Zwölf Tote in Riad: Huthi treffen Saudi-Arabien an seiner empfindlichsten Stelle
Was ist am Wochenende am Flughafen von Riad passiert?
Es ist der schwerste Huthi-Angriff auf Saudi-Arabien seit Jahren. Am Samstagnachmittag schlug ein Geschoss im Abflugbereich des King-Khalid-Flughafens ein. «Ich stand an Gate 403 und sah, wie Gate 401 getroffen wurde. Schwerverletzte lagen direkt vor meinen Augen. Alle rannten in Panik», berichtete ein Augenzeuge.
Nach Angaben der saudischen Zivilluftfahrtbehörde wurden zwölf Menschen getötet und 309 verletzt. Unter den Todesopfern sind vier Saudi, zwei Bangladescher und ein US-Bürger. Es war bereits der dritte Angriff auf den Hauptstadtflughafen innerhalb einer Woche. Am Donnerstag waren dort drei Menschen getötet worden.
Der Flughafen wurde vorübergehend geschlossen. Mehrere internationale Fluggesellschaften hatten ihre Verbindungen nach Riad bereits zuvor ausgesetzt. Nach Angaben aus Diplomatenkreisen wurde der Flughafen vermutlich mit einer nach iranischen Plänen gebauten Huthi-Rakete angegriffen. Ein förmliches Bekennerschreiben gab es zunächst nicht. Die Miliz erklärte jedoch, sie habe den Flughafen «stillgelegt».
Warum greifen die Huthi Saudi-Arabien wieder an?
Hinter der Eskalation steht der erneut ausgebrochene Krieg im Jemen. Der 2022 von der UNO vermittelte Waffenstillstand zwischen den Huthi und der von Saudi-Arabien unterstützten Regierung zerbrach im Juli. Vorausgegangen war ein Luftangriff der saudisch geführten Koalition auf den Flughafen der Huthi-Hochburg Sanaa.
Danach verhängten die Huthi eine Seeblockade gegen saudische Schiffe im Bab al-Mandab. Im September eroberten sie fast die gesamte jemenitische Rotmeerküste samt der strategisch wichtigen Insel Mayyun. Für Saudi-Arabien ist die Meerenge derzeit besonders wichtig, weil die Strasse von Hormus infolge des Iran-Kriegs faktisch blockiert ist und das Königreich Öl über den Rotmeerhafen Yanbu exportiert.
Am 4. Oktober kündigte die jemenitische Regierung die Gegenoffensive «Morgenröte des Jemen» an. Unterstützt von rund 100 Kampfjets der saudisch geführten Koalition sollen die Huthi unter anderem aus der Hauptstadt Sanaa vertrieben werden. Seither attackiert die Miliz fast täglich saudische Flughäfen, Ölanlagen und Militärstützpunkte. UNO-Sondergesandter Hans Grundberg warnt bereits vor einer Rückkehr zum «umfassenden Krieg».
Warum ist der Angriff für Saudi-Arabien besonders brisant?
Weil er die Verwundbarkeit des Königreichs demonstriert. Die Huthi können aus rund 1000 Kilometern Entfernung Ziele tief im saudischen Hinterland treffen – und die Luftabwehr konnte den Einschlag am wichtigsten Flughafen der Hauptstadt nicht verhindern.
Damit treffen die Huthi Kronprinz Mohammed bin Salman an einer empfindlichen Stelle. Sein Reformprogramm soll Saudi-Arabien vom Öl unabhängiger machen und das Land als Tourismus-, Technologie- und Investitionsstandort etablieren. Huthi-Militärsprecher Yahya Saree warnte nun ausdrücklich Fluggesellschaften, Flughafenpersonal und Reisende vor Aufenthalten in Saudi-Arabien. Bereits am Donnerstag hatte er fast den gesamten saudischen Luftraum zum «Schauplatz unserer Militäroperationen» erklärt und Beschäftigte von Ölanlagen aufgefordert, ihre Arbeitsplätze zu verlassen.

Riad reagierte am Sonntag mit neuen Luftangriffen im Jemen. Koalitionssprecher Turki al-Maliki bezeichnete den Angriff auf den Flughafen als «Kriegsverbrechen» und kündigte eine «entschlossene» Antwort an.
Können die Saudis die Huthi militärisch stoppen?
Bislang spricht wenig dafür. Weder die Luftangriffe noch die neue Bodenoffensive haben verhindert, dass die Huthi weiterhin Raketen und Drohnen auf Saudi-Arabien abfeuern. Schon frühere Militärkampagnen konnten die Miliz nicht entscheidend schwächen.
Saudi-Arabien hatte 2015 in den jemenitischen Bürgerkrieg eingegriffen, als Mohammed bin Salman Verteidigungsminister war. Trotz jahrelanger Bombardements konnten die Huthi ihre Macht ausbauen und kontrollieren weiterhin grosse Teile des Landes.

Auch die USA machten zuletzt die Erfahrung, wie schwierig die Miliz militärisch zu bezwingen ist. Washington bombardierte Huthi-Ziele im Frühjahr 2025 acht Wochen lang. Die Huthi blieben dennoch handlungsfähig. Die jüngste Eskalation birgt deshalb die Gefahr eines langen Abnutzungskriegs. «Wir steigen die Eskalationsleiter auf sehr gefährliche Weise hinauf», warnt die Golfexpertin Anna Jacobs.
Greifen jetzt auch die USA wieder ein?
Das ist offen. Auf die Frage, ob sich die USA an saudischen Luftangriffen beteiligen könnten, sagte Präsident Donald Trump am Samstag: «Vielleicht. Wir werden uns das ansehen.» Den Angriff auf Riad bezeichnete er als «nicht akzeptabel» und kündigte ein Gespräch mit Kronprinz Mohammed bin Salman an.
Bislang hatte Trump dessen Drängen nach direkter militärischer Unterstützung zurückgewiesen und lediglich Aufklärungs- und Zieldaten zugesagt. Laut «New York Times» stoppte er noch im September bereits geplante Angriffe auf die Huthi in letzter Minute. Ein Grund für die Zurückhaltung ist der Krieg gegen den Iran: Die US-Marine ist im Persischen Golf gebunden und eskortiert Tanker durch die umkämpfte Strasse von Hormus.
Ein erneuter Krieg gegen die Huthi wäre für Trump auch innenpolitisch heikel. Am 3. November wird in den USA ein neuer Kongress gewählt. Zugleich hat der Präsident den Eindruck vermittelt, der Konflikt mit dem Iran gehe seinem Ende entgegen. Ein neues militärisches Engagement im Jemen würde dieser Botschaft widersprechen.
Nach dem Angriff von Riad steht Washington deshalb vor einer schwierigen Entscheidung: Unterstützt Trump Saudi-Arabien militärisch, droht eine weitere Ausweitung des Krieges. Hält er sich heraus, muss sein wichtigster Partner am Golf versuchen, die Huthi allein in die Schranken zu weisen.
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