Putins riskante Wette auf Trump
Wladimir Putin hofft, bei den nächsten Verhandlungen über den Krieg in der Ukraine Zugeständnisse aus Kiew zu erreichen – und zwar mit amerikanischer Hilfe. Dafür bietet Russlands Präsident Donald Trump Geschäfte an.
Die nächste Gesprächsrunde zwischen Russland, den USA und der Ukraine in Abu Dhabi soll nach dem 4. November stattfinden, wie Putins aussenpolitischer Berater Juri Uschakow mitteilte. An diesem Tag feiert Russland den unter Putin eingeführten Tag der nationalen Einheit.
Ein erstes Zeichen der Annäherung gibt es bereits: In der russisch besetzten ukrainischen Stadt Oleschky gilt eine sechstägige Feuerpause, um Hilfslieferungen und die Evakuierung von Zivilisten zu ermöglichen. Zustande kam die Vereinbarung durch den Einsatz der amerikanischen First Lady Melania Trump, die zwischen Moskau und Kiew vermittelte, sowie von Papst Leo XIV.
Dieser hatte sich bereits eine Woche vor der Ankündigung persönlich an Putin und den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski gewandt. Das Weisse Haus und der Vatikan streiten nun darüber, wem das Verdienst für die erste richtige Waffenruhe an einem Frontabschnitt im Ukraine-Krieg gebührt.

Russland hält Oleschky seit 2022 besetzt. Die verbliebenen rund 2000 Bewohner leiden unter katastrophalen Bedingungen. Die begrenzte Feuerpause in dem Ort ist jedoch kaum ein Zeichen dafür, dass Putin zu einem Ende des Krieges bereit ist. Denn während sich der Kreml bei Trump als verhandlungsbereiter Partner präsentiert, lässt Putin weiter ukrainische Städte bombardieren.
Allein in der Nacht auf Donnerstag schickte die russische Armee über 100 Drohnen los. Am Donnerstag richtete eine russische Jet-Drohne am Bahnhof von Dnipro ein Massaker mit 14 zerfetzten Menschen an, weitere fünf starben bei Angriffen auf Tschernihiw und Krementschuk.
Lukrative Deals auf dem Rücken der Ukraine
Neben solchen begrenzten Vereinbarungen setzt Putin vor allem auf wirtschaftliche Anreize. Eine zentrale Rolle spielt dabei sein Berater Kirill Dmitrijew. Er wirbt in Washington für gemeinsame Projekte in der Energiebranche, der Luftfahrt, bei seltenen Erden und künstlicher Intelligenz. Das berichtete die französische Zeitung «Le Monde». Der Kreml hofft, dass lukrative Geschäfte mit Russland für Trump wichtiger werden als die Interessen der Ukraine.
Ein Beispiel ist der im Oktober zwischen Putin und Trump geschlossene Diesel-Deal. Russischer Diesel soll auf die Weltmärkte gelangen und so die Treibstoffpreise senken. Am 22. Oktober machte sich ein Tanker mit 40’000 Tonnen Diesel auf den Weg nach New York. In Russland entspannte sich zudem die Lage an den Tankstellen, auch weil die Ukraine ihre Angriffe auf Raffinerien auf Druck von Trump zeitweise aussetzten.
Für die Ukraine hat die Annäherung zwischen Washington und Moskau bereits Folgen. Die USA drohten Kiew, die Weitergabe von Geheimdienstinformationen einzustellen, falls ukrainische Streitkräfte ihre Angriffe auf russische Raffinerien fortsetzen. Diese hatten Russland empfindlich getroffen. Laut Internationaler Energieagentur wurde in den ersten acht Monaten des Jahres im Schnitt alle drei Tage eine russische Raffinerie getroffen.
Bei der ukrainischen Bevölkerung gibt es breite Zustimmung für diese Angriffe, wie eine Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie zeigt: 80 Prozent der Befragten wollen sie fortsetzen – selbst wenn die USA deshalb ihre Hilfe einschränken oder einstellen.
Im Kreml werden die Verluste gezählt
Mit seiner Strategie geht Putin ein Risiko ein. Zwar kann Trump die Ukraine unter Druck setzen, doch ob Selenski deshalb bereit ist, weitere Gebiete abzutreten, ist ungewiss. Zugleich ist auf den amerikanischen Präsidenten wenig Verlass: Seine Haltung gegenüber Russland hat sich bereits mehrfach geändert. Sollte Trump seinen Kurs erneut ändern, könnte Putin am Ende ohne die erhofften Zugeständnisse dastehen.
In Russland sind denn auch längst nicht alle überzeugt von Putins Annäherung an Trump. Besonders die nationalistischen Kriegsbefürworter verlangen militärische Erfolge statt Handelsabkommen. Der Blogger Maxim Kalaschnikow fordert, die ukrainischen Streitkräfte zu zerschlagen und ihr Hinterland lahmzulegen. Selbst ein Waffenstillstand mit weiteren Gebietsgewinnen könne «weder die Hunderttausenden verlorenen Menschenleben noch die zerstörten Städte und Fabriken» zurückbringen, schrieb er auf Telegram.
Auch innerhalb der russischen Elite rechnet kaum jemand mit einem schnellen Ende des Krieges. Das unabhängige Medium «Verstka» sprach mit mehreren Quellen aus dem Machtapparat. Ein Mitarbeiter der Kreml-Verwaltung sieht in den Verhandlungen dennoch eine Chance: Russland könne zusätzliche Haushaltsmittel und Vorteile auf dem Schlachtfeld gewinnen. Dass Selenski unter amerikanischem Druck tatsächlich nachgebe, sei allerdings keineswegs sicher.
Ein anderer Beamter beschreibt zwei Lager im Kreml. Die eine Seite führt demnach die Verhandlungen und hofft, Putins Bedingungen durchzusetzen. Die andere, vor allem Vertreter des Finanz- und Wirtschaftssektors, spürt die Folgen des langen Krieges und zählt die Verluste.
Ein Ende des Krieges wünschen sich offenbar auch manche Beamte. Doch zu anderen Bedingungen als jenen Putins wollen sie es nicht. «Wir sitzen alle im selben Boot, und es gibt kein Entrinnen mehr», sagt einer der von «Verstka» befragten Männer. An Putins Kernforderungen – der Abtretung weiterer ukrainischer Gebiete, einem Verzicht auf den Nato-Beitritt und der Verkleinerung der ukrainischen Armee – wollen auch sie nicht rütteln.
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