Norwegens Grossvater ist tot: Wie König Harald V. sein Land prägte
Er wollte selbst als König nie viel Aufsehen um sich machen. Harald V. galt als der «stille», ja fast spröde Monarch, war in jungen Jahren schüchtern, hielt ungern Reden. Doch er ist in seiner Rolle gewachsen und gewann in seinen 35 Jahren auf dem Thron enorme Bedeutung für Norwegen. Jetzt erschüttert der Tod des Monarchen, der am Freitagmorgen mit 89 Jahren im Universitätsspital in Oslo starb, das Land.

Erst vor wenigen Tagen hatte sich sein Gesundheitszustand wegen einer Bluterkrankung und einer Infektion dramatisch verschlechtert. Der älteste regierende Monarch Europas hatte in den letzten Jahren immer wieder ärztliche Betreuung benötigt. Doch diesmal war die Situation anders.
Die ganze Familie war am Donnerstag an sein Krankenbett geeilt, und vor dem Schloss versammelten sich Hunderte Menschen, auch über Nacht; legten still oder weinend Blumen nieder. Einmal sang die Menge die Nationalhymne. «Er bedeutet alles für uns. Er hat das Volk gesammelt», erklärten Enja und Sonja Magnerud, Mutter und Tochter, vor dem Schloss.
Dass Harald V. nicht wie die Monarchen in den Niederlanden oder Dänemark in Pension ging und abdankte, war typisch für ihn: etwas Sturheit, die er aber immer mit Humor paarte. Dazu gehörte, dass er bis zuletzt aktiv blieb und reiste. Vor zwei Jahren war er in den Ferien in Malaysia erkrankt, bekam daraufhin einen Herzschrittmacher und diente weiter als Staatsoberhaupt, oft an Krücken.
Er wurde liebevoll «Norwegens Grossvater» genannt, und sein Pflichtbewusstsein, gemischt mit einer gewissen Normalität, kam gut an. Natürlich war Harald König, aber er wirkte nie abgehoben. Wollte keine schillernde Person sein, sondern ging mit seiner Familie wandern und mit Journalisten fischen.
Bei Geburtstagen und Thronjubiläen dinierte er nicht nur mit den Royals aus ganz Europa, sondern liess vor dem Schloss für die Bevölkerung einen Ski- und Schlittelhang errichten oder Glace verteilen. Seine Ausbildung war privilegiert: ein Studium im britischen Oxford und eine militärische Ausbildung. Zudem war Harald begeisterter Segler, und gewann mit seiner Crew an Welt- und Europameisterschaften Medaillen.
Volksnaher Royal
Die Nähe zum Volk hatte Harald von seinem beliebten Vater Olav V. gelernt, der während der Ölkrise 1973 demonstrativ in Oslo Tram fuhr. Nach seinem Tod wurde Olav zum «Norweger des Jahrhunderts» erkoren; das war auch ein Zeichen für den Stellenwert der Monarchie in Norwegen, einem Land, das 1821 den Adel abschaffte – und erst mit der Unabhängigkeit von Schweden 1905 wieder eine eigenständige Monarchie wurde. Zusammen mit seinem Grossvater und Vater erhielt Harald eine starke identitätsstiftende Rolle.
Harald V. brauchte eine Weile, um aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten, wobei ihm auch seine Beharrlichkeit half: Er kämpfte jahrelang dafür, die bürgerliche Kaufmannstochter Sonja Haraldsen heiraten zu dürfen. Schliesslich drohte der Kronprinz seinem Vater: Entweder werde es Sonja – oder er werde nie heiraten; eine Haltung, die von vielen bewundert wurde. Die 58 Jahre dauernde Ehe wurde zu einer der stabilsten in europäischen Königshäusern, ohne Affären oder Skandale, dafür mit umso mehr Engagement bei repräsentativen Auftritten und im Kontakt mit der Bevölkerung.
König Harald V. von Norwegen – sein Leben in Bildern
Gemeinsam stärkten sie die Monarchie, die politisch keinerlei Macht, aber grosse gesellschaftliche Bedeutung hat, gerade in Krisen. Nach den Terroranschlägen von 2011 gegen Regierungsgebäude in Oslo und das Juso-Lager auf der Insel Utøya fand Harald bewegende Worte, als er sich unter Tränen für eine offene Demokratie und Gesellschaft aussprach. Bei seinem 25. Thronjubiläum plädierte er in einer auch international beachteten Rede für Vielfalt und Toleranz, auch angesichts der Flüchtlingskrise: «Norweger sind Mädchen, die Mädchen lieben, und Jungen, die Jungen lieben, und Mädchen und Jungen, die einander lieben. Norweger glauben an Gott, an Allah, an alles und nichts».
Nicht alles verlief für das Königspaar harmonisch, doch die Krisen der letzten Jahren gingen von ihrer erweiterten Familie aus. Stiefenkel Marius Borg Høiby, «Bonusprinz» genannt, wurde in erster Instanz wegen Vergewaltigung verurteilt, ein Prozess, der enormes Aufsehen erregte. Gleichzeitig wurde bekannt, welch verstörend engen Mailkontakt Høibys Mutter Mette-Marit, die künftige Königin, zum Sexualverbrecher Jeffrey Epstein gepflegt hatte. Und Märtha Louise, die Schwester von Thronfolger Haakon, heiratete einen umstrittenen amerikanischen Schamanen, betreibt Marketing mit ihm und musste deshalb ihre royale Rolle einschränken. Als Folge der Skandale brach die Popularität des Hofes in Umfragen markant ein.
Dass das Königshaus dies überhaupt überstand, verdankte es wesentlich dem stillen, weithin respektierten Mann auf dem Thron, der mit der Königin an seiner Seite für Integrität und Kontinuität stand. Der Publizist Harald Stanghelle beschrieb Harald V. als bescheidenen, aber auch engagierten König, der auf die grossen gesellschaftlichen Veränderungen während seiner Regentschaft «sehr aufmerksam und bewundernswert» zu reagieren wusste. Sein Sohn Haakon wird auf dieses Fundament bauen können. Doch mit dem Tod Haralds dürfte die norwegische Monarchie noch stärker infrage gestellt werden.
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