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Italiens «dritte Apokalypse» ist perfekt - doch nur einer entschuldigt sich

Nach der erneuten Nicht-Qualifikation der Squadra Azzurra für die WM-Endrunde — der dritten in Folge! - ist die ehemalige Fussballnation Italien nicht traurig, sondern nur noch genervt. Warum sich kaum was verändert.
Das dritte Mal hitereinander nicht an der WM: Italiener verstehen die Welt nicht mehr. (Bild: Tiziana Fabi/AFP)
Wer übernimmt die Verantwortung für das Versagen? Der Präsident nicht. (Bild: Nidal Saljic/EPA)

«Das Drama ist kein Drama mehr, es ist Gewohnheit. Wir sind nun mal so, wie wir sind: Wenig mehr als nichts. Und wir sind erneut draussen», kommentierte die Römer Zeitung «La Repubblica» die Niederlage im alles entscheidenden Playoff-Spiel vom Dienstagabend in Zenica gegen Bosnien-Herzegowina.

Der Mailänder Corriere della Sera pflichtete bei: «Zum dritten Mal in Folge sind wir bei der WM-Endrunde nicht dabei, und es existiert nicht einmal mehr die Wut und das ungläubige Erstaunen, das wir vor vier und vor acht Jahren empfunden hatten. Es gibt nur noch Resignation und Unbehagen», schrieb die grösste Zeitung des Landes.

Nach der WM-Pleite Nummer 1 und 2 hatten die Schlagzeilen nach dem Ausscheiden jeweils noch so und ähnlich gelautet: «Italien weint». Jetzt titelte die Gazzetta dello Sport auf der Frontseite: «Tutti a casa!» (Geht doch) alle nach Hause!

Das sind die drei Probleme

Den Millionären der Squadra Azzurra hatten im Elfmeterschiessen die Nerven geflattert: Nur einer von drei Spielern traf, während die Heimmannschaft vier von vier Schüssen mit unaufgeregter Coolness im Tor von Gianluigi Donnarumma versenkte. Die «dritte Apokalypse» (Gazzetta dello Sport) war perfekt. Vor der Penalty-Lotterie hatten die italienischen Nationalspieler während 80 Minuten (inklusive der Verlängerung) gegen die beherzt kämpfenden Gastgeber in Unterzahl gespielt, nachdem Innenverteidiger Alessandro Bastoni wegen eines Notbremse-Fouls in der 41. Minute die rote Karte gesehen hatte.

Doch die numerische Unterlegenheit liessen die italienischen Tifosi nur bedingt als Entschuldigung für den enttäuschenden Auftritt der Azzurri gelten. Tatsächlich hatten diese im Unterschied zum Gegner nie den Eindruck hinterlassen, das Spiel unbedingt gewinnen zu wollen. Davon zeugt auch der Ballbesitz, der zu zwei Dritteln bei Bosnien-Herzegowina lag.

Wie nach dem Scheitern in den Playoffs für die WM von 2018 in Russland (gegen Schweden) und für die WM 2022 in Katar (gegen Nordmazedonien) reden nun wieder alle von einer «Stunde null» und davon, dass jetzt - jetzt aber wirklich! - alles anders werden müsse. Dabei sind die Probleme des italienischen Fussballs seit Jahren bekannt.

Problem Nummer eins: Die italienischen Topvereine kaufen lieber Stars aus dem Ausland ein als in die eigene Nachwuchsabteilung zu investieren. Problem Nummer zwei: Die Serie A kann bezüglich Spielrhythmus längst nicht mehr mit dem modernen Fussball mithalten, der etwa in Spanien, Frankreich und Deutschland praktiziert wird. Problem Nummer drei: Italienische Spieler, aber auch die TV-Kommentatoren, neigen zu einer nur schwer erträglichen Larmoyanz: Statt unbedingten Siegeswillen an den Tag zu legen, jammern sie lieber - auch am Dienstagabend wieder - über tatsächliche oder angebliche Fehlentscheide des Schiedsrichters.

Der Präsident will nicht gehen

Die Wahrscheinlichkeit, dass aus den Fehlern der Vergangenheit nun endlich die richtigen Schlüsse gezogen werden, erscheint freilich als eher gering. Das Problem beginnt ganz oben: Der Präsident des italienischen Fussballverbands, der 72-jährige Gabriele Gravina, hatte schon Wochen vor dem Scheitern gegen Bosnien-Herzegowina durchblicken lassen, dass er seinen Sessel auch im Fall einer erneuten Nicht-Qualifikation nicht zu räumen gedenke.

Wer übernimmt die Verantwortung für das Versagen? Der Präsident nicht. (Bild: Nidal Saljic/EPA)

Und dabei blieb Gravina auch nach der «Apokalypse» vom Dienstagabend. Das muss man sich einmal bei anderen Mehrfach-Weltmeistern wie Brasilien und Deutschland vorstellen, nach drei Nicht-Qualifikationen für die WM in Folge… «In einem normalen Land und mit einem normalen Verbandspräsidenten wäre so etwas völlig undenkbar», stellte der Corriere della Sera ebenso zutreffend wie illusionslos fest.

Trainer mit Tränen in den Augen

Der Einzige, der von der Kritik ausgenommen wurde, ist Trainer Gennaro Gattuso: Die Tifosi und die Kommentatoren sind sich einig, dass er nicht als Sündenbock herbeigezogen werden kann. Nach der für den früheren Mittelfeldspieler und Weltmeister von 2006 unendlich bitteren Niederlage gegen Bosnien-Herzegowina hatte der grosse Kämpfer Tränen in den Augen, und er entschuldigte sich - als einziger - bei den Tifosi für die erneute Nicht-Qualifikation.

Auf einen möglichen Rücktritt angesprochen, erklärte Gattuso, dass dieser Abend jetzt nicht der Moment sei, über seine persönliche Zukunft nachzudenken. Aber auf eines kann man getrost wetten: Gattuso wird sein Amt alleine schon aufgrund seines Charakters abgeben. Und zwar ohne, dass er dazu aufgefordert werden muss.

 
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