Pionierprojekt kostete 1,3 Millionen: Getreidemühle in Nesslau hat Produktion gestartet
Gross und dennoch unscheinbar steht die rund 100 Jahre alte Bürgerscheune am Rande von Nesslau. Doch wo früher Rinder, Kühe und Raufutter Platz fanden, durchziehen jetzt hunderte Rohre den Innenraum. Denn die Genossenschaft «Alpsteinmühle» hat in das historische Gebäude eine neue Kornmühle eingebaut. Möglich gemacht hat dies unter anderem die Gemeinde Nesslau, die das Gebäude im Baurecht günstig an die Genossenschaft abgab.
Um die Anlage errichten zu können, mussten etliche Freiwillige die Scheune komplett aushöhlen und mit offenen Stockwerken versehen. Chromstahlglänzende Röhren durchziehen den rund 15 Meter hohen Raum und verbinden verschiedene Maschinen. Mitten darin steht Gabriel Fluri. Der Müllereitechniker ist Hauptverantwortlicher für den Aufbau der komplexen Anlage und gerade etwas aufgeregt. Nach über einem Jahr Bauzeit startete er Mitte November die Maschinen das erste Mal und gleich für einen Grossauftrag: Die Mühle konnte Mitte Januar eine erste Charge des Alpsteiner Ruchmehls an die Migros Ostschweiz liefern.

Gesamter Bau kostete 1,3 Millionen Franken
Im Toggenburg und Appenzellerland bauen Mitglieder des Vereins «Alpsteinkorn» seit einigen Jahren wieder Berggetreide an. Mit wachsendem Erfolg. Die Frage, wie das hochwertige Berggetreide auch qualitativ gut weiterverarbeitet werden könne, wurde immer drängender. Im Sommer 2023 gründete ein zehnköpfiges Team die Genossenschaft «Alpsteinmühle» (diese Zeitung berichtete).

Ihr Ziel ist es, das Korn der lokalen Bauern direkt zu mahlen und so die Wertschöpfung im Berggebiet zu erhöhen. «Der Bau der Mühle liess sich nur finanzieren, weil sehr viele Freiwillige mitbauten und grosszügige Spendenbeiträge eingegangen sind», sagt Michael Lieberherr, Präsident der Genossenschaft. Auch die Stiftung Schweizer Berghilfe half mit und unterstützte die Genossenschaft beim Kauf der Maschinen mit insgesamt 50'000 Franken. «Die Mühle ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie Bergbauern und Bergbäuerinnen durch die lokale Verarbeitung ihre Wertschöpfung erhöhen können», sagt Nadine Felix, Leiterin Projekte und Partnerschaften bei der Schweizer Berghilfe. Die Gesamtkosten des Baus belaufen sich auf rund 1,3 Millionen Franken.
Im Auftrag der Bauern und Bäuerinnen
Zur Hauptsache wird die Mühle das Korn jedes einzelnen Bauern separat mahlen. Das nennt sich Kundenmühle. «Eine Kundenmühle dieser Grösse wurde meines Wissens in der Ostschweiz seit mindestens 60 Jahren nicht mehr gebaut», sagt der 29-jährige Müllereitechniker Fluri. «Die Prozessschritte sind modern wie in den Grossmühlen der Schweiz, aber die Mahlleistung ist viel kleiner. Das war auch eine der Herausforderungen. Wir brauchten für dieses Projekt geeignete, nicht zu grosse Maschinen. Doch die werden kaum mehr hergestellt.»

In Österreich wurde man fündig. Vier über 60 Jahre alte Walzstühle, wie die Mahlmaschinen heissen, eine Griessputzmaschine und Kleieschleudern konnte die Genossenschaft «Alpsteinmühle» günstig erwerben, allerdings in dürftigem Zustand. Sie mussten komplett auseinandergenommen, revidiert und wieder zusammengebaut werden. Nun steht die Anlage und soll anfänglich rund 200 Tonnen Getreide pro Jahr vermahlen.
«Ob Weizen oder Roggen und später auch Dinkel und Gerste: Jeder Bergbauer und jede Bergbäuerin kann nun sein Korn individuell und auch zu kleinen Mengen vermahlen lassen», sagt Michael Lieberherr. Dazu werde die Genossenschaft die Produzenten unterstützen, das Bergmehl zu vermarkten. «Am schönsten wäre es, das hier produzierte Mehl direkt an die regionalen Bäckereien liefern zu können», sagt Lieberherr. Erste Verhandlungen laufen schon. (pd)

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