«Bühne für politische Botschaften»: Das müssen Sie über Ceuta wissen
An der EU-Aussengrenze in Nordafrika sind mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen. Die Ereignisse in Ceuta verschärfen die Debatte über Migration und Grenzsicherung.
Die aktuelle Situation in Ceuta
Abertausende Migrantinnen und Migranten sind in den vergangenen Tagen in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika eingereist. Das spanische Innenministerium spricht von 49'000 Ankömmlingen allein in den vergangenen 24 Stunden. Ceuta zählt normalerweise rund 85'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Es ist also bereits um mehr als die Hälfte angewachsen. Die Menschen tummeln sich in den Strassen, es herrscht Ausnahmezustand.

Gemäss dem lokalen Medium El Pueblo de Ceuta wurde ein Einkaufszentrum wegen des Ansturms geschlossen, ein mehrtägiges Fest zur Feier des Schutzpatrons wurde abgesagt.
Die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt sind verärgert: In den sozialen Medien wurde zu einer Demonstration aufgerufen, da Spaniens Premierminister Pedro Sánchez am Freitag in Ceuta erwartet wird.
Gleichzeitig versuchen soziale Organisationen unermüdlich, die Ankömmlinge zu versorgen. «Uns sind die Ressourcen ausgegangen. Das Lager ist leer, die Gefrierschränke, einfach alles», sagt eine Sprecherin der NGO Luna Blanca zum Pueblo.
Warum jetzt?
Es ist nicht das erste Mal, dass Ceuta von Migranten überrannt wird. Bereits 2021 kam es zu einem Ansturm, damals wurde vermutet, dass Marokko absichtlich die Grenzkontrollen gelockert oder ausgesetzt hatte, um Spanien unter Druck zu setzen.
Regelmässig versuchen Migrantinnen und Migranten, die Grenze zu überwinden. Anfang 2017 scheiterte ein Versuch von über 1100 Menschen, zwei Monate später gelang es rund 500 von 1000 Personen. 2024 scheiterte ein weiterer Versuch von über 1000 Menschen. Bei all diesen Migrationsanstürmen kommen immer wieder Menschen ums Leben, so auch dieses Mal. Am Freitagmorgen wurden bereits 19 Todesopfer gemeldet.

Ceuta sieht sich also immer wieder mit solchen Anstürmen konfrontiert, wenn auch nicht immer im gleichen Ausmass. El Pueblo schreibt denn auch in einem Kommentar: «Das wiederholte Auftreten ähnlicher Vorfälle bestärkt den Eindruck, dass die marokkanischen Behörden, anstatt alle verfügbaren Mittel zur Verhinderung dieser Grenzübertritte auszuschöpfen, diese tolerieren oder gar fördern, wenn es ihren politischen und diplomatischen Interessen dient. Sie nutzen den Migrationsdruck als Instrument, Druck auf Spanien auszuüben.»
Man wolle nicht länger als Verhandlungsobjekt und «Bühne für politische Botschaften» betrachtet werden, heisst es weiter. Gleichzeitig wirft Ceuta der marokkanischen Regierung Untätigkeit vor. Das bestärkt den Eindruck, dass sie die Eskalation zumindest in Kauf nahm.
Das Tor nach Europa
Ceuta und Melilla, eine weitere spanische Exklave auf dem afrikanischen Kontinent, werden von Migranten als Weg nach Europa angesehen. Sie sind geografisch gesehen einfacher zu erreichen. Gemäss der Nachrichtenagentur AP schwimmen viele von der marokkanischen Stadt Fnideq rund fünf Kilometer nach Ceuta. Noch kürzer ist der Weg von Belyounech aus. Andere versuchen, über den Grenzzaun zu klettern. Trotz dieser kurzen Distanz würden jedoch normalerweise trotzdem weniger Migranten die Exklaven erreichen als etwa die Kanarischen oder Balearischen Inseln.

Ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit
Ceuta ist seit dem 16. Jahrhundert in Spaniens Besitz und wird seit 1995 autonom geführt. Vor der Eroberung durch Spanien war Ceuta unter portugiesischer Herrschaft, nachdem bis 1415 verschiedene Berber- und arabische Stämme die Stadt regiert hatten.
Rund 85'000 Menschen, darunter Christen und Muslime, leben in der Exklave. Die Grenze zwischen Spanien und Marokko ist nicht dicht. Täglich pendeln gemäss NDTV viele Marokkaner für ihre Arbeit in die Stadt.

Warum Marokko Anspruch erhebt
Marokko erkennt die Gebiete nicht als Spaniens Eigentum an, sondern betrachtet sie als besetzte marokkanische Städte. Genau das sorgte in der jüngsten Vergangenheit immer wieder für Spannungen zwischen Marokko und Spanien.
Der marokkanische Politikwissenschaftler Samir Bennis sagte bereits 2021 gegenüber BBC, dass der Status von Ceuta und Melilla nicht immer derselbe war. Mal dienten die Städte als militärische Befestigungsanlagen, dann waren es wiederum Open-Air-Gefängnisse. Deshalb könne man auch nicht einfach sagen, Ceuta und Melilla seien einen Grossteil ihrer Geschichte vollwertige spanische Städte gewesen.
Bestärkt fühlte sich Marokko zudem im März 2026, als eine amerikanische Denkfabrik US-Präsident Trump und Aussenminister Marco Rubio dazu aufrief, die beiden Exklaven als besetzte marokkanische Gebiete anzusehen. Dies, um den «spanischen Imperialismus» in Afrika zu beenden und ein «historisches Unrecht» zu korrigieren. Schliesslich habe Trump dies ebenfalls getan, indem er in seiner ersten Amtszeit die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannt hatte.
Warum Spanien stur bleibt
Natürlich gibt es auch eine Gegenseite. Das europäische Land beharrt auf dem Standpunkt, dass die beiden Städte schon über 500 Jahre in seinem Besitz und deshalb ein integraler Bestandteil seien. Verhandlungen mit Marokko werden abgelehnt.
Nach Jahrhunderten in spanischem Besitz sei es rechtlich und politisch nicht so einfach, die Gebiete mal eben zu übergeben, erklärte Jamie Trinidad von der University of Cambridge gegenüber der BBC.

Er nennt ein weiteres Argument: «Politisch gesehen ist der Wunsch der Bevölkerung von Ceuta und Melilla, spanisch zu bleiben, das grösste Hindernis für eine Statusänderung. Die Vorstellung, dass Marokko diese Städte gegen den Willen ihrer Bevölkerung übernimmt, ist heutzutage fast undenkbar», sagt er. Mit anderen Worten: Die Einwohnerinnen und Einwohner Ceutas wollen nicht aus der EU geschmissen werden.
Und was sagt Melilla?
Ähnlich ergeht es der Stadt Melilla: Nach den jüngsten Migrantenanstürmen auf Ceuta sicherte deren Präsident Juan José Imbroda seine Unterstützung zu. Gleichzeitig warf er der spanischen Regierung Versagen in der Migrationspolitik vor.
Auch über die marokkanischen Behörden ist man in Melilla verärgert. Der Präsident der Partei Somos Melilla, Amin Azmani, drückte am Donnerstag seinen Ärger über die Untätigkeit Marokkos aus. Armee und Marine hätten tatenlos zugesehen. «Das ist Komplizenschaft, das ist Nachlässigkeit, die nicht toleriert werden kann», wird er vom Lokalmedium El Faro de Melilla zitiert.
Wie reagiert Europa?
Die Entwicklung löste auch in Italien Reaktionen aus. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni drohte damit, das Schengen-Abkommen über offene Grenzen gegenüber Spanien auszusetzen. Damit wolle sie die Grenzen und die Sicherheit der italienischen Bürger schützen. Italien grenzt allerdings nicht an Spanien.
Frankreich verschärft indessen wegen des Andrangs von Migranten in der spanischen Exklave Ceuta die Kontrollen an der Grenze zu Spanien. Innenminister Laurent Nuñez ordnete an, die Überwachung unverzüglich zu verstärken. Zusätzlich kommt eine schnelle Eingreiftruppe der Grenzschutzbehörde zum Einsatz. Sie besteht aus Polizei, Gendarmerie, Zoll und Soldaten.
In Ceuta bleibt die Lage angespannt. Tausende Menschen haben die spanische Exklave in den vergangenen Tagen von Marokko aus meist schwimmend erreicht.
Mit Material der DPA
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