Carla Maurer: Sisterhood statt Säuselstimme
Crashkurs in europäischer Kirchengeschichte. Nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu hat ein Mann namens Paulus das Christentum gegründet (siehe die schwer lesbaren Briefe im Neuen Testament). Nach tausendjährigem Zoff unter den Kirchenherren über die korrekte Deutung des Christentums hat sich die Kirche in die orthodoxe Ostkirche (mit Zentrum Byzanz) und die lateinische Westkirche (mit Zentrum Rom) gespalten. Die ganze Zankerei ging fünfhundert Jahre später in der Westkirche in eine neue Runde. Die Protestanten haben gegen alle möglichen Missstände protestiert, es wurde gekriegerlt, erdolcht und intrigiert, et voilà, römisch-katholische Kirche (Chef: der Papst) und zahlreiche reformatorische Kirchen (Chef: keiner und alle) waren das Resultat. Im 19. Jahrhundert wurde dann noch eine Gruppe von Katholiken exkommuniziert, weil sie sich gegen den Lehrsatz des Papstes als unfehlbares Oberhaupt stellten, und seither gibt es in und um die Schweiz noch die Christ-(Alt-)Katholiken. Frauenordination inbegriffen. So. Jetzt sind Sie à jour. Für eine umfassende Lektion in Kirchengeschichte wenden Sie sich gerne an Ihre KI.
Warum ich das erzähle? Ich war gerade in Marburg an einer Konferenz mit Frauen aus unterschiedlichsten Kirchen Europas. Eine ökumenische Versammlung nennt sich das im Fachjargon. Seit 16 Jahren treffe ich mich immer wieder mit diesen Frauen. Es ist ein bisschen wie ein Klassenlager für Erwachsene. Wir fallen uns um den Hals, kichern wie Teenager und gehen gestärkt und inspiriert nach Hause, obwohl wir uns in zahlreichen Dingen grundlegend uneinig sind und bei Diskussionen auch mal protestartig den Saal verlassen.
Da sind fünf Frauen aus der Ukraine, die für ein paar Tage dem Krieg entkommen und eine zweitägige Anreise auf sich nehmen. Meine langjährige Bekannte aus Lviv erzählt mir erfreut, dass ihre Tochter den Master abgeschlossen und eine gute Stelle gefunden hat. Da sind die vielsprachigen Armenierinnen, geprägt vom kulturellen Melting Pot zwischen Europa und Asien. Eine von ihnen, unsere orthodoxe Co-Präsidentin, wurde am Flughafen Frankfurt abgewiesen. Die 190 Tage ihres Dauervisums waren bereits überschritten. Aus den westeuropäischen Ländern kommen viele ältere Semester, die bereits vor dem Mauerfall Zusammenkünfte organisiert und nach der Chernobyl-Katastrophe Kinder zur Erholung in den Westen geholt haben.
Die KI kann vieles: Paulinische Briefe erklären und Kirchengeschichte zusammenfassen. Aber keine einzige dieser Begegnungen kann sie auch nur ansatzweise ersetzen. Wir diskutieren, was wir denn machen können, für den Frieden, für die Rettung der Erde, und wie wir unsere Kinder auf eine Welt vorbereiten, die wir uns nicht ansatzweise vorstellen können. Alles, was wir tun, scheint wie ein Tropfen auf den heissen Stein.
Immerhin haben wir einander. Solange wir zusammenkommen, manche von uns mühselig am Stock, andere trotz Krieg und strengen Grenzkontrollen, inmitten zahlreicher Alltagsverpflichtungen oder Uniprüfungen, haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben. Mir scheint, wir leben in einer Zeit, in der das allein schon ziemlich viel ist. Sisterhood stärkt die Resilienz und hält die Hoffnung am Leben. Das kann die KI trotz ihrer säuselnden weiblichen Stimme nicht. Sie darf aber gerne einmal mitkommen.
Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist als Pfarrerin bei der Reformierten Kirche Zürich im Kirchenkreis 3 tätig. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben






Kleines Vademecum für Kommentarschreiber
Wie ein Kommentar veröffentlicht wird – und warum nicht.
Wir halten dafür: Wer sich an den gedeckten Tisch setzt, hat sich zu benehmen. Selbstverständlich darf an der gebotenen Kost gemäkelt und rumgestochert werden. Aber keinesfalls gerülpst oder gefurzt.
Der Gastgeber bestimmt, was für ihn die Anstandsregeln sind, und ab wo sie überschritten werden. Das hat überhaupt nichts mit Zensur zu tun; jedem Kommentarschreiber ist es freigestellt, seine Meinung auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen.
Jeder Artikel, der auf vaterland.li erscheint, ist namentlich gezeichnet. Deshalb werden wir zukünftig die Verwendung von Pseudonymen – ausser, es liegen triftige Gründe vor – nicht mehr dulden.
Kommentare, die sich nicht an diese Regeln halten, werden gelöscht. Darüber wird keine Korrespondenz geführt. Wiederholungstäter werden auf die Blacklist gesetzt; weitere Kommentare von ihnen wandern direkt in den Papierkorb.
Es ist vor allem im Internet so, dass zu grosse Freiheit und der Schutz durch Anonymität leider nicht allen guttut. Deshalb müssen Massnahmen ergriffen werden, um diejenigen zu schützen, die an einem Austausch von Argumenten oder Meinungen ernsthaft interessiert sind.
Bei der Veröffentlichung hilft ungemein, wenn sich der Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht, im besten Fall sogar Argumente anführt. Unqualifizierte und allgemeine Pöbeleien werden nicht geduldet. Infights zwischen Kommentarschreibern nur sehr begrenzt.
Damit verhindern wir, dass sich seriöse Kommentatoren abwenden, weil sie nicht im Umfeld einer lautstarken Stammtischrauferei auftauchen möchten.
Wir teilen manchmal hart aus, wir stecken auch problemlos ein. Aber unser Austeilen ist immer argumentativ abgestützt. Das ist auch bei Repliken zu beachten.
Wenn Sie dieses Vademecum nicht beachten, ist das die letzte Warnung. Sollte auch Ihr nächster Kommentar nicht diesen Regeln entsprechen, kommen Sie auf die Blacklist.
Redaktion Vaterland.li
Diese Regeln haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.zackbum.ch übernommen.