Italiener lässt Erntehelfer einfach verbluten – so schlimm sind die Bedingungen im Land
Es war ein Vorfall, der in ganz Italien und über die Landesgrenzen hinaus für Abscheu und Empörung gesorgt hatte: Dem Landarbeiter Satnam Singh aus Indien war vor zwei Jahren auf einem Landwirtschaftsbetrieb in der Provinz Latina südlich von Rom bei der Arbeit an einer ungesicherten Maschine, mit der Felder mit Plastikplanen bedeckt werden, der Arm abgetrennt worden.
Der «Padrone», also der Inhaber des Betriebs, kam hinzu, doch statt den schwerverletzten und stark blutenden 31-jährigen Singh umgehend in die nächste Notfallaufnahme zu bringen, fuhr er ihn und seine Frau, die ebenfalls auf den Feldern arbeitete, zu dessen Unterkunft und überliess ihn seinem Schicksal. Den abgetrennten Arm hatte er in eine Gemüsekiste gesteckt und beim Opfer hinterlassen.
Alles Flehen der Ehefrau des Verletzten, er möge mit ihrem Mann ins Spital fahren, blieb vergeblich. Es waren dann Nachbarn gewesen, die die Ambulanz gerufen haben. Das Opfer hatte aber bereits zu viel Blut verloren und verstarb eineinhalb Tage später im Krankenhaus.
Nun hat das Gericht von Latina den Inhaber des Landwirtschaftsbetriebs, den 39-jährigen Antonello Lovato, wegen eventualvorsätzlicher Tötung zu einer Gefängnisstrafe von 16 Jahren verurteilt. Der Arbeiter hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit gerettet worden können, wenn er rechtzeitig ins Spital gebracht worden wäre, betonte die Richterin.
Der Staatsanwalt, der für Lovato 22 Jahre gefordert hatte, sprach von einem Vertuschungsdelikt: Singh sei schwarz und ohne Vertrag angestellt gewesen; Lovato habe ihn nicht zur Notaufnahme gebracht, weil er in diesem Fall hätte befürchten müssen, dass die illegalen Anstellungsverhältnisse auf seinem Betrieb auffliegen würden.
Systematische Ausbeutung von Landarbeitern
In der Tat hatten die Behörden schon vor dem tödlichen Arbeitsunfall ihr Auge auf den Betrieb von Lovato und dessen Vater geworfen: In einem parallelen Verfahren sind die beiden wegen des Straftatbestands des «Caporalato» zu Gefängnisstrafen verurteilt worden.
Mit dem Begriff «Caporalato» sind die illegale Vermittlung und die systematische Ausbeutung von ausländischen Landarbeitern gemeint, die in ganz Italien und besonders im Süden des Landes weit verbreitet sind und bei denen meist auch mafiöse Clans ihre Finger im Spiel haben. Laut Schätzungen der Gewerkschaften sind in Italiens Landwirtschaft insgesamt rund 230’000 ausländische Landarbeiter beschäftigt, die wie moderne Sklaven ausgebeutet werden.Sie bekommen Hungerlöhne von drei bis vier Euro die Stunde und wohnen meist in menschenunwürdigen Verhältnissen.
Am Tag der Urteilseröffnung gegen Lovato haben Vertreter der Gewerkschaft CGIL und des Anti-Mafia-Dachverbands Libera Mahnwachen vor dem Gericht in Latina organisiert. «Was Singh geschehen ist, ist kein Einzelfall, sondern die Folge eines Systems», betonte CGIL-Chef Maurizio Landini.
In der Tat hat sich die Situation nach dem Tod von Satnam Singh kaum gebessert: Vor einem Monat hatte die Ermordung von vier Erntehelfern aus Afghanistan und Pakistan Schlagzeilen gemacht, die in Kalabrien am helllichten Tag in ein Auto eingesperrt und bei lebendigem Leib verbrannt wurden - nur weil sie verlangt hatten, dass ihnen ihr Lohn ausbezahlt werde, auf den sie seit mehr als einem Monat warteten. Und auch in der Provinz Latina geht die Ausbeutung weiter: Allein im vergangenen Jahr wurden 16 Landwirtschaftsbetriebe wegen «Caporalato» angezeigt.
Nicht nur die Behörden und die Mafia sind Schuld
Der Gewerkschaft CGIL hatte am Strafverfahren gegen Lovato als Zivilklägerin teilgenommen; Landini bezeichnete das Urteil als «einen lang erwarteten Schritt in Richtung Gerechtigkeit». Gleichzeitig forderte der Gewerkschaftsboss aber auch schärfere Kontrollen durch die Behörden sowie die konsequente Anwendung der Gesetze gegen die Ausbeutung, die von der Rechtsregierung von Giorgia Meloni zwar verschärft, aber offensichtlich nur ungenügend durchgesetzt würden. Landini sprach von einem «System der Ausbeutung, das auf illegaler Vermittlung von Arbeitskräften, Schwarzarbeit, Nötigung und der Verweigerung der Würde der Arbeitnehmer beruht».
Es wäre allerdings zu einfach, allein die italienischen Kontrollbehörden und die Mafia für die Missstände verantwortlich zu machen. Denn die Produkte, die die modernen Sklaven ernten, landen zu einem nicht unwesentlichen Teil in den Regalen von Supermärkten und Grossverteilern in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Österreich.
«Verantwortlich sind die grossen Einzelhandelsketten. Sie kaufen zu Preisen, die es den Produzenten unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen», erklärte nach dem Vierfachmord in Kalabrien der Autor Roberto Saviano, der sich seit Jahren mit der Agro-Mafia beschäftigt, gegenüber der Turiner Tageszeitung «La Stampa». Dieses System funktioniere seit vielen Jahren - «bis jemand stirbt. Dann wird eine Kommission eingerichtet. Und dann wird es wieder still.»
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