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Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner

Bedenkliche Tendenzen wegen Corona: «Wir sind in einer Wissenskrise»

Verschwörungstheorien, Wissenschaftsfeindlichkeit und das Ende der Vernunft: Was passiert gerade in unserer Gesellschaft, und wie kommen wir da wieder raus? Für Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner von der Universität St. Gallen sind die aktuellen Entwicklungen «keine Kleinigkeit» – und gefährlich für die Demokratie.
Valeska Blank
Valeska Blank
Thomas Beschorner, Wirtschaftsethiker. (Bild: SELWYN HOFFMANN)

Meinungen sind wichtiger als ­Fakten, der Wissenschaft wird nicht mehr geglaubt: Was passiert gerade in unserer Gesellschaft?
Thomas Beschorner: Das sind in der Tat bedenkliche Entwicklungen. Es handelt sich nicht um nur um eine moralische Krise im engeren Sinne. Durch die ­Coronapandemie ist noch etwas 
anderes sichtbarer geworden. Ich bezeichne das als epistemische Krise, also eine Wissenskrise der Gesellschaft. 

Eine Wissenskrise in welchem Sinn?
Wir können uns immer weniger auf ­gemeinsame Fakten einigen. Aus ­bestimmten Ecken werden wissenschaftliche Belege mehr und mehr hinterfragt, Fakten durch eigene Erzählungen ersetzt. Das ist nicht selten eher Glauben statt Wissen. 

Wie äussert sich das konkret?
Eine zunehmende Skepsis gegenüber Expertinnen und Experten und eine ­latente Wissenschaftsfeindlichkeit sind Beispiele dafür. Wenn seriöse wissenschaftliche Befunde nicht mehr in das eigene Welt- und Selbstbild passen, dann glauben es gewisse Menschen ­reflexartig einfach nicht. Man hinterfragt sich nicht selbst, sondern nimmt die Haltung an: Die anderen müssen falschliegen. Die lügen. Die sind gleichgeschaltet. Die sind von der Pharma­industrie gesponsert. In der Diskussion zur Coronapandemie findet man so ziemlich alle denkbaren Verschwörungserzählungen, die man sich vorstellen kann – manche kann man sich nicht einmal vorstellen.

Warum kommt es zu diesem Reflex bei gewissen Menschen?
Sie greifen zu solchen Erzählungen, um kognitiv mit den Widersprüchen zwischen dem eigenen Bild und dem, was die seriöse Wissenschaft präsentiert, klarzukommen und in der eigenen Position verharren zu können. Das ist in ­gewisser Weise bequem.

Die eigene Haltung ist also so starr, dass man gar nicht mehr anders kann.
Genau, ganz nach dem Motto: Ich bin okay, aber alle anderen nicht. 

Was bedeuten diese Tendenzen? Stecken wir in einer gröberen ­gesellschaftlichen Krise?
Ja. Was wir beobachten, ist besorgniserregend. Historisch gesehen gehören ein gemeinsamer Wissensbestand – also dass wir uns auf bestimmte Fakten einigen können –, und unsere demokratischen Institutionen zusammen. Ohne eine gemeinsame Wissensbasis ist ­unsere Demokratie gefährdet. Historisch kann man das gut rekonstruieren: Die Zeit der Aufklärung, als demokratische Institutionen geschaffen wurden, ging mit der Schaffung einer ganzen Reihe anderer Institutionen einher – ­allen voran die moderne Wissenschaft und das moderne Bildungswesen.

Die aktuellen Entwicklungen sind keine Kleinigkeit

Was hat das mit der aktuellen Krise zu tun?
Die Politik ist auch heute noch von wissenschaftlich fundierten Informationen abhängig, um vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Das heisst nicht, dass Politikerinnen und Politiker eins zu eins das machen müssen, was die Wissenschaft vorgibt. Im Gegenteil: Die Wissenschaft sollte nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern analysieren und aufzeigen, wie sich etwas verhält. Wenn nach Handlungsoptionen gefragt wird, kann die Wissenschaft dann ein Set von Optionen mit allen Vor- und Nachteilen präsentieren. Das ist die Grundlage für Demokratie. Die eigentlichen Entscheidungen, was umzusetzen ist, sollte aber in den Händen der Politik bleiben.

Ist die Demokratie in Gefahr?
Wir wollen gewiss nicht den Teufel an die Wand malen. Aber die aktuellen Entwicklungen sind keine Kleinigkeit, sondern können zu massiven politischen und gesellschaftlichen Problemen führen. Das betrifft das Politische, aber ebenso ganz konkrete Probleme in ganz alltäglichen Belangen.

In welcher Form?
Jeder kennt das mittlerweile: Im Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch im Kontakt mit Unbekannten muss man sich erst einmal «abchecken»: Welche Position hat das Gegenüber, zum Beispiel beim Thema Impfen? Dieses vorsichtige Abtasten im zwischenmenschlichen Bereich ist neu und hat in einer solchen Dimension meines Erachtens in dieser Form noch nie stattgefunden. 

Warum findet dieses gesellschaft­liche Abtasten überhaupt statt?
Die Gruppe der Corona- und Impfskeptiker ist nicht homogen. Man findet sie in verschiedenen politischen Parteien, in verschiedenen Bildungsschichten – sprich, jeder, der einem begegnet, könnte potenziell der Gruppe der Skeptischen angehören. 

Wo waren diese Menschen vorher, und warum spürt man sie jetzt so deutlich im alltäglichen Leben?
Hier erinnere ich an den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump: Er 
war derjenige, der zum ersten Mal von «alternativen Fakten» sprach. Das hat eine Schleuse geöffnet. Bei Corona kommt hinzu, dass es sich nicht um ein abstraktes Thema handelt, sondern es uns alle in irgendeiner Form sehr lebensweltlich betrifft: im Beruf, bei der Kinderbetreuung, im Freundeskreis. Überall – und sehr handfest.

Die persönliche Betroffenheit ist jetzt also unmittelbar da. 
Richtig, und das ist die Besonderheit dieser Krise. Jetzt kommen gewisse ­Bewegungen in der Gesellschaft plötzlich sehr deutlich an die Oberfläche. In dieser massiven gesellschaftlichen Krise sehen wir manche Dinge wie unter ­einem Brennglas, also nochmals deutlich detaillierter. Und die Reaktionen sind hoch emotional und mitunter denkbar weit entfernt von einem vernünftigen Diskurs.

Was wird dereinst über die Zeit, in der wir uns gerade befinden, in den Geschichtsbüchern stehen?
Als Wissenschaftler blicke ich natur­gemäss ungern in die Glaskugel. Aber diese Zeit wird von den Historikern der Zukunft sicher als einschneidend charakterisiert werden, das zumindest dürfte klar sein. 

Bleiben wir beim Blick in die ­Zukunft: Wie kommen wir denn als Gesellschaft aus dem Ganzen wieder raus?
Von anderen Pandemien weiss man, dass es verschiedene Phasen gibt. Nehmen wir die Spanische Grippe: Da gab es erst einmal eine Welle der Solidarität, wie wir sie am Anfang der Coronapandemie auch beobachtet haben. Davon ist jetzt nicht mehr viel übrig: Mir scheint es inzwischen einer Verhärtung der Fronten gewichen zu sein. 

Verkommen wir zu einer Gesellschaft von Egoisten?
Das kann passieren, obwohl ich mir natürlich etwas anderes wünsche. Ich wünsche mir, dass wir aus der Krise etwas lernen und etwas Positives daraus ziehen. Ich will übrigens nicht sagen, dass überhaupt nichts mehr Gutes stattfindet. 

Ich mag den Begriff Spaltung nicht

Welche positiven Tendenzen beobachten Sie?
Ich bin begeistert darüber, wie aufgeklärt Menschen mitunter über den Freiheitsbegriff nachdenken und diskutieren – beispielsweise darüber, dass Freiheit nicht bedeutet, dass ich einfach machen kann, was ich will. Vielen wird klar, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören – andere verstehen es jedoch leider immer noch nicht.

Was halten Sie vom Begriff Eigenverantwortung, der in gewissen Kreisen oft herumgereicht wird?
Dieses Wort möchte ich am liebsten auf den Index setzen, weil es auf eine völlig falsche Fährte führt. Was soll dieser Vorschub «eigen» in diesem Zusammenhang überhaupt heissen? Verantwortung bedeutet immer, Verantwortung gegenüber einem anderen Menschen zu übernehmen. 

Die Gesellschaft ist gespalten. Wie können wir die Risse jemals wieder kitten?
Ich mag den Begriff Spaltung nicht. Er suggeriert irgendwie fifty-fifty. Das stimmt aber nicht – eine Mehrheit würde zum Beispiel eine Impfpflicht befürworten. Man kann daher, wenn überhaupt, von einer Abspaltung sprechen. 

Wie können sich diese beiden «Lager» denn jemals wieder versöhnen?
Um diese Frage zu beantworten, müsste man die Gruppe der Skeptiker nochmals ganz genau anschauen. Es handelt sich um ein breites Spektrum mit sehr verschiedenen Ansichten. Wir bewegen uns vom ganz rechten Rand, dessen Vertreter die Gesellschaft zerstören wollen und über das nächste Vierte Reich fantasieren, bis hin zum ganz linken Rand mit eher esoterischen Weltbildern.

Ich würde die Flinte noch nicht ins Korn werfen

Und dann gibt’s noch ganz viele Menschen dazwischen.
Genau. Darum bräuchte es dringend Daten, die die Frage beantworten: Wer sind denn überhaupt die Corona- und Impfskeptiker? Das müsste man nach sozialen Gruppen und sozialen Milieus differenzieren. Erst, wenn diese Datengrundlage vorhanden ist, kann man sich überlegen, wie man diese Gruppen überhaupt anspricht. Mir ist völlig schleierhaft, weshalb es derart substanzielle Untersuchungen nicht gibt. Sie wären wichtig, um unterschiedliche Gruppe in unterschiedlicher Weise ansprechen zu können. 

Ganz ketzerisch gefragt: Muss man diesen Versuch überhaupt noch unternehmen?
Ich würde die Flinte noch nicht ins Korn werfen. Eine Untersuchung würde ­sicher ergeben, dass ein gewisser ­Prozentsatz von Menschen bereits zu ­radikal unterwegs ist, als dass man sie noch erreichen könnte. Aber es gibt ­sicher viele, mit denen man in den Dis­kurs treten kann. Reden, diskutieren, auch kontrovers, ist einfach zu wichtig. Das macht das Wesen von Demokratie aus. Und Demokratie sollte uns wichtig, ja wesentlich sein!

Können Sie eine Vision der zukünftigen Gesellschaft nach der Pandemie skizzieren – eine utopische und eine dystopische?
Im düsteren Szenario haben wir uns ­zerfleischt und sind zurückgefallen in Ideen aus der Zeit vor der Aufklärung. Wir haben Wissenschaft durch Religion ersetzt. Ein Überwachungsstaat wurde installiert. Wir verwechseln Freiheit mit Freizeit und leben so eine Freiheit, die gar keine mehr ist. Die Gesellschaft wäre eine Ansammlung von Egoisten.

Und wie sieht die Utopie aus?
Bestenfalls haben wir nach der Krise eine neue Solidarität eingeübt. Wir ­begegnen uns als Bürgerinnen und Bürger mit all ihren Pflichten und mit mehr Verantwortung und mehr Aufmerksamkeit gegenüber anderen. Es ist eine Solidarität, die uns als Menschen, jeden einzelnen von uns ausmacht; an der wir wachsen und die zu mehr Menschlichkeit beiträgt. Glücklich macht sie uns obendrein! 

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