«Er erinnert mich an Barack Obama»: Dieser Senator lässt Demokraten schwärmen
Als Jon Ossoff an diesem Sonntagnachmittag im Universitätsstädtchen Athens (Georgia) auf die Bühne eines Konzertlokals tritt, da passt jedes Detail.
Der Senator selbst wirkt jugendlich frisch: tiefe Stimme, makellose Frisur, ein körperbetontes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und eine grüne Freizeithose. Der 39 Jahre alte Familienvater sieht sportlich aus, ohne gleich in die Rolle des testosterongetriebenen Machos zu verfallen, die im MAGA-Milieu gerade sehr populär ist.
Auch auf der Bühne hat er nichts dem Zufall überlassen. Das Rednerpult des Demokraten ist geschickt platziert. Die Kameras, die den gross gewachsenen Senator oft aus der Froschperspektive filmen, fangen die sorgfältig ausgewählten Fans ein, die hinter ihm im Takt jubeln. Und natürlich prangt an der Wand eine überdimensionierte amerikanische Fahne. Zweifel an Ossoffs Patriotismus sollen gar nicht erst aufkommen.
Bis vor Kurzem galt Georgia noch als Republikaner-Hochburg
Diese Inszenierung weckt Erinnerungen an einen Hollywood-Streifen – was wohl auch damit zu tun hat, dass der Senator vor seinem Einstieg in die Politik als Dokumentarfilmer tätig war. Aber Ossoff ist nicht nur Fassade. Selbst konservative Zeitgenossen im Bundesstaat Georgia loben ihn für seinen Fleiss und seine Aktenkenntnis. Er besitzt zudem einen Stab, der sich angeblich vorbildlich um die Lösung von Problemen kümmert, die ganz normale Bürgerinnen und Bürger im Umgang mit der nationalen Steuerverwaltung oder dem Veteranenministerium haben.
Und weil Ossoff in diesem Herbst vom Republikaner Mike Collins herausgefordert wird, der einen ausgesprochen schwachen Wahlkampf führt, zweifeln nur noch wenige Beobachter an der Bestätigung des Demokraten – obwohl Georgia bis vor Kurzem eine Hochburg der Republikaner war.
Was also steckt hinter den Wahlkampfauftritten, die Ossoff alle drei bis vier Wochen in seinem Bundesstaat absolviert? Die einleuchtende Antwort: Der Senator hat Ambitionen auf Höheres. Während viele Parteifreunde sich noch abstrampeln, um am 3. November einen Sieg zu erringen, blickt er bereits auf die nächste Präsidentschaftswahl im Jahr 2028. Und niemand will ihm so recht glauben, dass er «kein Interesse» an einer Kandidatur fürs Weisse Haus hat, wie er kürzlich in einem Fernsehinterview sagte.
Ossoff ist ein scharfer Kritiker von Präsident Trump
Das Rennen um die Nachfolge von Donald Trump, das tatsächlich schon begonnen hat, ist offen. Bei den Republikanern steht Vizepräsident JD Vance auf dem vordersten Startplatz. Der 42-Jährige muss aber mit starker innerparteilicher Konkurrenz rechnen. In den Reihen der Demokraten wiederum gibt es nach dem schockierenden Triumph von Trump in der letzten Präsidentenwahl keinen Kronfavoriten. Jeder Amtsträger der Oppositionspartei, der etwas auf sich hält, wird sich deshalb in den nächsten Wochen als möglicher Retter des Landes ins Gespräch bringen.
Aus dieser Masse will Ossoff mit zwei Markenzeichen hervorstechen: der Schärfe seiner Kritik an Trump und seinem Einsatz der sozialen Medien.
Wie das aussieht, zeigt sich in Athens schon nach wenigen Minuten. Ossoff ist wahrlich nicht der einzige Demokrat, der mit der Amtsführung des Präsidenten unzufrieden ist. Nur wenige seiner Parteifreunde schaffen es allerdings, ihre Opposition zum Präsidenten derart knackig auf den Punkt zu bringen.
An diesem Nachmittag spricht Ossoff nur 35 Minuten lang. Aber fast jeder Absatz seiner Rede, die er bedächtig vorträgt, enthält einen scharfen Seitenhieb gegen den Präsidenten. Er bezeichnet Trump als «einen gebrochenen alten Mann» und als «Dienstverweigerer», der sich in Washington nur noch damit beschäftige, «ein Monument für sich selbst zu bauen» und Partys für die «Mar-a-Lago-Mafia» zu schmeissen. Dabei ignoriere der Präsident den Rest der Bevölkerung, die mit hohen Benzin- und Dieselpreisen zu kämpfen habe und nicht wisse, ob das Geld für den nächsten Besuch im Supermarkt oder eine Arztvisite reiche.
Diese Spitzen kommen im Publikum an. Rund 1400 Menschen klatschen begeistert, wenn Ossoff den ältesten Sohn des Präsidenten als «Prinz Don Junior» bezeichnet und der Trump-Familie vorwirft, sie sei zutiefst korrupt.
Ihre eigentliche Wirkung entfalten solche Aussagen aber erst ein paar Stunden später, nachdem das begabte Social-Media-Team des Senators sie zu fetzigen Clips zusammengeschnitten und online auf den gängigen Plattformen veröffentlicht hat. Dann werden Ossoffs Wahlkampfaussagen plötzlich Hunderttausende Male angeklickt und kommentiert.
Wie schnell eine Bemerkung Kreise zieht, zeigte sich im August. In einer Rede in Atlanta erwähnte Ossoff im Vorbeigehen Natalie Harp, eine persönliche Mitarbeiterin des Präsidenten, die Trump auf seinen Reisen stets begleitet. Das Weisse Haus reagierte umgehend und warf dem Senator indirekt vor, Trump eine Affäre mit der viel jüngeren Frau anzudichten. Dabei hatte der Senator nur gesagt, dass Harp nicht von der Seite Trumps weicht.
Den Stammwählern der Demokraten jedenfalls gefällt dieser Stil, wie eine kleine Umfrage im Konzertlokal zeigt. Jayne Clamp zeigt sich angetan über Ossoffs Kommunikationsstil. «Er spricht wie ein normaler Mensch, nicht wie ein Politiker», sagt sie im Gespräch mit «Schweiz heute». Eine andere Besucherin, die ihren Namen nicht verraten will, erwähnt die «Vitalität» des Senators – ein schöner Kontrapunkt zum oft gehörten Vorwurf, Amerika werde von Senioren regiert.
Sie traue Ossoff zu, ein junges Publikum anzusprechen und es für den Wahlkampf zu interessieren, sagt sie. Immer wieder fällt in diesen Gesprächen der Name eines ehemaligen demokratischen Präsidenten. «Er erinnert mich an Barack Obama», sagt eine Anwesende.
In Flügelkämpfen will sich Ossoff nicht verschleissen lassen
Auffallend an diesen Aussagen ist: Politische Inhalte spielen, im Gegensatz zu Senatswahlkämpfen in anderen Bundesstaaten, in Georgia eine weniger wichtige Rolle. Ossoff will sich nicht verorten lassen. Er spricht lieber in Gemeinplätzen über seine Pläne, die Korruption in Washington zu bekämpfen, als über Streitthemen wie eine staatliche Krankenversicherung. Aus internen Debatten zwischen den einzelnen Flügeln hält er sich weitgehend heraus.
Im Senat allerdings gilt Ossoff als treue Stütze der Demokraten. Sein republikanischer Kontrahent Mike Collins kritisiert ihn deshalb als einen sozialistischen Extremisten. Und weil Ossoff, der jüdischen Glaubens ist, in den vergangenen Monaten auf vorsichtige Distanz zu Israel gegangen ist, beschimpft Collins den Demokraten auch als «Verräter».
Aber all das ist an diesem Sonntag egal. Das Publikum applaudiert lautstark und die Bilder, die von Ossoffs Kameras eingefangen werden, verbreiten eine positive Stimmung – und zwar nicht nur in Georgia. Ob diese Inszenierung auch 2028 funktionieren könnte, ist offen.
Aber der Mann, der am Weissen Haus «kein Interesse» haben will, hat an diesem Sonntag schon einmal geprobt.
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