Jérôme Müggler: Das Märchen vom einfachen Gestern
Früher, so höre ich immer wieder, sei in der Schweiz vieles einfacher gewesen. Überschaubarer und stabiler. Man wusste, wo es langgeht. Die Wirtschaft wuchs zuverlässig, Energie floss scheinbar selbstverständlich aus der Steckdose, die Bevölkerung war homogener, politische Mehrheiten klarer und die Beziehungen zum Ausland wirkten kalkulierbarer. Ob dieses Bild wirklich stimmt, sei dahingestellt. Sicher ist: Heute fühlen sich viele Entwicklungen schwieriger an.
Die Gründe liegen weniger darin, dass plötzlich alles schlechter geworden wäre. Vielmehr hat sich die Welt um uns herum beschleunigt. Wachstum, Demographie und Zuwanderung, Energieversorgung oder internationale Allianzen sind keine isolierten Themen mehr. Sie greifen ineinander, verstärken sich gegenseitig und verlangen Entscheidungen unter Unsicherheit. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft fragmentierter geworden. Interessen, Lebensrealitäten und Erwartungen unterscheiden sich stärker. Politik wird dadurch komplizierter – und langsamer.
Gerade in der Schweiz zeigt sich ein paradoxes Phänomen. Vieles machen wir eigentlich ziemlich gut. Die Institutionen funktionieren, die Wirtschaft ist robust, der Wohlstand nach wie vor hoch. Gleichzeitig machen wir häufig ein grosses Theater um kleine Schritte. Reformen werden zu jahrelangen Grundsatzdebatten, Pilotprojekte zu identitätspolitischen Stellvertreterkämpfen.
Dabei wäre gerade aktuell hilfreich, den Umgang mit Veränderung neu zu lernen. Wandel ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern Normalität. Die Frage ist nicht, ob er kommt, sondern ob wir ihn gestalten oder lediglich erdulden. Wer nur versucht, den Status quo zu verteidigen, merkt schnell, dass sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen lässt. Und wer einfach abwartet, wird von Entwicklungen getrieben, die andere längst aktiv formen.
Ein weiterer Aspekt ist Führung. Wandel braucht eine Vision – also eine Vorstellung davon, wohin sich ein Land entwickeln soll. Doch gerade hier zeigt sich eine Schwäche unseres politischen Systems. Die Exekutive sollte Orientierung geben, Prioritäten setzen und unbequeme Diskussionen führen. Aus meiner Sicht werden jedoch häufig nicht die mutigsten oder visionärsten Persönlichkeiten gewählt, sondern jene, die zur Verfügung stehen und am besten wählbar erscheinen.
Das führt dazu, dass grosse Herausforderungen zwar erkannt, aber selten entschlossen adressiert werden. Stattdessen bewegt sich vieles in kleinen, vorsichtigen Schritten – begleitet von Debatten über irrelevante Details. Veränderung gelingt zudem nur, wenn Menschen mitgenommen werden. Gute Vorbereitung, klare Kommunikation und ein nachvollziehbares Zielbild sind entscheidend. Gerade in einer direkten Demokratie gilt das umso mehr. Wer Wandel will, muss erklären, zuhören und Vertrauen schaffen.
Die Schweiz steht nicht vor unlösbaren Problemen. Aber sie steht vor der kulturellen Aufgabe, den eigenen Umgang mit Veränderung zu modernisieren. Nicht nostalgisch auf ein vermeintlich einfacheres Gestern zu schauen, sondern die Fähigkeit zu stärken, mit Komplexität, Geschwindigkeit und Vielfalt umzugehen. Gestern ist keine Strategie. Und Stillstand interessiert in einer dynamischen Welt vor allem eines nicht – die anderen.
Jérôme Müggler stammt aus Frauenfeld und ist Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau. Er schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer und Toni Brunner, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
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