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Jugend von der Politik im Stich gelassen? Sorry liebe Gen-Z, es ist Krieg in Europa

Bildung, Wohnen, Arbeit, Klima: Die Jungen seien gefrustet über die «gebrochenen Versprechen der Politik», heisst es. Bei allem Verständnis: Der Staat ist kein Lieferdienst mit Sorglos-Garantie.
Gegen «la vie chère», das teure Leben: Jugendproteste in Paris. (Bild: Teresa Suarez)

«Junge Menschen haben das Gefühl, dass sie die Politik im Stich lässt», sagt der Generation-Z-Experte Julius E. O. Fintelmann im Interview mit dieser Zeitung. Treiber der aktuellen Jugendproteste in Europa macht er fest am Frust über gestiegene Mieten, marode Schulen, tiefe Einstiegslöhne und allgemein eingetrübte Zukunftsaussichten. Die Politik habe ihre Versprechen gebrochen, bilanziert er – und deshalb sei die Generation Z nun wütend.

Wütend sind die Jungen tatsächlich, wie uns die Szenen aus Paris zeigen. Um es klipp und klar zu sagen: Die Gewaltexzesse der antikapitalistischen Chaoten und der kriminellen Plünderer sind untragbar. Aber die grosse Masse der Protestierenden macht ihrem Ärger friedlich Luft. Ihre sozialpolitischen Forderungen sind legitim. Trotzdem muss man fragen, ob im Gefühl, «im Stich gelassen worden zu sein», nicht bereits ein fundamentaler Denkfehler steckt.

Die Realität ist: Es gibt kein Versprechen auf eine günstige Wohnung, einen sicheren Job, steigenden Wohlstand oder allgemein darauf, dass es jeder Generation automatisch besser gehen muss als der vorherigen. Wer glaubt, der Staat oder eben die Politik könne solche Versprechen einlösen, der irrt sich grundlegend.

Diesen Irrtum hat die Generation Z nicht erfunden. Sie ist in einer Welt aufgewachsen, in der Wohlstand und Absicherung selbstverständlich wirkten. Vielleicht tritt er bei ihr besonders deutlich hervor, weil sich mit den grossen Umbrüchen unserer Zeit auch einige Illusionen auflösen.

Eine davon lautet, dass das Geld einfach so vom Himmel fällt. Oder etwas bürokratischer formuliert: dass der moderne Wohlfahrtsstaat seine Bürgerinnen und Bürger vor jeglichem wirtschaftlichen Unheil schützen kann.

Gerade Frankreich hat das über Jahrzehnte versucht. Seit dem Ende der «Trente Glorieuses» sprang der Staat immer wieder ein, wenn es wirtschaftlich ungemütlich wurde. Seit den 1980er-Jahren wuchsen die Schulden. In der Finanzkrise und zuletzt in der Corona-Krise kamen grosse Sprünge hinzu. Stets öffnete Paris das Füllhorn und federte die härtesten Zumutungen für seine Bevölkerung ab.

Geblieben ist nicht nur ein gewaltiger Schuldenberg. Geblieben ist auch die Erwartung und der Anspruch, Politik müsse genau das sein: reine Dienstleisterin des guten Lebens. Dieses Vollkaskomodell ist in Westeuropa leider verbreitet.

Dabei scheint auch ein Stück wirtschaftliches Grundverständnis verloren gegangen zu sein: Wohlstand, hohe Löhne, Jobs und günstige Wohnungen lassen sich nicht einfach politisch bestellen. Geld und Ressourcen sind begrenzt. Politik kann verteilen und abfedern, aber sie kann Knappheit nicht abschaffen. Das ist kein neoliberales Dogma. Sondern das Ein-mal-Eins unserer freien Marktwirtschaft.

Die bereits als überwunden geglaubte Knappheit wird nun wieder brutal sichtbar. Nicht nur wegen hoher Schuldenstände. Sondern weil sich die europäischen Staaten erneut auf ihre ursprünglichste Aufgabe konzentrieren müssen: Sicherheit. Genauer: Die physische Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger. Und das kostet Geld. Enorm viel Geld.

Den jungen Menschen auf den Strassen möchte man deshalb zurufen: Es ist Krieg in Europa. Das ist die Welt, in der heute Entscheidungen fallen – nicht jene, die wir uns wünschen.

Natürlich sind hohe Mieten und schlechte Schulen echte Probleme. Aber gemessen an dem, womit Gleichaltrige in der Ukraine konfrontiert sind, wirken manche Forderungen der westeuropäischen Generation Z eben auch wie Luxusprobleme. In Kiew und Charkiw geht es nicht um gratis ÖV oder die nächste Sozialleistung. Dort geht es darum, ob das eigene Land morgen noch existiert. Das sollte zumindest die Massstäbe zurechtrücken.

Aber tut es das auch? Man muss zweifeln. Denn für viele ist die eigene Lebensqualität längst zum wichtigsten Massstab dafür geworden, ob Politik noch funktioniert: meine Ausbildung, meine Miete, meine Work-Life-Balance. Das gilt freilich nicht nur für die Generation Z. Wenn die Benzinpreise wegen des Krieges im Nahen Osten steigen, sind es die älteren Semester, die als Erstes nach dem Tankrabatt rufen. Das eigene Befinden rückt ins Zentrum, während Krieg, Sicherheit und Staatsfinanzen schnell als Probleme erscheinen, mit denen sich «die Politik» beschäftigen soll.

Genau hier liegt die eigentliche Frage – und sie richtet sich an alle Generationen. Europa steht vor riesigen Herausforderungen. Womöglich weitet sich der Krieg noch aus. Verantwortung übernehmen bedeutet hier auch, Prioritäten zu akzeptieren und die eigenen Ansprüche zurückzustellen. Klassische Bürgertugenden halt. Haben sie noch Zukunft?

 
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