Von New York bis Berlin: Das ist der Mann hinter dem neuen Linkspopulismus
Seinen Namen kennt kaum jemand, doch er prägt Wahlkämpfe in den wichtigsten Städten der westlichen Welt: Politikberater Morris Katz ist innerhalb weniger Jahre zu einer der einflussreichsten Figuren im Umfeld der äusseren Linken aufgestiegen. Die «New York Times» bezeichnet ihn als den «Mann, der half, mit der Wahl von Zohran Mamdani die grösste politische Überraschung des Jahrzehnts zu orchestrieren». Das, obwohl Katz erst 27 Jahre alt ist und sich über seine eigene Firma vermarktet.

Katz hat ein aussergewöhnliches Gespür für den politischen Zeitgeist. Das zeigte sich schon bei der Auswahl jenes Partners, der Katz in der politischen Welt den grossen Durchbruch brachte: Zohran Mamdani. Als der Linkspopulist ankündigte, Bürgermeister von New York werden zu wollen, lag er in den Umfragen bei gerade einmal einem Prozent. Katz aber erkannte das Potenzial des schlagfertigen Aussenseiters. Er trat Mamdanis Kampagne bei und wurde zu dessen wichtigstem politischen Strategen.
Ein Sohn der Elite prägt den neuen Linkspopulismus
Katz und Mamdani verband dabei mehr als politisches Kalkül. Beide stammen aus privilegierten New Yorker Familien, die in Kultur und Politik bestens vernetzt sind, ohne selbst zum innersten Machtzirkel der Stadt zu gehören. Sie verstanden dasselbe Milieu, sprachen die gleiche Sprache und ergänzten sich offenbar hervorragend. Denn aus dem Ein-Prozent-Mann Mamdani wurde innerhalb weniger Monate der Mann, der gegen eine gewaltige politische Übermacht das Bürgermeisteramt in New York eroberte und zum jüngsten Bürgermeister in über 100 Jahren wurde.
Katz und Mamdani setzten dabei auf die Wut vieler Menschen. Einer von Katz’ Überzeugungen lautet: «Sag es, als wäre es eine Anschuldigung, nicht bloss ein Fakt.» Das Prinzip erinnert an Populismus im Stil von Donald Trump: Politik wird nicht erklärt, sondern als Anklage inszeniert. Dazu gehört für Katz gemäss einem Artikel in der «New York Times» auch, einen klaren Gegner zu benennen, den Massen einen Schuldigen für ein Problem zu präsentieren. Im Weltbild von Katz ist das vorrangig «die Milliardärsklasse», die das System ausnutzt.
Das funktioniert hervorragend auf Tiktok. Klassische Wahlkampfspots gibt es dort millionenfach. Wer einen Klickhit landen will, muss auffallen. Ein Politiker, der sich sichtbar aufregt, hat dabei einen natürlichen Vorteil. Wut löst einen archaischen Reflex aus: Wer einen wütenden Menschen sieht, hält inne und richtet seine Aufmerksamkeit aus einem evolutionären Trieb auf ihn.
In dieses Muster passt, dass Katz’ Kandidaten auch sprachlich nicht mehr so reden, wie Politiker lange glaubten reden zu müssen. Sie fluchen, machen sich über ihre Gegner geradezu lustig. Katz verpasst seinen linken Kandidaten damit einen ähnlichen Kommunikationsstil, wie Steve Bannon ihn vor gut einem Jahrzehnt schon auf der amerikanischen Rechten erfolgreich zu kultivieren begann.
Er kann auch enttäuschte Konservative überzeugen
Weil seine Methoden in New York so gut funktionierten, wurden auch Demokraten ausserhalb des Big Apple letztes Jahr schnell auf Morris Katz aufmerksam. Sein Einfluss wuchs, sodass er auch zu einer Schlüsselfigur für den Midterms-Wahlkampf im November aufstieg. So gehörte er zur Gruppe jener Strategen, die im ländlichen Maine den weitgehend unbekannten Austernzüchter und Ex-Marine Graham Platner entdeckten. Dank Wahlkampf-Nachhilfe von Katz wurde auch Platner zu einem Linksaussen-Hoffnungsträger, der bei Konservativen monatelang für Schnappatmung sorgte.
Platners Kandidatur scheiterte schliesslich an Vergewaltigungsvorwürfen einer früheren Partnerin. Bis dahin hatte er in den Umfragen allerdings beste Aussichten. Katz und seinen Mitstreitern zeigte das, dass ihr Rezept nicht nur in einer Grossstadt wie New York funktioniert, sondern auch in einer ländlichen Region wie Maine. Die enttäuschte weisse Arbeiterschicht kann dort offenbar auch wieder für links gewonnen werden.
Entsprechend wurden auch Politiker in Europa auf Katz und seine Methoden aufmerksam. Anfang dieses Jahres holte ihn Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Berliner Linken, in die deutsche Hauptstadt, um sich persönlich von Katz coachen zu lassen. Vermittelt hatte den Kontakt eine enge Beraterin von Jan van Aken, dem damaligen Co-Vorsitzenden der Partei. Mit Erfolg, wie man rückblickend feststellen muss. Elif Eralp gewann vergangenen Monat ihre Wahl in Berlin.
Geld und Ruhm sind nicht sein wichtigster Antrieb
Berlin zeigt dabei nur einen Bruchteil davon, wie weit Katz’ Einfluss in Europa inzwischen reicht. Wie das französische Magazin «Revue21» berichtet, hat Katz’ Strategie auch in der französischen Linken Nachahmer gefunden. Eine Vertreterin der Linksaussen-Partei «La France Insoumise» erklärte, dass ihr Bürgermeister in Saint-Denis, Bally Bagayoko, seine Kampagne ähnlich dem von Mamdani in New York organisiert habe. «Katzismus» nannte sie das.
Selbst der Linkspopulist, der in Grossbritannien regelmässig für provokative Schlagzeilen sorgt, suchte schon den Kontakt zu Katz. Zack Polanski, der ökopopulistische Chef der britischen Grünen, traf den New Yorker zu einer Strategieberatung.
Für die Parteien, die mit ihm zusammenarbeiten, gibt es aber auch ein Risiko. Denn das Interesse von Morris Katz beschränkt sich nicht auf den Aufbau der eigenen Karriere, sondern ist ideologisch geprägt. Der «New York Times» sagte er einmal, dass er «gegen Republikaner, aber notfalls auch gegen Demokraten kämpft». Also gegen die eigenen Parteifreunde, wenn sie sich zu zentristisch positionieren.
Was das inhaltlich bedeutet, zeigt ein Blick auf die Kampagnen, die Katz mitprägt. Sie setzen etwa auf Forderungen, die selbst vielen europäischen Sozialdemokraten zu weit gehen. Etwa von der Regierung betriebene Läden mit günstigen Lebensmitteln, einen komplett kostenlosen öffentlichen Verkehr oder eben die Enteignungs-Kampagne der Linken in Berlin. Der aus einer jüdischen Familie stammende Katz unterstützt zudem dezidiert Mamdanis propalästinensischen Kurs und erklärte, der Einfluss der proisraelischen Lobbyorganisation AIPAC auf amerikanische Wahlen habe ihn «radikalisiert».
Bei den im November stattfindenden Midterms steht für Morris Katz nun aber die womöglich wichtigste Bewährungsprobe seines Lebens an. Wenn die in diesem Jahr aussergewöhnlich vielen eher linken Demokraten vom Schlage Katz’ triumphieren, werden dessen Ideen zum neuen Mainstream links der Mitte. Sollten hingegen die Republikaner oder die zentristischen Kandidaten beider Parteien die Oberhand behalten, wäre der Siegeszug des neuen Linkspopulismus vorerst gestoppt.
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