Sie graben mit blossen Händen: In Venezuela wächst die Verzweiflung – Schweizer Retter ziehen traurige Bilanz
«Sie sagen, sie helfen. Aber in Wirklichkeit kommen sie nur, um Fotos zu machen», sagt Elisabeth wütend und meint die venezolanischen Beamten und Militärs. Vor Ort würden die Polizisten nur auf ihr Handy starren, statt mit anzupacken.
In den sozialen Medien kursieren Videos von verzweifelten Helfern in Venezuela, die Soldaten und andere Behördenmitglieder schreiend anflehen, sie sollen Maschinen zur Bergung und andere Hilfsmittel stellen. Viele von ihnen graben sich mit blossen Händen durch den Schutt.
Als Elisabeth am vergangenen Wochenende von der Hauptstadt Caracas in das normalerweise 40 Minuten entfernte La Guaira fuhr, habe man sie erst gar nicht in die Region fahren lassen wollen. «Wir sassen insgesamt vier Stunden im Auto», sagt die Unternehmerin am Telefon. Die Küstenstadt ist nach dem Erdbeben am vergangenen Mittwoch die am stärksten betroffene Region. Noch unterwegs habe sie angefangen, Kekse und Wasser zu verteilen.
Elisabeth suchte mit ihrem Mann nach Verwandten – vergeblich. Erst drei Tage später erfuhr sie, dass der Bruder ihres Schwagers und dessen Frau noch leben. «Sie hatten Glück», sagt sie.
Sie mussten zusehen, wie ihr Haus einstürzte
Das Paar war unterwegs, um ihr Auto zu tanken, als das erste Erdbeben der Stärke 7,2 den Boden in Venezuela zum Beben brachte. «Sie standen vor ihrem Wohngebäude und mussten zusehen, wie es einstürzte», so die Venezolanerin. Der Sohn des Paares sei zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung gewesen.
Noch immer weiss Elisabeth von mehreren Verwandten nicht, ob sie noch leben. Zurück nach La Guaira will sie aber nicht. «Die Leichen stapeln sich», sagt sie. Es seien lediglich Tücher über sie gelegt worden. Die Hilfskräfte kämen kaum mit den Leichensäcken nach. Bis Mittwoch wurden in Venezuela fast 2000 Tote gemeldet. Mehrere 10'000 Menschen werden noch vermisst.
Die Chancen, noch Überlebende zu bergen, ist mittlerweile gering, «da die entscheidende 72-Stunden-Frist nach der Katastrophe bereits überschritten ist», wie das Aussendepartement (EDA) auf Anfrage schreibt. Aus diesem Grund reiste die Schweizer Rettungskette am Mittwochabend Ortszeit wieder zurück nach Hause. Die 80 Expertinnen und Experten gehörten zu den ersten nicht-lateinamerikanischen Teams, die in die verwüsteten Gebiete gelangten.

«Es war ein schwieriger Einsatz», bilanziert Teamleiter Sebastian Eugster im Gespräch mit «Schweiz heute». Einerseits weil die Retter im Katastrophengebiet niemanden lebend bergen konnten. Andererseits wegen der Hitze. Diese trug zur hohen Zahl von Toten bei, wie Eugster sagt: «Es ist sehr heiss hier. Stellen Sie sich vor, wie schlimm sich das auf die verschütteten Menschen auswirkt.»
Dass es nicht gelang, Verschüttete lebend zu bergen, habe an der Stimmung im Team genagt. «Leben Retten ist unser Mandat», sagt der Teamleiter. Nach einem Lebenszeichen stundenlang mit der Bergung einer Person zu verbringen, und am Ende doch den Tod feststellen zu müssen, sei deprimierend. Aber: «Wir haben alles gegeben. Alles, was wir beeinflussen konnten, haben wir getan und jedes Mal bis zum Schluss die Hoffnung bewahrt», so Eugster.
Nach ihrer Abreise geht die Schweizer Hilfe in La Guaira weiter. Bereits Ende Woche soll ein Team des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe SKH eintreffen. «Dabei geht es darum, die Grundbedürfnisse der Überlebenden in den kommenden Wochen zu sichern, insbesondere was den Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen betrifft», so das EDA.
Nur Dreck und keine Kühlschränke
Diese Hilfe ist bitter nötig. «La Guaira ist zurzeit ein schrecklicher Anblick. Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet», sagt Elisabeth. Hinzu komme das Chaos. Alles sei dreckig. Etliche Essenslieferungen mussten weggeworfen werden, weil sie nicht rechtzeitig bei einer hungrigen Person waren. «Es gibt in La Guaira keinen Strom, also auch keine Kühlschränke», erklärt Elisabeth.

Sie habe sich dazu entschieden, in ihrer Heimatstadt, Caracas, zu helfen. Jeden Tag kocht sie für 40 Personen – Pasta mit Fleisch, Linsen, Reis, Sardinen – und bringt die abgepackten Portionen in das nahe gelegene «Dr. Jesús Yerana»-Spital. Wie viel sie jeweils kochen und wohin sie das Essen bringen soll, weiss Elisabeth dank einer Whatsapp-Gruppe.
Unter dem Titel «Freiwillige Helfer» gibt es etliche solche Gruppen: von «Essensverteilung» und «Übersetzer» über «psychische Unterstützung» und «Hausinspektionen» bis hin zu «Kinderbetreuung». Jede Gruppe hat jeweils mehrere Hundert Mitglieder.

Gerade beim Thema Kinder hat Elisabeth einen Knopf im Hals. «Es gibt so viele Kinder, die alleine sind», sagt sie. Diese seien neben dem erlebten Trauma, Verletzungen und Existenzängsten auch in Gefahr, entführt zu werden.
Genau für diesen Fall baue man vor Ort Kinderschutzzentren auf, wie Gabriel Vockel von Unicef zu «Schweiz heute» sagt. Er lebt mit seiner Familie in Caracas. Es sei wichtig, dass Kinder auch im Katastrophengebiet Plätze haben, «wo sie einfach Kinder sein können». Konkret bedeute das einerseits Spiele, Betreuung und Unterhaltung. Aber auch vermeintlich banale Vorkehrungen wie die Sicherstellung der Stromzufuhr für sichere, beleuchtete Toiletten und Duschen, wo sich keiner unbefugt Zutritt verschaffen kann.
Bei den meisten Kindern, die zurzeit alleine sind, redet man aber bis jetzt nicht von Waisen. Die Aufgabe sei nun, «die Kinder so schnell wie möglich wieder mit ihren Familien zusammenzubringen».
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