«Politische Bombe»: Ist Le Pens Zögling Bardella ein verkappter Antisemit?
Die Pariser Medien sprechen von einer «politischen Bombe» – und der Ausdruck ist für einmal nicht übertrieben. Das Enthüllungsmagazin «Mediapart» berichtet von angeblichen antisemitischen Äusserungen Jordan Bardellas. Der 31-jährige Präsident des Rassemblement National (RN) soll sie im Jahr 2013, also im Alter von 18 Jahren, gegenüber Parteifreunden reihenweise und schriftlich festgehalten haben.
«Die Banken gehören allesamt Juden», soll er geschrieben haben. Oder, inklusive Schreibfehler: «Der Jude muss die anderen Völker beherrschen, sie unterdrücken, bestehlen.» Ein paar «schöne Beispiele» seien der Philosoph Bernard-Henri Lévy und der Ex-Mitterrand-Berater Jacques Attali: «Was sie wollen, ist eine neue Weltordnung, die durch Israel dominiert wird, natürlich mit Jerusalem als Hauptstadt.» Und so weiter.
Es dauerte nur Minuten, bis die Enthüllung, so es denn eine ist, in allen Medien aufpoppte. Le Pen wurde sichtlich auf dem falschen Fuss erwischt, als sie beim Verlassen einer Veranstaltung von Journalisten darauf angesprochen wurde. Sie stammelte etwas von «Irrsinn» und «schmutzigen Geheimdienstmethoden» der Medien.
Bardella stellte die Vorwürfe auf dem rechten Live-Sender CNews rundweg in Abrede und kündigte eine Diffamierungsklage gegen «Mediapart» an. «Von mir findet man keine ausländerfeindlichen, rassistischen oder antisemitischen Aussagen, weder öffentlich oder privat, mündlich oder schriftlich», sagte der angegriffen wirkende RN-Präsident. 2025 hatte er in Jerusalem noch den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und die Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem besucht.
Der Skandal erfolgt in Raten
Bardella rühmt seine Partei gerne als «Schutzschild» der französischen Juden gegen linke Gaza-Sympathisanten. Nun wirft er «Mediapart» vor, für Hamas-Milizen und andere Feinde Israels einzutreten.
Das linke Investigativmedium will über Dutzende von Schriftstücken verfügen, die von Bardellas Antisemitismus zeugen sollen. Sie seien von unabhängiger Seite als authentisch bezeichnet worden, hiess es aus der Redaktion.
«Mediapart» ist bekannt dafür, seine oft spektakulären Enthüllungen scheibchenweise zu publizieren. Im RN war deshalb am Dienstag eine gewisse Abwartehaltung zu verspüren. «Es liegt an Jordan Bardella, sich zu äussern», sagte Guy Deballe, sein früherer Weggefährte im Kollektiv Banlieues patriotes.
Der RN-Präsident legte am Dienstag nach, als er sich wieder gefasst hatte: «Man will mich politisch ermorden», sagte er neben Marine Le Pen. «Linksextreme Fanatiker» planten bei «Mediapart» seit Langem einen «totalen Krieg» gegen ihn. Dieser Plan stamme aus der Zeit, als er noch selbst als RN-Präsidentschaftskandidat im Spiel gewesen sei.
Auch wenn das Online-Magazin bisher keine schriftlichen Beweise vorgelegt hat, ist ein Punkt unbestreitbar: Bardella sympathisierte in seiner Jugendzeit mit dem notorischen Antisemiten und Verschwörungstheoretiker Alain Soral, der schon oft wegen Antisemitismus und Holocaust-Leugnung verurteilt worden ist. Ein Mitläufer erklärte anonym, Bardella sei als 18-Jähriger von Sorals «Maskulinismus» fasziniert gewesen. Er sei damals auch «zur Doppelzüngigkeit fähig gewesen».
Solche Aussagen Nahestehender rücken Bardella in ein neues Licht. Der smarte Hoffnungsträger des RN steht über Nacht als Mann mit Schattenzonen da. Dabei hatte er lange als idealer Präsidentschaftskandidat des RN gegolten, weil er, anders als Marine Le Pen, in keine Veruntreuungsaffäre verwickelt ist und auch nicht ihren vorbelasteten Namen trägt. Jetzt erhält das Saubermann-Image einen Fleck – auch wenn derzeit noch möglich ist, dass die von «Mediapart» vorgelegten Schriftstücke gefälscht sein könnten.
Wie weit die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Bardella auf die Kampagne Le Pens abfärben und ihr schaden, muss sich weisen. Die RN-Gründerin sieht jedenfalls ihre Strategie durchkreuzt, die Partei als respektabel und republikanisch zu präsentieren. Der Essayist Paul Melun schloss am Dienstag nicht aus, dass die Wahlkampagne nach dem unaufhaltsam scheinenden Auftrieb der Lepenisten eine «Wende» vollziehen könnte. Nicht nur jüdische Wähler könnten es sich nochmals überlegen, ob sie es Le Pen abnehmen wollen, dass sie die Partei von rassistischen und antisemitischen Elementen gesäubert habe.
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