Herzlicher Empfang für den Papst nach «delikater Phase»
Als Leo XIV. am Sonntagmittag ans offene Fenster seines Arbeitszimmers im dritten Stock des apostolischen Palastes trat, um das traditionelle Angelusgebet zu halten, brandete auf dem Petersplatz Applaus auf. Es ertönten begeisterte «Viva il Papa»-Rufe, «es lebe der Papst».
Das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ihren weltweit 1,4 Milliarden Gläubigen war in dem Moment sichtlich gerührt; dann setzte Leo XIV. wieder sein feines Lächeln auf, das längst zu seinem Markenzeichen geworden ist. Nach der kurzen Predigt dankte er den etwa 15’000 Gläubigen auf dem Petersplatz für ihre Gebete während seines Spitalaufenthaltes: «Ich habe eure Unterstützung wirklich gespürt, danke!» Die letzten Tage seien «eine delikate Phase» gewesen, aber jetzt kehre er in den Alltag zurück, sagte der Papst.

Der 71-jährige Pontifex wirkte am Fenster fit und frisch wie eh und je. Eigentlich ist es beinahe unfassbar, dass der gleiche Papst vor erst einer Woche an der gleicher Stelle überraschend bekanntgegeben hatte, dass in seiner rechten Lunge ein Knoten entdeckt worden sei, den er auf Anraten der Ärzte operativ entfernen lassen wolle.
Schon zwei Tage später ist Leo XIV. operiert worden, und noch am selben Dienstagabend folgte die Schocknachricht der behandelnden Ärzte der Römer Gemelli-Klinik: Bei dem Knoten habe es sich um einen bösartigen Tumor gehandelt; um sicher zu gehen, dass keine Tumorzellen in der Lunge verbleiben, habe man den unteren rechten Lungenlappen gleich mit entfernt.
Der Papst war, wie der behandelnde Chirurg Stefano Margaritora am Samstag vor Vatikanjournalisten betonte, «ein idealer Patient». Er sei «immer gelassen und immer lächelnd» geblieben, und er habe angesichts von Schmerzen, die ein Patient bei solchen Eingriffen trotz aller Massnahmen immer empfinde, kaum je geklagt.
Leo XIV. konnte schon am Samstagnachmittag aus dem Spital entlassen werden und in den Vatikan zurückkehren. «In Anbetracht der Blutuntersuchungen und der radiologischen Kontrolle des Brustkorbs sowie nach Beurteilung des klinischen Bildes wurde der Heilige Vater für geeignet erklärt, entlassen zu werden», sagte Margaritora.
Die Chancen auf Heilung sind noch nicht bekannt
Ob der Krebs mit der Entnahme des Tumors und eines Teils der Lunge bereits besiegt ist, steht noch nicht fest. Die definitive Diagnose und damit auch die Überlebensprognose hängt von den histologischen Untersuchungen und von genetischen Tests ab, insbesondere auch jener der Lymphknoten in der Nähe des Tumors, die bei der Operation ebenfalls entfernt wurden. Die Ergebnisse dürften in den nächsten Tagen vorliegen.
So oder so sehe er aber keine medizinischen Gründe, warum der Papst seine zwölftägige Südamerika-Reise, die vom 6. bis 17. November geplant ist, nicht durchführen könnte, betonte Margaritora. Auf der Reise wird Leo XIV. mit seiner frisch operierten Lunge 31’000 Kilometer im Flugzeug zurücklegen; auch ein Besuch der Stadt Cusco in den peruanischen Anden auf 3400 Meter Höhe über Meer steht auf dem Programm.
Das mit eineinhalb Jahren noch relativ kurze Pontifikat und vor allem auch die Person von Leo XIV. haben in der vergangenen Woche zweifellos neue Konturen erhalten. Leo XIV. ist der erste Papst überhaupt, der eine Erkrankung persönlich bekanntgemacht hat und auch während seines Krankenhausaufenthalts dafür sorgte, dass offen kommuniziert wird. Diese Transparenz steht im Kontrast zur bisherigen Geheimniskrämerei des Vatikans, wenn es um die Gesundheit der Päpste ging. Die neue Offenheit ist Teil des inoffiziellen Reformprogramms, das der Papst aus den USA dem in vieler Hinsicht noch anachronistisch funktionierenden Kirchenstaat angedeihen lassen will.
Leo XIV. dachte in seinem Spitalbett an alle Leidenden der Welt. Und so griff er angesichts der humanitären Katastrophe, die sich in der abgeriegelten ukrainischen Frontstadt Oleschky seit Monaten abspielt, am Freitag - also keine 72 Stunden nach der Entnahme des Tumors und des rechten Lungenlappens - zum Telefonhörer, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin anzurufen. Er bat den Kreml-Herrscher um eine Waffenruhe, damit die verhungernde Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgt werden kann.
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