«Ich hatte solche Angst»: So erlebte Jill Biden den Moment, in dem Joe die Präsidentschaft verlor
Es ist ein guter Tag für Jill Biden. Die ehemalige First Lady feiert an diesem Mittwoch ihren 75. Geburtstag. Joe, dem Gatten, geht es den Umständen entsprechend, seine unheilbare Krebserkrankung ist unter Kontrolle.
Und das Publikum, vor dem sie in Washington über ihr neues Buch sprechen will, ist ihr wohlgesinnt. Jill erkennt sogar einige alte Bekannte in der historischen Synagoge: Hedieh, die im Weissen Haus für die Blumen-Arrangements verantwortlich war. Oder der namenlose Butler, der ihr jeweils ein Glas Wein reichte, wenn sie erschöpft «nach Hause» kam.
Das hilft. Denn Jill Biden muss heute auch über den wohl dunkelsten Moment ihres politischen Lebens Auskunft geben: Die dramatischen Tage im Frühsommer 2024, als der damalige Präsident Joe Biden nach einer desolaten Vorstellung in einer TV-Debatte mit Donald Trump gezwungen wurde, seine Kandidatur für eine zweite Amtszeit aufzugeben. Zwei Jahre ist das nun schon her, und eigentlich möchten die meisten demokratischen Parteifreunde nicht mehr über diese Episode reden.
Jill aber hat ein Buch zu verkaufen.
Also kommt sie, nach einigen zahmen Einstiegsfragen der Moderatorin, auf diesen Abend zu sprechen, an dem sich die Träume von Joe in Luft auflösten: «Diese desaströse Debatte.» Sie seien in den Tagen vor dem TV-Duell getrennt unterwegs gewesen, erzählt Jill. Er bereitete sich auf den republikanischen Kontrahenten vor, sie machte Wahlkampf. Als sie Joe wenige Stunden vor Beginn der Fernsehsendung in einem Hotelzimmer in Atlanta endlich wieder gesehen habe, sei ihr sogleich aufgefallen, wie «furchtbar» er aussehe. «Seltsam einfarbig», sei das Gesicht des 81-Jährigen gewesen, schreibt sie in ihrem Buch. Joe selbst soll mit heiserer Stimme gesagt haben: «Ich fühle mich nicht sehr gut.»
Ärzte untersuchten Biden angeblich nach der Debatte
Jill wischte diese Einwände anscheinend beiseite. «Es wird schon gut gehen», habe sie geglaubt. Joe blühe normalerweise auf, sobald er das Scheinwerferlicht sehe, erzählt sie dem Publikum.
Nicht an diesem Abend.
Jill erzählt, wie sie in Panik geriet, als der Präsident vor der Fernsehkamera unsinnige Stellungnahmen von sich gab. «Du meine Güte», habe sie sich gedacht, «was ist nur los?» Sie habe ernsthaft das Gefühl gehabt, Joe erleide gerade einen Schlaganfall, erzählt sie. So steht es auch im Buch. «Ich hatte solche Angst!»
Das Publikum hört atemlos zu. Und niemand scheint sich zu fragen, warum die Gattin des mächtigsten Mannes der Welt – dessen Altersbeschwerden eines der dominanten Wahlkampf-Themen war – fast 90 Minuten zuschaute, während Joe Biden angeblich einen medizinischen Notfall hatte.

27. Juni 2024 ihren Gatten Joe. (Bild: The Washington Post / Getty)
Joe soll am Ende der Debatte freimütig gesagt haben: «I really fucked up», ich habe es wirklich vermasselt. Aber die Ursache für dieses Versagen, über die will Jill auch zwei Jahre später nicht öffentlich sprechen. Selbstverständlich sei Joe gleich untersucht worden, von den Ärzten, die den Präsidenten ständig begleiten. Sie hätten nichts gefunden. «Sie sagten: Jill, es geht ihm gut.» Und deshalb habe sie auch heute noch keine Ahnung, was während dem TV-Duell passiert sei. «Es ist nicht so, als ob wir ein Geheimnis hüten. Wir wissen es schlicht nicht», sagt sie.
Am Schluss gibt es ein Geburtstagsständchen
An anderer Stelle sagt die loyale Politiker-Gattin: Der Druck, dem Joe in den Tagen nach der Debatte ausgesetzt worden sei, und der schliesslich zu seinem Rückzug führte, der sei «überwältigend» gewesen. Sie deutet an, dass sie damals der Meinung war, er hätte nicht aufgeben sollen. Und dass er nach 50 Jahren Dienst an der Öffentlichkeit die Unterstützung seiner Partei verdient hätte.
Das Publikum scheint gleicher Meinung zu sein. Den wohl lautesten Applaus gibt es für Jill, als sie erzählt, wie sie Joe am Morgen nach der Debatte gesagt habe: «Steht auf! Wir lassen es nicht zu, dass eine Debatte deine ganze Karriere prägen wird.»
Als das Publikum die Gelegenheit hat, Fragen zu stellen, will niemand wissen, ob es vielleicht nicht besser gewesen wäre, hätte Jill mit der Publikation ihres Buches bis nach der Wahl im November gewartet – weil viele Demokraten lieber nach vorne schauen und über den aktuellen Präsidenten sprechen möchten. Stattdessen nutzt die Moderatorin die letzte Minute des Anlasses, um ein Geburtstagsständchen für die ehemalige First Lady anzustimmen.
750 Menschen singen «Happy Birthday». Und Jill Biden lächelt.
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