Spanien weint um Maricarmen – warum ihr Tod die Proteste jetzt so richtig anheizt
Die Bilder von Maricarmens Zwangsräumung gingen um die Welt: Unter Tränen wurde die 87-jährige Rentnerin am 23. September von Sanitätern mit einer Trage aus ihrer Wohnung geholt. Seit Jahren kämpfte sie dafür, in ihrer Wohnung im Madrider Retiro-Stadtviertel bleiben zu dürfen, in der sie seit 71 Jahren lebte.
Hunderte Menschen versuchten an jenem Tag ihre Zwangsräumung zu verhindern. Doch Polizisten schlugen mit einem Vorschlaghammer die Haustür auf, gingen mit Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor; die Seniorin wurde abtransportiert.
Ein Immobilien-Investmentunternehmen hatte bereits 2020 das Gebäude gekauft und wollte die Wohnungen renovieren, um sie teurer vermieten zu können. Maricarmens Alt-Miete betrug 500 Euro im Monat. Doch die neuen Besitzer verlangten nun 1600 Euro, was Maricarmens komplette Rente überstieg. Sie weigerte sich und wurde in Spanien plötzlich zum Symbol für den Kampf gegen Wohnungsnot und Immobilienspekulanten.
In Dutzenden Städten entstanden Protestcamps, Zigtausende Menschen gingen mit dem Slogan «Wir alle sind Maricarmen» auf die Strasse. Vor einer Woche sah es noch danach aus, als habe der «Fall Maricarmen» gleich ein doppeltes Happy End. Unter dem Druck der sozialen Massenproteste bot der Immobilienbesitzer der Rentnerin an, für eine Mieterhöhung um 100 Euro in ihre Wohnung zurückkehren zu dürfen. Zudem sah sich die spanische Linksregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez gezwungen, verschiedenen Wohnungsnot-Dekrete zu verabschieden.

Doch dann kam alles anders: Die rechtskonservativen Oppositionsparteien stimmten vergangenen Freitag im Parlament gegen die sogenannten «Maricarmen»-Gesetze. Der sozialistische Premier Pedro Sanchez, dem es mit seiner Minderheitsregierung seit langem schwerfällt, zu regieren, zog die Reissleine und rief für den 29. November vorgezogene Neuwahlen aus.
Und nun verstarb María del Carmen Abascal am Mittwochabend im Madrider Spital Gregorio Maranñón, in das sie nach ihrer Zwangsräumung gebracht werden musste. Der Gesundheitszustand der betagten Rentnerin hat sich durch den Stress der letzten Wochen erheblich verschlechtert. Sie ass kaum noch etwas, verlor viel Muskelmasse.
Nachricht über ihren Tod verbreitet sich wie ein Lauffeuer
Im Protestcamp auf dem Madrider Zentralplatz Puerta del Sol begannen die Menschen eine Schweigeminute, zündeten im Gedenken an Maricarmen Kerzen an. Danach zogen über Tausend Menschen mit «Mörder»-Rufen zum nahen Parlament. «Wäre die Zwangsräumung ausgesetzt worden, befänden wir uns heute nicht in dieser Situation», gab auch Maricarmens Anwältin Beatriz Duro der Politik die Schuld an ihrem Tod.
Der spanische Mieterbund rief die Zivilgesellschaft dazu auf, den Kampf gegen die Wohnungskrise fortzusetzen, damit es «keine weitere Maricarmen» mehr gebe. Pepe Álvarez, Generalsekretär der spanischen Gewerkschaft UGT, ermunterte die Spanier, «aus Wut und Schmerz» über Maricarmens Tod massenhaft an dem für den 11. November in ganz Spanien ausgerufen Generalstreik gegen die Wohnungsnot teilzunehmen – «als Ehrung für Maricarmen und für all die Zehntausenden, denen ein Zuhause verwehrt wird».

Der plötzliche Tod der Rentnerin verschärft nicht nur die sozialen Proteste, sondern heizt nun auch den bereits begonnenen Vorwahlkampf in Spanien an. Vor allem die Sozialisten von Premier Sánchez und der linke Koalitionspartner versuchen mit dem «Fall Maricarmen» und der Wut vieler Bürger über die Wohnungsmarktlage eine Kehrwende in den Wahlumfrage zu bewirken, die den Konservativen einen klaren Sieg voraussagen.
Das grösste Problem des Landes
Das Thema bewegt Zigtausende Menschen in einem Land, in dem sich die Durchschnittsmieten in den letzten zehn Jahren fast verdoppelten und laut Schätzungen mehr als 700'000 Wohnungen fehlen. Die drastisch gestiegenen Mieten und der Wohnraummangel sind schon seit Jahren das Problem Nummer eins der Spanier.
So schickte Premier Sanchez über soziale Medien sein Beileid an Maricarmens Familie. Spaniens linke Gesundheitsministerin Monica Garcia schrieb auf X: «Dein Kampf hat in ganz Spanien das Bewusstsein wachgerüttelt und eine Zündschnur entzündet, die nicht mehr erlöschen wird. Deine Würde und dein Mut weisen den Weg.»
Unterdessen warf die rechtspopulistische Vox-Partei der Linken vor, «skrupellos das Leid eines älteren Menschen instrumentalisiert zu haben, um eine Kampagne zu inszenieren, die von der Verantwortung der Regierung für das Wohnungsdesaster ablenken sollte». Auch der Oppositionsführer Alberto Nunez Feijoo bat darum, Maricarmens Tod nicht «politisch zu instrumentalisieren». Doch dafür ist es längst zu spät.
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