Carla Maurer: Kirche und Queerness – zwischen Unsicherheit und Zugehörigkeit
Nach dem Gottesdienst stehen Gemeindeglieder an hohen Bartischen beim Kirchenkaffee zusammen. Die meisten Menschen kennen sich. Einige sind neu. Wie die zwei Männer, geschätzt Ende Dreissig, mit denen ich ins Gespräch komme. Sie seien aus der Region, schon lange befreundet, und besuchten manchmal Gottesdienste zusammen, antworten sie auf meine neugierigen Fragen. Ich vermute, sie sind ein Paar.
Die Begegnung bringt mich zum Nachdenken. Wie können queere Gottesdienstbesucher*innen eigentlich wissen, ob sie in einer neuen Kirche und bei einer unbekannten Pfarrerin safe sind? Können sie nicht. Zwei Wochen später liegt das online bestellte und lange überfällige Regenbogen-Armbändeli in meinem Briefkasten. Ich trage es seither beim Gottesdienst an meinem Handgelenk.
Anfang Jahr machte die Co-Präsidentin der Jungen EVP, Lea Blattner, ihren Rücktritt aus ihrer Partei bekannt. Diese wurde zu einem bedrohlichen Ort, nachdem sie offen über ihre Homosexualität gesprochen hatte. In einem Interview mit dem Tagesanzeiger sagte sie, dass «Homosexualität in christlichen Kreisen (…) noch immer ein Tabuthema» sei. Da musste ich leer schlucken. Die Aussage von Frau Blattner weist auf schmerzhafte individuelle Erfahrungen hin. Homophobie ist Realität in vielen kirchlichen Gemeinschaften.
Es gibt aber auch eine andere Realität. In unseren Kirchen arbeiten, leiten, feiern und engagieren sich vielerorts queere Menschen. Pfarrpersonen mit gleichgeschlechtlichen Partner:innen und Eheleuten wohnen in unseren Pfarrhäusern. In der Flughafenkirche Zürich amtet Seelsorger*in Rhea Schait [sie/they]. Viele queere Menschen haben gerade in Kirchen den ersehnten Ort der Zugehörigkeit und Akzeptanz gefunden, zum Beispiel in der Mosaic Church bei Pfarrerin Priscilla Schwendimann.
Homosexualität ist in christlichen Kreisen kein Tabuthema. In den Kirchen fliegen die Fetzen, wir Christ:innen ringen weltweit und konfessionsübergreifend um einen gemeinsamen Weg. Viele kirchliche Gemeinschaften sind deswegen gespalten. Das verunsichert. Je nach Gemeinde kann die Reaktion so oder so ausfallen. Queere Menschen müssen sich vorsichtig herantasten. Das sollte nicht sein. Deshalb, liebe Kirchenmenschen, bestellt euch heute noch ein Regenbogen-Gadget.
Die für mich wohl wichtigste Errungenschaft meiner Amtszeit an der Swiss Church in London ist die Lizenzierung für gleichgeschlechtliche Eheschliessungen, nachdem das Gesetz in Grossbritannien 2014 entsprechend geändert wurde. In England wird im kirchlichen Traugottesdienst gleich auch der amtliche Trauakt vollzogen, weshalb Kirchen sich bei der politischen Behörde aktiv um eine erweiterte Lizenz bewerben mussten. Es kostete mich rund acht Jahre Nerven, Geduld und viel Fingerspitzengefühl, um die Gemeinde auf diesem Weg zu begleiten.
Meine Pfarrkollegin Katrin Frey in Ägeri ZG, die damals als Kirchenpflegerin in London ebenfalls massgeblich beteiligt war, erzählte mir kürzlich von einer Begegnung mit einer Oberstufenschülerin im ökumenischen Unterricht. Diese sah den Regenbogenpin an ihrer Jacke und wollte von der Pfarrerin wissen, ob das in der Kirche nicht eigentlich verboten sei. Zum Glück nicht, meinte Katrin, sie würde sonst nicht in der Kirche arbeiten und trägt den Pin konsequent – ausser an Beerdigungen –um Menschen zu zeigen, dass sie in ihrer Queerness bei ihr sicher sind.
Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sihltal. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
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