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Carla Maurer: Sisterhood statt Säuselstimme

Tagblatt-Kolumnistin Carla Maurer trifft sich seit Jahren mit Frauen aus unterschiedlichsten Kirchen Europas. Sie streiten, lachen, verlassen auch mal protestierend den Saal – und reisen trotzdem gestärkt nach Hause. Sisterhood, wie sie es nennt. Das kann keine KI auf der ganzen Welt ersetzen.
Carla Maurer, St.Galler Pfarrerin im Kirchenkreis 3, Zürich und Tagblatt-Kolumnistin. (Bild: Samuel Schalch)

Crashkurs in europäischer Kirchengeschichte. Nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu hat ein Mann namens Paulus das Christentum gegründet (siehe die schwer lesbaren Briefe im Neuen Testament). Nach tausendjährigem Zoff unter den Kirchenherren über die korrekte Deutung des Christentums hat sich die Kirche in die orthodoxe Ostkirche (mit Zentrum Byzanz) und die lateinische Westkirche (mit Zentrum Rom) gespalten. Die ganze Zankerei ging fünfhundert Jahre später in der Westkirche in eine neue Runde. Die Protestanten haben gegen alle möglichen Missstände protestiert, es wurde gekriegerlt, erdolcht und intrigiert, et voilà, römisch-katholische Kirche (Chef: der Papst) und zahlreiche reformatorische Kirchen (Chef: keiner und alle) waren das Resultat. Im 19. Jahrhundert wurde dann noch eine Gruppe von Katholiken exkommuniziert, weil sie sich gegen den Lehrsatz des Papstes als unfehlbares Oberhaupt stellten, und seither gibt es in und um die Schweiz noch die Christ-(Alt-)Katholiken. Frauenordination inbegriffen. So. Jetzt sind Sie à jour. Für eine umfassende Lektion in Kirchengeschichte wenden Sie sich gerne an Ihre KI.

Warum ich das erzähle? Ich war gerade in Marburg an einer Konferenz mit Frauen aus unterschiedlichsten Kirchen Europas. Eine ökumenische Versammlung nennt sich das im Fachjargon. Seit 16 Jahren treffe ich mich immer wieder mit diesen Frauen. Es ist ein bisschen wie ein Klassenlager für Erwachsene. Wir fallen uns um den Hals, kichern wie Teenager und gehen gestärkt und inspiriert nach Hause, obwohl wir uns in zahlreichen Dingen grundlegend uneinig sind und bei Diskussionen auch mal protestartig den Saal verlassen.

Da sind fünf Frauen aus der Ukraine, die für ein paar Tage dem Krieg entkommen und eine zweitägige Anreise auf sich nehmen. Meine langjährige Bekannte aus Lviv erzählt mir erfreut, dass ihre Tochter den Master abgeschlossen und eine gute Stelle gefunden hat. Da sind die vielsprachigen Armenierinnen, geprägt vom kulturellen Melting Pot zwischen Europa und Asien. Eine von ihnen, unsere orthodoxe Co-Präsidentin, wurde am Flughafen Frankfurt abgewiesen. Die 190 Tage ihres Dauervisums waren bereits überschritten. Aus den westeuropäischen Ländern kommen viele ältere Semester, die bereits vor dem Mauerfall Zusammenkünfte organisiert und nach der Chernobyl-Katastrophe Kinder zur Erholung in den Westen geholt haben.

Die KI kann vieles: Paulinische Briefe erklären und Kirchengeschichte zusammenfassen. Aber keine einzige dieser Begegnungen kann sie auch nur ansatzweise ersetzen. Wir diskutieren, was wir denn machen können, für den Frieden, für die Rettung der Erde, und wie wir unsere Kinder auf eine Welt vorbereiten, die wir uns nicht ansatzweise vorstellen können. Alles, was wir tun, scheint wie ein Tropfen auf den heissen Stein.

Immerhin haben wir einander. Solange wir zusammenkommen, manche von uns mühselig am Stock, andere trotz Krieg und strengen Grenzkontrollen, inmitten zahlreicher Alltagsverpflichtungen oder Uniprüfungen, haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben. Mir scheint, wir leben in einer Zeit, in der das allein schon ziemlich viel ist. Sisterhood stärkt die Resilienz und hält die Hoffnung am Leben. Das kann die KI trotz ihrer säuselnden weiblichen Stimme nicht. Sie darf aber gerne einmal mitkommen.

Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist als Pfarrerin bei der Reformierten Kirche Zürich im Kirchenkreis 3 tätig. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.

 
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