«Müdigkeit ist ein Dauerthema»: In Ostschweizer Apotheken boomt der Absatz von Vitaminen, Eisen & Co.
Der Winter ist vorbei, doch bei vielen bleibt die Müdigkeit. Wer deshalb Rat sucht, findet oft den Weg in eine Apotheke oder Drogerie. Gefragt sind Mittel, die dem Körper zu mehr Energie verhelfen sollen: Multivitaminpräparate, Eisen oder B-Vitamine.
Eine Nachfrage bei mehreren Apotheken und Drogerien in der Ostschweiz zeigt: Müdigkeit ist kein saisonales Phänomen, sondern ein Dauerthema. Die Gründe dafür sind unterschiedlich – von Infekten über Stress bis zu allgemeinen Erschöpfungszuständen.
Coop Vitality Apotheke, St.Gallen
Eine genaue Statistik darüber, mit welchen Beschwerden Menschen in die Apotheke kommen, führe man zwar nicht, sagt Federica Petruzzelli, Co-Geschäftsführerin und fachverantwortliche Apothekerin (FPH) für Offizinpharmazie bei der Coop Vitality Apotheke St.Gallen. Aus der täglichen Praxis lasse sich aber beobachten, dass sich die dunkleren Monate durchaus bemerkbar machen können. Gleichzeitig sei Müdigkeit kein reines Winterphänomen. «Sie hängt stark von individuellen Lebensumständen ab. Etwa von Stress, Schlafqualität oder beruflicher Belastung.»

Die Beschwerden seien entsprechend unterschiedlich. Manche Kundinnen und Kunden suchen nach Infekten Unterstützung bei der Regeneration, andere berichten von allgemeiner Erschöpfung oder verminderter Leistungsfähigkeit.
Bei den Präparaten zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: In den Wintermonaten werde besonders häufig Vitamin D nachgefragt, oft kombiniert mit Vitamin K. Auch B-Vitamine sowie Kombinationspräparate mit verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen seien beliebt. Eisen spiele vor allem bei Frauen regelmässig eine Rolle – etwa bei bekannten niedrigen Eisenwerten oder nach ärztlicher Verschreibung.
Viele Menschen kämen zunächst mit einem unspezifischen Gefühl von Schlappheit in die Apotheke. «Entscheidend ist die individuelle Beratung», sagt Petruzzelli. Je nach Situation könne ein Präparat helfen oder bei Bedarf eine verschreibungspflichtige Medikation direkt vor Ort mitgegeben werden. In anderen Fällen sei es sinnvoller, die Beschwerden ärztlich abklären zu lassen.
Bahnhof-Apotheke, Romanshorn
«Es war eine heftige Grippesaison», sagt Catherine Zahner. Die Inhaberin der Bahnhof-Apotheke in Romanshorn registrierte deutlich mehr Grippeimpfungen als im vergangenen Jahr. Wie viele andere Berufskolleginnen und -kollegen in der Ostschweiz musste sie diesen Winter zusätzliche Impfdosen nachbestellen. Impfen liessen sich vornehmlich ältere Menschen – aber auch solche, die entweder mit Kleinkindern oder Seniorinnen und Senioren Umgang haben.
Entsprechend hoch war auch der Absatz von Erkältungsmitteln und Aufbaupräparaten wie Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Sie helfen, nach einer überstandenen Grippe- oder Coronaerkrankung wieder zu Kräften zu kommen. Während der Pandemie erlebten diese Produkte einen regelrechten Boom – «mittlerweile sind Nahrungsergänzungsmittel aber das ganze Jahr über gefragt», betont Catherine Zahner. Ein Grund: Der Longevity-Trend – das Bestreben also, alt zu werden und dabei möglichst fit zu bleiben.

Entscheidend ist laut Catherine Zahner, dass die genaue Ursache für die Müdigkeit zunächst abgeklärt wird. Steckt nämlich nicht eine überstandene Grippe oder eine schwere Erkältung hinter der Erschöpfung, können auch verschiedene körperliche Erkrankungen, psychische Belastungen oder Nährstoffmangel – Stichworte beispielsweise Eisen oder Vitamin D – ursächlich für die Müdigkeit sein. Genauso verhält es sich, wenn die Müdigkeit durch Heuschnupfen hervorgerufen wird.
Drogerie Müllheim
Manuela Rupp, Inhaberin der Drogerie in Müllheim, bestätigt die Beobachtung, dass Aufbaupräparate beziehungsweise Vitamine mittlerweile das ganze Jahr über nachgefragt werden. «Müdigkeit ist ein Dauerthema», sagt sie. Zum einen werden Menschen nicht nur im Winter krank, und man sei tendenziell länger nicht fit als früher. Zum anderen kommen vor dem Sommer insbesondere Jugendliche, die vor ihrer Lehrabschlussprüfung stehen, in die Drogerie, um nach Vitaminpräparaten zu fragen. Und nach den Sommerferien geht es schon bald wieder in Richtung Herbst und Winter, wo neben Erkältungen oder der Grippe vielen auch der Stress im Geschäft zusetzt.
«Man will möglichst viel unter einen Hut bringen job- und hobbymässig», sagt Manuela Rupp zusammenfassend. Ein Boost durch Multivitamin- und Mineraltoffpräparate komme vielen gelegen. Dazu komme der Longevity-Trend. Wobei es nach wie vor das Beste sei, sich gesund zu ernähren und sich genügend zu bewegen, wie die Drogistin betont. «Aber genau dafür fehlt vielen Menschen leider die Zeit.»
Dropa Apotheke zur Eiche, Herisau
Ähnlich ordnet Petra Hagel, Geschäftsführerin der Dropa Apotheke zur Eiche in Herisau, das Phänomen ein. Von einer saisonal bedingten Frühjahrsmüdigkeit wolle sie nicht sprechen. «Die Beschwerden sind real, aber sie werden sehr individuell wahrgenommen», sagt Hagel. Eine Rolle spiele auch die Erwartung an sich selbst: Wenn die Tage länger und heller werden, möchten viele Menschen automatisch wieder fit und trainiert sein. Dieses Gefühl stellt sich jedoch – aus der Winterruhe kommend – nicht automatisch ein und könne als Müdigkeit wahrgenommen werden.
Welche Präparate sinnvoll sein können, lasse sich nur individuell gut beantworten. «Ich wehre mich gegen Patentlösungen, gegen das einzig richtige Präparat», sagt Hagel. Grundsätzlich hänge vieles mit Ernährungsgewohnheiten zusammen. Bei einigen Ernährungsstilen etwa, könne eher ein Bedarf an Vitamin B12, Eisen oder Vitamin D bestehen.
Ausserdem beobachtet Hagel, dass viele Menschen heute generell stärker auf ihre Gesundheit achten – und möglichst lange fit bleiben möchten. So individuell der Mensch, so unterschiedlich seien auch die Anliegen der Kundschaft. Manche kämen mit einer konkreten Vermutung in die Apotheke, andere suchten zunächst nur Orientierung.
Doch sowohl die Selbsteinschätzung der Kundinnen und Kunden als auch die Beratung in der Apotheke haben ihre Grenzen. Nicht jede Müdigkeit lasse sich mit Vitaminen oder Nahrungsergänzungsmitteln lindern. «Wenn Müdigkeit mit ungewolltem Gewichtsverlust verbunden ist oder Beschwerden über längere Zeit anhalten und sich nicht plausibel erklären lassen, raten wir dazu, die Ursachen ärztlich abklären zu lassen», sagt Hagel.
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