Spanien im Sonnenfinsternis-Fieber: Auf Mallorca rückt die Armee aus – und der Norden wittert eine grosse Chance
Antonio Galeote ist schon ganz aufgeregt. Auf dem grossen freien Platz innerhalb der Tempelritterburg aus dem 12. Jahrhundert zeigt er, wo die Teleskope, Kameras und riesigen Leinwände aufgebaut werden. Sogar die NASA hat die Templerburg im nordspanischen Ponferrada als einen ihrer Übertragungsstandorte für den Livestream der totalen Sonnenfinsternis ausgewählt.
Am Mittwoch ist es endlich soweit. Um 20:28 Uhr wird sich der Mond zwischen Erde und Sonne schieben und diese vollständig verdecken. Sämtliche Hotels der Kleinstadt sind seit Monaten ausgebucht, obwohl sich die Preise nahezu versechsfacht haben. Zigtausende Touristen werden erwartet. Allein rund um die Tempelritterburg über 20'000 Personen.

«Die Menschen kommen aus ganz Spanien, aber auch aus Polen, Frankreich, Uruguay, Italien, der Türkei, den USA und Australien, um hier die Sonnenfinsternis zu sehen», sagt Galeote. Der Massenansturm in der sonst vergessenen Region zwischen Galicien und Kastilien-León wundert ihn kaum.
Astro-Tourismus komme immer mehr in Mode und eine totale Sonnenfinsternis zu sehen, sei äussert selten. «In der Schweiz wird das beispielsweise erst am 3. September 2081 wieder der Fall sein», erklärt der Vorsitzende des regionalen Astronomie-Verbands El Bierzo. In Spanien ist das aussergewöhnliche Naturschauspiel auf einem rund 300 km breiten Streifen zu sehen, der sich vom Nordwesten in Galicien durch Nord- und Zentralspanien bis nach Valencia zieht, bevor die Sonne bei Mallorca im Mittelmeer versinkt.
Auf der beliebten Ferieninsel wappnet man sich bereits für den Ausnahmezustand. Strassen werden gesperrt, an den Zufahrten zum westlich gelegenen Tramuntana-Gebirge richten Polizisten und Soldaten Kontrollstellen ein, Hubschrauber stehen bereit, die Rettungsdienste gehen in Alarmbereitschaft.
Dem Strassennetz droht der Kollaps
An den schönsten Aussichtspunkten Mallorcas werden Checkpoints eingerichtet und Parkplätze geschlossen. Und das alles, um am Abend der Sonnenfinsternis gefährliche Menschenansammlungen zu verhindern. Dort, wo die Sonne unmittelbar vor ihrem Untergang total hinter dem Mond verschwindet, verspricht die totale Sonnenfinsternis ihr spektakulärstes Bild. Für Astronomen ist das ein Glücksfall. Für Mallorcas Behörden ist es vor allem ein Sicherheitsproblem
Die Rede ist bereits von einem «Einsatz ohne Beispiel». Tausende Polizisten werden unterwegs sein – auf den Strassen, entlang der Küste und auch in der Luft. Inzwischen wurde sogar zur Unterstützung die Armee angefordert. Soldaten des auf Mallorca stationierten Infanterieregiments sollen zu Fuss und mit Fahrzeugen im Tramuntana-Gebirge patrouillieren.
Mitte August erreicht Mallorca traditionell seinen touristischen Höhepunkt. Rund 1,5 Millionen Touristen und Einwohner halten sich dann gleichzeitig auf der Insel auf. Wenn Zigtausende nahezu gleichzeitig in Richtung Westküste losfahren, reichen wenige Engstellen aus, um das Strassennetz lahmzulegen.
Es ist nicht der einzige Punkt, der den Einsatzkräften Sorgen bereitet. Auf Mallorca herrscht höchste Waldbrandgefahr. Seit Wochen hat es kaum geregnet, die Vegetation ist ausgedörrt. Ein heiss gelaufener Motor oder eine achtlos weggeworfene Zigarette könnten genügen, um ein verheerendes Feuer auszulösen. Und das möglicherweise ausgerechnet dort, wo sich am Mittwochabend die meisten Menschen aufhalten.
Werbemittel gegen die Landflucht
In Ponferrada im Norden Spaniens sorgt man sich zwar auch vor einem möglichen Verkehrskollaps. Im Naturschauspiel sieht man hier jedoch vor allem eine Chance. Nur eine Minute und 26 Sekunden wird es dauern - «für unsere Region ist es aber hoffentlich eine grosse Gelegenheit, auf uns aufmerksam machen zu können. Wir brauchen dringend Menschen, die hier leben möchten», sagt Ana Pilar Rodríguez, Direktorin des regionalen «Zentrums für ländliche Entwicklung».
Seit Jahren kämpft ihre Organisation gegen die zunehmende Landflucht. Um Menschen aus den Städten zu motivieren, in den ländlichen Raum zu ziehen, unterstützen sie bei der Wohnungs- und Jobsuche, leisten Integrationshilfe. Unterdessen versuchen sie in Zusammenarbeit mit den Rathäusern der strukturschwachen Region vor allem die jungen Menschen davon abzuhalten, in die Städte abzuwandern.
Die Vorbereitungen der Gemeinden laufen jedenfalls auch hier auf Hochtouren. Viele haben Krankenwagen für den Mittwoch bestellt. Und die staatliche Blindenorganisation ONCE hat über zwei Millionen Schutzbrillen verteilt - das kommt dem Staat günstiger als die Behandlung möglicher Augenschäden unvorsichtiger Sonnenfinsternis-Betrachter.
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