«Der amerikanische Traum lebt noch»: Eine Schicksalswahl für JD Vance
Wade Leatham macht aus seiner Schwäche für den amerikanischen Präsidenten kein Geheimnis. Der ehemalige Kampfjetpilot trägt ein farbenfrohes Hawaii-Hemd, auf dem Donald Trump gleich mehrmals abgebildet ist. Und falls das nicht reicht, dann legt Leatham gerne im persönlichen Gespräch nach. Der Präsident «ist sehr, sehr stark», sagt er zu «Schweiz heute».
Wir treffen Leatham am Rande eines Wahlkampfanlasses der Trump-Partei in der Provinz von North Carolina. In diesem politisch umkämpften Bundesstaat liegen die Nerven vieler Republikaner blank – weil das angebliche Zugpferd der Partei unbeliebt ist und ihm am Dienstag bei den Midterms eine Niederlage droht.
Also fliegt Vizepräsident JD Vance ein, um seinen Parteifreunden im «Swing State» North Carolina Mut zuzusprechen. Das Event, das praktischerweise auf einem Flugplatz stattfindet, auf dem «Air Force Two» landen kann, wurde kurzfristig angesagt. «Ich habe nur durch Zufall davon erfahren», sagt eine ältere Frau. Der Ansturm hält sich deshalb in Grenzen. Vielleicht 300 Menschen haben sich an diesem Werktag versammelt.
Vance ist in diesem Wahlkampf auf vielen Provinzflughäfen ein gern gesehener Gast. Ähnlich wie der Präsident reiste der 42-Jährige in den vergangenen Wochen kreuz und quer durchs Land. So wirbt er um Stimmen für seine Partei.
Damit hat es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
Denn ein Trump-Event gleicht einer langen Achterbahnfahrt: unterhaltsam, aber auch strapaziös. Wie ein geübter Komiker improvisiert der 80-Jährige, sobald er merkt, dass seine Zuhörer eine Passage besonders amüsant oder ungeheuerlich finden.
«Der amerikanische Traum lebt noch», sagt Vance
Vance hingegen hält sich im Wahlkampf 2026 an das bewährte Skript. Er spricht nur etwa 30 Minuten lang, und seine Reden sind damit rund eine Stunde kürzer als die von Trump. Der Vizepräsident ist kein geborener Entertainer. Selbst seine Fluchwörter wirken einstudiert.
Auffallend ist, wie viel Zeit Vance in seinen Reden dafür aufwendet, über sich selbst zu sprechen. Er nutzt den Wahlkampf, um sich an der republikanischen Basis als natürlicher Nachfolger von Trump zu etablieren. Der Präsident darf bekanntlich bei der nächsten Präsidentenwahl nicht noch einmal kandidieren.
Also erwähnt Vance in North Carolina einige Facetten seiner Biografie. Er betont, es sei nur in den USA möglich, dass der Sohn einer drogensüchtigen Mutter zum Vizepräsidenten des Landes aufsteige. «Der amerikanische Traum lebt noch», sagt Vance. Das ist der optimistische Teil der Rede.
Der Vizepräsident ist aber auch ein Ideologe. Also nutzt er seine Rede dazu, harte Kritik am politischen und wirtschaftlichen Machtkartell zu üben, das in Amerika lange Jahre den Ton angegeben habe. Die USA seien zu einem «universellen globalistischen Imperium» verkommen, behauptet er. Und die US-Politiker hätten sich stärker für die Menschen in Vietnam oder China interessiert als um die heimische Bevölkerung. Geändert habe sich das erst 2024, mit dem (zweiten) Wahlsieg von Trump, als auch North Carolina gesagt habe: «Wir haben es satt, ignoriert zu werden.»
Dass diese Aussage im Widerspruch zu dem Entscheid Trumps steht, den Iran-Krieg zu starten, blendet Vance aus. Auch erwähnt er in seiner Rede nicht, dass die Amerikaner wütend über die höheren Lebenshaltungskosten sind. Stattdessen spricht er darüber, dass die Amerikaner nun wieder «die Souveränität» hätten, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Vance klingt dabei wie ein europäischer Rechtspopulist.
Vance will seine interne Position stärken
Dem Publikum in North Carolina gefällt es. Die republikanischen Aktivisten klatschen am Ende der Rede begeistert, wohl auch aus Dankbarkeit. «Es ist eine grosse Ehre, dass der Vizepräsident Zeit für uns hat», sagt ein Zuschauer.
Ob sich dieser Dauerwahlkampf auch für Vance auszahlt, entscheidet sich am Dienstag nach der Schliessung der Wahllokale. Schneiden die Republikaner besser ab als erwartet, könnte das seine Position stärken.

Wade Leatham, der Trump-Fan mit dem Hawaii-Hemd, will allerdings nicht warten. Er sagt schon jetzt, dass er Vance «zu 100 Prozent» unterstützen werde, falls er als Präsident kandidiere. Und auch die Frage, ob der Vize die gleiche Zugkraft wie Trump besitze, beantwortet Leatham positiv. Er jedenfalls könne sich gut vorstellen, in zehn Jahren ein Vance-Hemd zu tragen. «Wenn ich eines habe, auf jeden Fall!»
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