Reena Krishnaraja und Marta Ulreich: Tschüss WM!
Es fühlt sich fast schon wie eine Trennung an. Für manche von der Liebe des Lebens und für andere eher vom nervigen Ehegatten (im weissen Unterliibli mit Flecken).
Und mit dem gestrigen Fussball-WM-Final verabschieden wir uns auch von all den Dingen, die plötzlich für einige Wochen völlig normal waren. Unter der Woche in der Öffentlichkeit trinken? Absolut legitim. Beim Public Viewing mit wildfremden Menschen über andere wildfremde Menschen lästern, weil sie einem genau in der entscheidenden Szene die Sicht stehlen? Gehört dazu.
Tschüss auch zum einzigen, aber super-gäbigen Smalltalk-Thema, dank dem man sogar mit Roger aus dem Büro eine emotionale Verbindung aufbauen konnte. Jahrelang reicht’s höchstens für ein knappes «Morge», aber während der WM diskutiert man plötzlich leidenschaftlich über Aufstellungen, Schiedsrichter und die Chancen von Ländern, von denen man bis vor fünf Wochen nicht einmal wusste, dass sie eine Nationalmannschaft haben.
Verabschieden müssen wir uns auch von schlafenden Vätern auf dem Sofa, die zwar bei der Voranalyse von Beni Huggel noch top motiviert sind, sich jedoch kurz vor Anpfiff immer mehr in die waagrechte Position begeben, bis sie von Sascha Rufers Torjubel aus ihren Träumen gerissen werden und sich dann halb freiwillig ins Bett begeben.
Tschüss auch zu einem erstaunlich entspannten Umgang mit Glücksspiel. Während der WM wird plötzlich jede Familien- und Bürogruppe zum Wettbüro. Jeden Morgen wird gespannt die SRF-Tippspiel-Seite geöffnet, als hinge der eigene Kontostand davon ab. Keiner möchte in der Rangliste hinter Jaqueline sein, die nach Schönheit der Flaggen tippt.
Und natürlich verabschieden wir uns auch für kurze Zeit vom kollektiven Nationalstolz, der während der WM plötzlich grösser ist als am 1. August. Tschüss zu den Fussball-Liibli, die ausnahmsweise als ganz normales Alltagsoutfit durchgehen und den 25 gleichen Insta-Stories vom exakt gleichen Goal, eine verwackelter als die andere.
Was uns an der WM aber eigentlich noch mehr fasziniert als der Fussball selbst, ist die gebündelte Begeisterung für eine Sache. Es gibt kaum etwas anderes, das Millionen Menschen gleichzeitig emotional komplett aus der Bahn wirft. So zu polarisieren, schafft sonst fast nichts. Vielleicht noch Pizza Hawaii. Man stelle sich nur vor, was man mit dieser gebündelten Begeisterung alles erreichen könnte: Gefrierschrank abtauen, Steuererklärung im März abgeben, Velo statt Auto benutzen, über 60 Prozent Stimmbeteiligung, Welthunger beenden – das wären einfach mal so ein paar Ideen.
Also: Tschüss WM. Den einen wird es wie Reena gehen, die jetzt die nächste Sportart suchen muss, um die Zeit bis zur Skisaison zu überstehen, und den anderen vielleicht eher wie Marta, die den Sinn hinter Fussball nicht ganz sieht, aber doch auch ein imaginäres Tränchen verdrückt (okay, weil sie vor allem auch im Tippspiel abgeräumt hat und ihr das den gewissen Kick gibt). Danke für schlaflose Nächte, emotionale Achterbahnfahrten und die einzige Zeit im Jahr, in der man Fan von jedem Land war, welches nicht Argentinien ist. Auch wenn die Enttäuschung gross war, haben wir ja im nächsten Sommer gleich nochmals die Chance auf den WM-Titel. Die Frauen müssen es halt (wieder mal) richten.
Reena Krishnaraja ist Stand-up-Comedian aus Grub und studiert Sozialwissenschaften in Bern. Gemeinsam mit ihrer WG-Kollegin Marta Ulreich schreibt sie diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer, Toni Brunner und Jérôme Müggler.
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