Wer Freiheit will, muss Verluste zulassen
Wir wollen tiefere Gesundheitskosten, aber unser Spital soll bleiben. Wir wollen mehr Wohnungen, aber das neue Haus lieber nicht vor der eigenen Haustür. Wir wünschen uns tiefere Steuern und weniger Staat, möchten aber auf die Leistungen, von denen wir selbst profitieren, ungern verzichten. Und wir befürworten Wettbewerb – solange er nicht den eigenen Beruf, das eigene Unternehmen oder die eigene Branche trifft.
Das ist eines der grossen Dilemmata einer wohlhabenden Gesellschaft. Der Schweiz geht es seit Jahrzehnten gut. Wir haben uns an Wohlstand, Sicherheit und einen leistungsfähigen Staat gewöhnt. Was früher Wohlstandsgewinn war, betrachten wir heute oft als selbstverständlich. Aus dem Luxus von gestern ist der Anspruch von heute geworden.
Das verändert den Blick auf Reformen. Wer wenig zu verlieren hat, sieht in Veränderung eher eine Chance. Wer viel erreicht hat, fragt zuerst, was auf dem Spiel steht. Verlust bedeutet dabei nicht Existenznot. Es kann heissen, Kaufkraft, Status oder Leistungen einzubüssen. Vielleicht liegt darin ein Grund für den schweren Stand liberaler Politik. Denn Liberalismus ist unbequem. Er verlangt Kostenwahrheit, Wettbewerb und Eigenverantwortung. Er stellt Privilegien infrage und akzeptiert, dass Strukturen verschwinden können, wenn sie nicht mehr funktionieren.
Besitzstände gibt es auch in der Wirtschaft. Unternehmen fordern offene Märkte, wehren sich aber gegen neue Konkurrenz. Branchen verlangen weniger Regulierung und kämpfen gleichzeitig für jene Regeln, die sie selbst schützen. Glaubwürdiger Liberalismus muss auch eigene Privilegien hinterfragen. Das ist politisch schwierig. Denn Verlierer einer Reform sind sofort sichtbar. Der Nutzen verteilt sich auf viele und zeigt sich später. Wer ein Privileg verliert, kämpft heute. Wer irgendwann von mehr Wettbewerb, tieferen Kosten oder höherer Produktivität profitiert, organisiert morgen keine Demonstration dafür.
Die Antwort kann nicht sein, Veränderung zu verhindern. Alternde Bevölkerung, künstliche Intelligenz, globale Konkurrenz und steigende Kosten werden uns ohnehin verändern. Wer jeden Arbeitsplatz, jedes Geschäftsmodell und jede Struktur schützt, schafft kurzfristig Sicherheit – und verhindert langfristig Erneuerung. Auch der Liberalismus muss dazulernen. Es genügt nicht, Menschen zu mehr Flexibilität aufzufordern und danach auf den Markt zu verweisen. Wer Wandel verlangt, braucht eine glaubwürdige Antwort für jene, die dabei tatsächlich verlieren.
Das könnte ein zeitgemässes liberales Versprechen sein: nicht Sicherheit vor Veränderung, sondern Sicherheit in der Veränderung. Nicht die Garantie auf den heutigen Beruf bis zur Pensionierung. Aber die Chance, sich auch mit 50 weiterzubilden, neu anzufangen oder nach einem Rückschlag wieder auf die Beine zu kommen. Vielleicht besteht die grosse Herausforderung einer reichen Gesellschaft deshalb nicht darin, immer noch mehr zu verteilen. Sondern darin, den Mut zur Veränderung zu bewahren, obwohl fast jeder etwas zu verlieren hat.
Denn Freiheit verspricht nicht, dass alles bleibt, wie es ist. Sie sollte aber die Chance bieten, aus Veränderung wieder etwas Neues zu machen.
Jérôme Müggler stammt aus Frauenfeld und ist Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau. Er schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer und Toni Brunner, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
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