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Jérôme Müggler: Die Ostschweiz ist näher am Weltraum als gedacht

Tagblatt-Kolumnist Jérôme Müggler ist Weltall-Fan. Dass die Raumfahrt für viele als überteuert gilt, empfindet er als Schade. Denn auch Ostschweizer Unternehmen tragen einen Teil zur Reise in Schwerelosigkeit bei.
Jérôme Müggler, Tagblatt-Kolumnist und Direktor der IHK Thurgau. (Bild: Niklas Thalmann)

Im April fand die Artemis II-Mission zum Mond statt. Mit einem Orion-Raumschiff umrundeten vier Menschen den Erdtrabanten erfolgreich. Ich fand das phänomenal und habe die Mission online verfolgt. Als Kind der 1980er-Jahre bin ich mit den Missionen der Space Shuttles aufgewachsen – inklusive passendem Spielzeug. Zwischen 1981 und 2011 flogen die fünf Raumfähren insgesamt 135 Mal in das All. Claude Nicollier flog zwischen 1992 und 1999 als einziger Schweizer vier Mal in einem Shuttle mit. All das begeistert mich bis heute.

Kürzlich habe ich ein Gespräch mitgehört, wo jemand sagte: «Wir haben genug Probleme auf der Erde, die wir nicht lösen können. Wir müssen nicht noch Geld verschwenden und zum Mond fliegen. Das bringt uns nichts.» Als Weltraum-Fan war ich konsterniert. Ich kann nachvollziehen, dass einem das aktuelle Weltgeschehen bedrückt, aber die Raumfahrt zwingt Ingenieur/innen zu Extremlösungen: minimales Gewicht, maximale Zuverlässigkeit, extreme Temperaturen, kein Wartungszugang und so weiter. Diese Anforderungen treiben Innovationen voran, die sich dann – oft mit erheblicher Zeitverzögerung – als zivile Produkte oder Verfahren durchsetzen.

Es gibt zahlreiche Beispiele: Spezialbeschichtungen für Raumanzüge sind heute in kratzfesten Brillengläsern oder Windschutzscheiben verbaut. Memory-Foam wurde für Sitzpolster in Raumkapseln entwickelt und ist heute in Matratzen und medizinischen Lagerungshilfen allgegenwärtig. Herzschrittmacher-Technologie wurde für Satelliten entwickelt. GPS, ein Militär- und Raumfahrtprojekt, untermauert heute jede Navigation, Logistiksteuerung und Präzisionslandwirtschaft. Photovoltaik wurde massgeblich für die Stromversorgung von Satelliten weiterentwickelt – die Kostendegression hat den Weg für die heutige Solar-Energie geebnet. Diese Liste liesse sich beliebig weiterführen.

Auch Ostschweizer Unternehmen sind im Weltraum-Geschäft tätig. Aus dem Thurgau ist die Firma Pureon hierfür ein schönes Beispiel. Pureon ist führender Anbieter von Lösungen für die Oberflächen-Bearbeitung von Hightech-Materialien. So wurden die Fenster des Orion-Raumschiffs der Artemis-Mission mit Poliermitteln von Pureon auf sehr hohe Präzision poliert. Die Astronauten haben die Erde und die Rückseite des Mondes auch dank Innovation aus unserer Region so klar sehen können. Anfang April hat das St.Galler Unternehmen Meteomatics seine Zusammenarbeit mit der NASA bekannt gegeben. In einem Pilotprojekt wird das hochauflösende Wettermodell von Meteomatics getestet, um die Bedingungen, welche für Raumfahrtstarts relevant sind, besser vorhersagen zu können. Nur zwei von vielen regionalen Unternehmen.

Unsere Fachhochschule Ost hat mit «Space@OST» eine Plattform, wo sie die entsprechenden Kompetenzen ihrer Institute bündelt und Studierende mit Unternehmen aus der Raumfahrtbranche verbindet. Das aktuell prominenteste Projekt ist der «MoonWalker»: Ein Forschungsteam der ETH Zürich und der Ost entwickelt gemeinsam mit Industriepartnern einen Laufroboter für zukünftige Erkundungsmissionen auf dem Mond. Das System soll an schwer zugängliche Orte wie Krater und Höhlen vordringen können. Sie sehen, (Ostschweizer) Space-Technologie bringt uns weiter – im Weltall und auf der Erde.

Jérôme Müggler stammt aus Frauenfeld und ist Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau. Er schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer und Toni Brunner, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.

 
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