Ein Kandidat im Frauenkleid, die Gouverneurin als Bankräuberin: So verändert KI den US-Wahlkampf
Natürlich sieht der Fernsehspot wie ein Deepfake aus. Die 15 Sekunden dauernde Werbung zeigt den Senatskandidaten James Talarico, wie er in einem Fummel ein Lied über seine Sympathien für Transmenschen singt. Zur Melodie eines Gassenhauers trällert der Demokrat aus Texas: «Das Geschlecht all deiner Nachkommen zu verändern – das gehört zu meinen Lieblingsdingen.»
Weil der künstlich hergestellte Werbespot keinen Hinweis auf KI enthält, bleiben uninformierte Zuschauerinnen und Zuschauer ratlos zurück. Auf dem Bildschirm ist nur zu lesen, dass die Gruppierung «Citizens for Sanity» das Filmchen in Auftrag gegeben hat. Zu den Geldgebern dieses Wahlkampfkomitees gehört auch Elon Musk, der reichste Mann der Welt.
Dieser Werbespot ist nur ein Beispiel von vielen für eine neue Entwicklung im amerikanischen Wahlkampf, die Beobachtern Angst macht: Immer mehr Werbematerial wird mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz hergestellt. Bereits haben Politiker und ihre Verbündeten mehr als 137 Millionen Dollar in Werbesendungen investiert, die teilweise oder vollständig mit KI produziert wurden.
Einige dieser Spots sind clever. So nutzte ein Kandidat in Oklahoma KI, um ein altes Foto von sich zu animieren. Nun lächelt er auf dem Bild, das ihn sonst als Polizist mit finsterem Blick gezeigt hätte.
Andere künstlich erzeugte Werbespots wiederum sind geradezu absurd, auch wenn sie echt aussehen. So setzt Bruce Blakeman, der republikanische Kandidat für den New Yorker Gouverneursposten, Künstliche Intelligenz ein, um das Versagen seiner politischen Gegnerin zu anzuprangern.
Ein Werbespot porträtiert Gouverneurin Kathy Hochul als Bankräuberin. Zusammen mit dem New Yorker Stadtpräsidenten Zohran Mamdani bestiehlt die Demokratin die Steuerzahler und lacht dabei diabolisch.
Aus dem Spot geht nicht hervor, dass er mit Hilfe von KI produziert wurde – obwohl eine solche Deklaration im Bundesstaat New York gesetzlich vorgeschrieben ist. 31 der 50 US-Staaten haben Gesetze gegen den Einsatz von KI in politischen Werbesendungen verabschiedet. Deshalb hat die Demokratische Partei von New York bereits eine Klage eingereicht. Blakeman weist den Vorwurf, er habe die Wähler täuschen wollen, allerdings zurück. Die entsprechenden Werbespots seien Satire, sagte er kürzlich einem TV-Sender.
Demokraten setzen KI zurückhaltender ein
An dieser Welle von künstlich hergestellten Reklamesendungen fällt auf, dass es vor allem Republikaner sind, die KI nutzen. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass Präsident Donald Trump ein Fan der Technologie ist und über offizielle Kanäle regelmässig erfundene Bilder und Videos verbreitet.
Die Demokraten hingegen setzen KI nur zurückhaltend ein, wie die parteipolitisch unabhängigen Forscher des Wesleyan Media Project herausgefunden haben. Sie begründeten das in Medieninterviews mit der Skepsis der amerikanischen Bevölkerung gegenüber gewissen Aspekten der neuen Technologie.
In Texas versucht James Talarico derweil, die Flut der künstlich erzeugten «attack ads» zu seinen Gunsten zu nutzen. In einem neuen Werbespot erwähnt der Senatskandidat die «fake» Videos, die sein Kontrahent und dessen Unterstützern verbreite. Dann sagt er: «Ich muss keine KI einsetzen, denn die Wahrheit über Ken Paxton ist schon schlimm genug.»
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