Reena Krishnaraja und Marta Ulreich: Oh du goldigs Sünneli
Kaum zeigt sich die Sonne mal länger als sieben Minuten am Stück, verändert sich die Schweiz kollektiv. Menschen lächeln im Bus, die Steuererklärung wirkt plötzlich machbar und selbst die Knieschmerzen sind gar nicht mehr so schlimm.
Sobald die ersten richtig schönen Tage die Schweiz erreicht haben, merkt man, auch wir in der Schweiz sind halt nur Säugetiere. Man legt sich in die Sonne, wärmt sich, tankt Energie, schnurrt innerlich vor sich hin und könnte theoretisch den ganzen Tag so liegen bleiben. Theoretisch. Praktisch meldet sich sofort wieder unser innerer Kalender und fragt, was wir bei dem Wetter jetzt Produktives machen könnten.
In anderen Ländern ist die Sonne Alltag. Bei uns ist sie ein richtiges Ereignis. Ein seltenes Zeitfenster, das man nutzen muss. Wahrscheinlich sind die Menschen in wärmeren Ländern deshalb entspannter.
In der Schweiz hingegen ist es oft dunkel, regnerisch und gefühlt immer ein bisschen zu kalt. Und sind wir ehrlich, Herr und Frau Schweizer sind jetzt nicht gerade für ihre mega gechillte Art bekannt. Aber bei diesem Wetter ergibt es ja auch wirklich Sinn. Man hetzt jeden Tag von A nach B, weil draussen sowieso niemand freiwillig bleibt. Vielleicht verdanken wir dem mässigen Wetter sogar unsere Überpünktlichkeit, man will einfach möglichst schnell ins Warme.
Irgendwie ist es schon absurd, wie sehr uns Licht und Wärme glücklich machen können. Physikalisch sind es nur unterschiedliche Wellenlängen. Und trotzdem reicht ein bisschen Sonne und wir benehmen uns alle wie frisch aufgeladen. Wir zwei haben uns im Leben schon vieles gewünscht: Töggelikasten, Plattenspieler, Siebträgermaschine, Massagestuhl …, und das ist alles ganz nett. Aber nichts davon kommt an das Gefühl heran, wenn man morgens im lichtdurchfluteten Schlafzimmer aufwacht, ein cooles Outfit anzieht, das nicht unter der fünf Kilo schweren Winterjacke verschwindet, und sich wie der Main Character schlechthin fühlt. Und selbst die Faulsten unter uns denken sich plötzlich: «Ach, diese acht Kilometer? Könnte ich heute auch easy laufen». Ob wir’s dann machen ist eine andere Frage, aber der Gedanke zählt.
Mit der Sonne kommt allerdings nicht nur die gute Laune, sondern auch der Druck. Was, wenn man diesen perfekten Tag nicht nutzt, und morgen schneit es wieder? Wir leben schliesslich in der Schweiz. Wir dürfen uns von diesen Sonnenstrahlen Ende Februar nicht einlullen lassen. Wir kennen das Spiel. Kaum scheint die Sonne, bestellt man statt einem Cappuccino einen Eiskaffee, holt die Übergangsjacke raus, verbannt die Winterkleidung in den Keller, beginnt wieder zu Joggen und zack. Es regnet. Oder schneit. Im Mai.
Und dann sehnt man sich umso mehr nach der Sonne. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, sie gar nicht erlebt zu haben. Es ging einem ja vorher auch ganz okay. Jetzt weiss man wieder, was man verpasst und wie schön es sein könnte.
Aber sind wir ehrlich, lieber ein bisschen Sonne als gar keine. Also freuen wir uns über jeden Sonnenstrahl im Februar und März. Aber geniesst das Wetter mit Vorsicht! Die Frühlingssonne ist nämlich wie deine letzte komische Situationship. Für den Moment fühlt es sich fantastisch an. Aber man sollte sich besser nicht daran gewöhnten und ganz sicher nicht seine mentale Stabilität davon abhängig machen!
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