbeitende und eine ehrenamtliche Helferin um die Tiere, eine weitere Fachkraft werde gesucht. In St.Gallen wäre die Versorgung der Tiere ohne ein grosses Team von Freiwilligen nicht möglich, so Wüst.

Trotz der hohen Belastung gibt es immer wieder Erfolgserlebnisse. Besonders in Erinnerung geblieben ist Andrea Wüst ein Projekt mit jungen Mauerseglern. Vögel, die wegen der Hitze aus ihren Nestern gesprungen waren, konnten in sogenannte Ammennester umgesetzt werden und wurden dort von erwachsenen Mauerseglern weiter aufgezogen. «Pflegestationen sind immer nur eine Notlösung», sagt sie. «Am besten ist es, wenn die Jungvögel in ihrem natürlichen Umfeld bei ihren Eltern aufwachsen.»

 
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