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Maturandin der Kanti Wattwil erforscht Geschichte des Frauenhauses St.Gallen – und macht auf dessen Nöte aufmerksam

In ihrer Maturaarbeit hat sich Seraina Gerster aus Degersheim intensiv mit der Geschichte des Frauenhauses in St.Gallen beschäftigt.
von Natalie Milsom
Die 18-jährige Seraina Gerster aus Degersheim hat sich in ihrer Maturaarbeit mit dem Frauenhaus St.Gallen beschäftigt. (Bild: Natalie Milsom)

«Für mich war sofort klar, dass ich gerne etwas Geschichtliches machen möchte», erzählt die 18-jährige Seraina Gerster bei einem Treffen an der Thur, gleich hinter der Kanti Wattwil. «Aber mir war es auch sehr wichtig, dass ich Zeitzeugen befragen konnte. Ich hätte kein Thema gewählt, bei dem man nur alte Schriften wälzt. Interviews mit echten Personen bringen so viel mehr Leben in ein Thema.»

Da sich die Maturandin der Kanti Wattwil auch für feministische Themen interessiert, beschloss sie, das Frauenarchiv Ostschweiz zu besuchen, um sich da für ihre Maturaarbeit inspirieren zu lassen. «Das war sehr beeindruckend und schon fast etwas überwältigend. Aber nach einer Weile hatte ich den Überblick und realisierte, dass für mich nicht alles gleich interessant ist.»

Das Personal empfand die Maturandin als sehr hilfsbereit. Vor allem die Dokumente zum Frauenhaus St.Gallen sprangen ihr ins Auge. Da gab es unter anderem persönliche Berichte und Briefe, die von der Kraft und Ausdauer der Gründerinnen zeugten. Seraina Gerster wusste, dass sie ihr Thema gefunden hatte.

Ein berührendes Interview

Bei ihren Recherchen stiess sie auf Luce Iten, eine der Gründerinnen, und kontaktierte diese. Sie war zu einem Interview bereit und lud die junge Frau gleich zum Essen ein. Beim Gespräch war auch Silvia Vetsch dabei, die aktuelle Leiterin des Frauenhauses St. Gallen. «Dieses Interview hat mich so berührt. Es ist jetzt schon fast ein Jahr her, und trotzdem fällt mir fast täglich wieder etwas dazu ein.»

Das Gespräch hat Gerster gleich auf zwei Ebenen bewegt: Einerseits war die junge Maturandin erstaunt und schockiert, dass nach wie vor viele Frauen unter häuslicher Gewalt leiden. «Schon 1980, bei der Gründung, folgten die engagierten Frauen dem Motto: Das Frauenhaus soll überflüssig werden. Das ist jetzt 45 Jahre her. Und obwohl die Kapazität erweitert wurde und sich die Gesetze geändert haben, besteht nach wie vor ein riesiger Bedarf.»

Es kommt vor, dass Opfer in Not in anderen Kantonen oder in vorübergehenden Behausungen untergebracht werden, weil der Platz fehlt. Gerster sagt dazu: «Obwohl das Problem der häuslichen Gewalt bekannt ist, hat das Frauenhaus zu wenig finanzielle Mittel und ist auf Spenden angewiesen.»

Andererseits war Gerster beeindruckt von der Person Luce Iten: «Die Frau ist so freundlich, und sie hat Unglaubliches geschafft. Sie steht mit beiden Füssen auf dem Boden und weiss, was es braucht. Die Frau ist fantastisch», schwärmt die Maturandin.

Bezugspunkte des Frauenhauses zum Toggenburg

Auch wenn das Frauenhaus in St.Gallen steht, gibt es mehrere Bezugspunkte zum Toggenburg. Es gibt regelmässig Toggenburgerinnen, die anrufen, um sich zu erkundigen, wo sie Unterstützung erhalten. Einige finden dort auch Zuflucht.

Zudem gibt es einige treue Spender und Spenderinnen aus dem Toggenburg, die das Frauenhaus regelmässig finanziell unterstützen. Diese Spenden kommen den Bewohnerinnen zugute, wenn sie sich zum Beispiel neu orientieren. Oder sie werden für ihre Kinder eingesetzt, sei es für einen Ausflug mit der Mutter oder für die Bezahlung eines wichtigen Hobbys. Und es gibt auch immer wieder Kirchgemeinden aus dem Toggenburg, die ihre Kollekte zugunsten des Frauenhauses machen.

Nicht nur an Geschichte interessiert

Die Maturandin ist nicht nur geschichtlich interessiert, ihr Schwerpunktfach ist Musik. «Ich spiele schon lange Klavier. Vor einigen Jahren beschloss ich, auch noch Geige zu lernen. Das wollte ich eigentlich schon lange, und es macht mir riesigen Spass.» Und wenn sie nicht selber Musik macht, dann tanzt sie dazu. «Am liebsten mache ich Jazztanz», verrät die junge Frau, die im Herbst wahrscheinlich ein Studium der Naturwissenschaften beginnen wird.

Aber zuerst gilt es, die Maturaprüfungen zu bestehen und anschliessend mit der Klasse das Ende der Kanti-Zeit zu feiern. «Wir gehen nach Barcelona. Einige von uns gehen mit dem Zug, das wird bestimmt ein tolles Abenteuer.»

Seraina Gerster ist zufrieden mit der Themenwahl ihrer Maturaarbeit. Nicht nur hat sie für die Arbeit eine glatte Sechs bekommen. Sie sagt: «Viel wichtiger ist, dass das Frauenhaus immer wieder Aufmerksamkeit bekommt. Wer weiss, vielleicht ermutigt das eine Person, sich dort Hilfe zu suchen, oder es findet sich ein wohltätiger Spender.»

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/ostschweiz/maturaarbeit-maturandin-der-kanti-wattwil-erforscht-geschichte-des-frauenhauses-stgallen-und-macht-auf-dessen-noete-aufmerksam-art-721467

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