«Viele erleben gerade ein anderes Amerika»: USA-Expertin über den Zustand des Landes zum grossen Jubiläum
Besser hätte der Zeitpunkt kaum sein können: Während in den USA die Fussball-WM läuft und der Nationalfeiertag bevorsteht, verbringt Claudia Brühwiler den Sommer als Gastforscherin an der University of Wisconsin in Madison. Sie erlebt ein Land, das sich feiert – und gleichzeitig über sich selbst streitet.
Im Interview mit «Schweiz heute» spricht sie darüber, wohin sich Amerika entwickelt, wie Donald Trump in Erinnerung bleiben dürfte – und über das kurioseste Produkt mit US-Flagge, das ihr bislang begegnet ist.
Die Vereinigten Staaten feiern ihren 250. Geburtstag. Wie patriotisch ist die Stimmung im Land?
Claudia Brühwiler: Die Stimmung ist in den USA grundsätzlich immer patriotisch. Man hat «Stars and Stripes» auf allem: Stühlen, Wasserpistolen, Süssigkeiten. Mein Lieblingsprodukt war ein Mittel gegen Sodbrennen, mit dem man laut Aufschrift seine Unabhängigkeit feiern könne. Ich glaube, das ist unschlagbar.

In Washington feiert der Präsident schon seit Wochen das 250-Jahr-Jubiläum. Mit Kämpfen, Festen und einer grossen Rallye. Wie weit entfernt sind die Festlichkeiten in Wisconsin?
Ich bin in einer sehr progressiven Universitätsstadt. Viele Menschen hier stehen mit der Regierung auf Kriegsfuss. Regelmässig stehen Rentnerinnen und Rentner an viel befahrenen Strassen mit Plakaten, auf denen steht: «Wir feiern den 4. Juli, ihr den 6. Januar» – eine Anspielung auf den Sturm aufs Kapitol. Grundsätzlich feiern die Leute aber einfach lokal. Der 4. Juli ist in erster Linie ein freier Tag. Wer weiss, wie wenige Ferientage Amerikaner haben, versteht, warum das allein schon ein Grund zum Feiern ist. Viele wollen den Sommer schlicht nutzen, um der Politik für einen Moment zu entkommen.
Während dem Rest des Jahres hört man immer wieder, das Land sei so gespalten, wie noch nie. Ist das wirklich so?
Im Alltag ist die Spaltung weniger sichtbar. Allerdings hängt das stark davon ab, wo man sich befindet. In den umkämpften «Purple States» unterscheiden sich Stadt und Land oft deutlich: Gerade auf dem Land trifft man den selbstverständlichen Patriotismus noch an, der in Städten weniger präsent ist – mit Fischer- und Jägerkleidung, Pick-up-Trucks und T-Shirts in den Farben der «Stars and Stripes».

Man sieht den Leuten die politische Überzeugung also an?
Ja, das war in den USA schon immer Teil der politischen Kultur. Politische Überzeugungen werden gerne öffentlich gezeigt. Früher mit Aufklebern am Auto, heute eher mit Stickern auf dem Laptop oder Patches auf Rucksack und Kleidung.
Wie könnte sich diese Spaltung weiterentwickeln? Haben wir bei künftigen Wahlen wie der Kongresswahl im November und ums Präsidentenamt in zwei Jahren nur noch einen Kampf der Radikalen?
Die Mehrheit der Bevölkerung tendiert nach wie vor eher zur politischen Mitte. Das widerspiegelt sich im politischen System aber kaum noch. Das System belohnt zunehmend jene, die an die Ränder gehen, egal ob nach links oder nach rechts. Wenn diese Polarisierung in der Legislative weiter zunimmt, wird der Kongress noch weniger in der Lage sein, zusammenzuarbeiten.

Sind diese extremen Kandidaten in einer Präsidentschaftswahl mehrheitsfähig?
Wahrscheinlich nicht. Wollen die Demokraten mit einer dezidiert linken Kandidatur nationale Wahlen gewinnen, während auf republikanischer Seite ein vertrautes Gesicht wie Marco Rubio oder JD Vance antritt, könnten viele Wähler zwar sagen, dass sie keinen von beiden besonders mögen. Gleichzeitig würden sie die republikanischen Kandidaten aber wohl als berechenbarer empfinden, als eine weniger radikale Alternative. Man muss davon ausgehen, dass die Demokraten in einem solchen Szenario nicht gewinnen würden.
Wieso?
Inhaltlich sind viele Positionen des linken Parteiflügels aus europäischer Sicht gar nicht so aussergewöhnlich. Irritierend ist eher die Tonalität – etwa beim schmalen Grat zwischen Antizionismus und Antisemitismus oder in der grundsätzlichen Kritik an Amerika. Das kann in einer Proteststimmung mobilisieren, dürfte landesweit aber kaum mehrheitsfähig sein. Die jüngsten Erfolge der Parteilinken sollte man deshalb nicht überbewerten.

Wer wäre auf demokratischer Seite geeignet, die Trump-Leute herauszufordern?
Einer der moderateren Gouverneure, etwa Josh Shapiro aus Pennsylvania oder Andy Beshear aus Kentucky. Beide stehen für einen pragmatischen Politikstil und haben gezeigt, dass sie auch republikanische Wähler erreichen können.
Donald Trump baut Amerika tiefgreifend um. Was ist heute noch von der Prä-Trump-Ära übrig?
Ich glaube, mehr, als man auf den ersten Blick meint. Wir blicken oft auf Washington und schliessen von dort auf das ganze Land. Dabei ist Amerika viel mehr als die Bundespolitik. Ich habe kürzlich mit Abgeordneten aus den Parlamenten verschiedener Bundesstaaten gesprochen – Republikanern wie Demokraten. Sie sagten übereinstimmend: Die meisten Entscheidungen fallen nach wie vor im Konsens oder durch Kompromisse. Dieser Teil Amerikas existiert noch immer, auch wenn er international kaum wahrgenommen wird. Auch die Institutionen haben sich bislang als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Der Supreme Court behauptet sich weiterhin gegenüber dem Präsidenten, und auch im Kongress regt sich zunehmend Widerstand gegen die weitreichenden Machtansprüche des Weissen Hauses. Wie tiefgreifend Trumps Umbau des politischen Systems tatsächlich war, wird sich wohl erst mit historischem Abstand beurteilen lassen.

Die Art, wie politische Gegner miteinander umgehen, hat sich allerdings sehr verändert.
Der Ton ist verroht, Tabus sind gefallen, vieles, was früher eine politische Karriere beendet hätte, bleibt heute folgenlos. Die permanente Grenzverschiebung, das Spektakel auf Kosten der Menschenwürde und das ständige Austesten präsidialer Machtbefugnisse haben die politische Kultur nachhaltig verändert.
Wie sehr leidet das Verhältnis zwischen Amerika und Europa derzeit?
Aussenpolitisch war Trump eher Beschleuniger als Auslöser. Dass Europa sicherheitspolitisch eigenständiger werden muss, forderten schon George W. Bush und Barack Obama. Trump hat diese Entwicklung lediglich mit grösserer Rücksichtslosigkeit vorangetrieben. Er hat Europa vor Augen geführt, dass Staaten letztlich ihren Interessen folgen. Das wusste man theoretisch schon lange – unter Trump wurde es zur politischen Realität.
In Europa hat sich unter Trump ein negatives Bild der USA etabliert. Das zeigte sich auch im Vorfeld der Fussball-WM, als die Sorge gross war, ausländische Fans könnten an der US-Grenze oder im Land selbst auf Schwierigkeiten stossen. Stattdessen scheint das Gastgeberland eine ausgelassene Fussballparty zu feiern. Waren die Ängste unbegründet?
Die Ängste habe ich, offen gesagt, nie geteilt. Ich glaube, viele erleben gerade ein anderes Amerika als jenes, das wir aus den Schlagzeilen kennen. Die Berichterstattung konzentriert sich zwangsläufig auf Donald Trump und die grossen politischen Konflikte. Für viele Europäerinnen und Europäer, die zur WM in die USA gereist sind und dabei auch Regionen abseits der klassischen Touristenziele kennenlernen, dürfte das eine wichtige Erfahrung sein. Sie merken, dass die Realität vor Ort komplexer ist als das Bild, das aus der Distanz entsteht. Amerika ist mehr als Trump – so wie die Schweiz nicht nur aus Banken und Bergen besteht.

In den sozialen Medien teilen europäische Fans begeistert ihre amerikanischen Funde, darunter US-Supermärkte wie Costco und Walmart, Barbecue, oder der neueste Hit für Europäer: Ranch-Sauce.
Ich glaube, es tut auch den Amerikanern gut, ihr Land durch die Augen von Gästen zu sehen. Jeder freut sich, wenn andere das eigene Land schätzen. Das kennen wir Schweizer genauso: Natürlich stöhnen wir, wenn sich die Touristen auf der Kapellbrücke drängen. Gleichzeitig macht es uns auch ein wenig stolz, wenn Menschen gerne zu Besuch kommen und begeistert wieder nach Hause fahren. Den Amerikanern geht es da nicht anders.
Was übersehen wir in Europa bei all den negativen Schlagzeilen über die USA?
Mich überrascht immer wieder die Freundlichkeit der Menschen. Viele Europäer halten sie für oberflächlich, aber ich empfinde sie oft als aufrichtig und vor allem als angenehm. Man kommt an der Supermarktkasse oder im Café ganz selbstverständlich ins Gespräch, selbst mit völlig fremden Menschen. Dabei erfährt man etwas über die Region, über das Leben der Leute – oder manchmal einfach, welches Produkt gerade besonders beliebt ist.

Donald Trump arbeitet sichtbar an seinem Vermächtnis: Sein Porträt soll auf Geldscheinen erscheinen, er inszeniert sich als Friedensstifter, und in Florida soll ein Flughafen seinen Namen tragen. Wofür wird man sich einmal an den 47. Präsidenten erinnern?
Das hängt stark vom zeitlichen Abstand ab – und davon, was danach passiert. George W. Bush ist dafür ein gutes Beispiel. Während seiner Amtszeit wurde in Europa vor allem über den Irakkrieg, seine rhetorischen Schwächen und seine angeblich mangelnde Intelligenz gesprochen. Heute fällt die Beurteilung, selbst unter vielen Demokraten, deutlich differenzierter aus. Der Irakkrieg bleibt ein schwerer Fehler. Gleichzeitig hat sich der Massstab verschoben. Bei Donald Trump wird es ähnlich sein. Manche Historiker wie Niall Ferguson bezeichnen ihn schon heute als transformativen Präsidenten. Andere fragen zu Recht, wie viel von seinem politischen Erbe tatsächlich Bestand haben wird und wie viel sich wieder zurückdrehen lässt. Ich glaube, Trump wird vor allem als Symbol einer tiefgreifenden Verschiebung im amerikanischen politischen System in Erinnerung bleiben: als Präsident einer Zeit wachsender Enttäuschung über Demokratie und Wirtschaft und eines globalen Machtwandels der USA.
Denken Sie, Trump war der Auftakt einer grossen Veränderung in der US-Politik oder eher ein Ausreisser?
Innenpolitisch hat Trump vor allem Bruchlinien sichtbar gemacht, die schon lange existierten. Er hat Konflikte an die Oberfläche geholt, die zuvor überdeckt werden konnten. Wie sich das weiterentwickelt, ist deutlich schwieriger vorherzusagen. Das hängt letztlich davon ab, welche politischen Alternativen sich nach Trump etablieren.
Die Trump-Regierung ist bemüht, alle dunklen Flecken aus der US-Geschichte wegzuradieren. Bücher werden verboten, Ausstellungen in Museen verändert. Wird der Präsident damit Erfolg haben?
Nein. Solche Auseinandersetzungen gehören zum amerikanischen Kulturkampf und kehren in Wellen immer wieder zurück. Im Kern geht es um die Frage, welches Geschichtsbild die USA von sich selbst haben wollen: Wie erzählt man die eigene Geschichte, wenn zu ihr sowohl die Freiheitsidee und die Verfassung als auch Sklaverei, die Vertreibung der Ureinwohner und andere Verbrechen gehören? Trump führt diesen Konflikt besonders schrill und konfrontativ. Aber er hat ihn nicht erfunden. Ich glaube deshalb nicht, dass sich seine Sicht dauerhaft durchsetzen wird. Eher wird sich das Pendel wieder in Richtung einer ausgewogeneren Erinnerungskultur bewegen.
Wie werden Sie den US-Unabhängigkeitstag feiern?
Ganz unaufgeregt. Ich werde mit meinen Söhnen am Mississippi versuchen, einen Weisskopfseeadler zu beobachten, das Wappentier der USA.
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