­
­
­
­

US-Abzug aus dem Irak stärkt Irans Einfluss und schwächt die Kurden

Die letzten US-Soldaten verlassen das Land nach mehr als 20 Jahren. Für Iraks Regierung und die mit Iran verbündeten Milizen ist das ein Erfolg, für die Kurden geht ein wichtiger Schutz weg.
Iraker schlagen im Dezember 2003 in Bagdad mit ihren Schuhen auf den Kopf einer Saddam-Hussein-Statue ein. (Bild: Archivbild: EPA)
US-Soldaten falten im Juli 2010 auf dem Militärstützpunkt Scania südlich von Bagdad die amerikanische Flagge. (Bild: Archivbild: EPA)
Ein US-Soldat der 4. Infanteriedivision bewacht im Dezember 2003 nach einer Razzia gegen mutmassliche Aufständische nahe Bagdad festgenommene Iraker (Bild: Archivbild: EPA)
Der Einmarsch war höchstumstritten und kostete auf beiden Seite unzähluge Menschenleben. (Bild: Archivbild: EPA)
Ein Iraker begutachtet im November 2016 die Zerstörungen in der Kirche al-Tahira al-Kubra im zuvor vom IS besetzten Bezirk al-Hamdaniya östlich von Mossul. (Bild: Archivbild: EPA)
Kurdische Peschmerga-Kämpfer im November 2016 an der Front bei Baschiqa östlich von Mossul während der Kämpfe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). (Bild: Archivbild: AP)
Der kurdische Ministerpräsident Masrur Barsani warnt vor den Folgen des US-Truppenabzugs aus dem Irak für die Kurden. (Bild: Archivbild: AP)

Es ist eine Zäsur: Mehr als 20 Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein im Irak und nach jahrelangen, erbitterten Kämpfen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ziehen die letzten US-Soldaten aus dem Irak ab. An diesem Mittwoch sollte der Abzug formell abgeschlossen sein – das bestätigte ein US-Verteidigungsbeamter der dpa am Dienstag. Kriege, Vertreibung, Terrorismus und politische Unruhen haben tiefe Spuren hinterlassen. Ohne das US-Militär beginnt eine neue Phase der Ungewissheit.

Iraker schlagen im Dezember 2003 in Bagdad mit ihren Schuhen auf den Kopf einer Saddam-Hussein-Statue ein. (Bild: Archivbild: EPA)

Warum ziehen die US-Truppen jetzt ab?

Formell beschlossen wurde der Schritt 2024. Der US-Kampfeinsatz endete bereits 2021, und die zuletzt etwa 2500 US-Soldaten waren nur noch als Berater und Ausbilder im Land. Schon 2011 waren die Truppen komplett abgezogen – doch dann rückte die IS-Terrormiliz von 2014 an im Irak und in Syrien vor und stellte auch die USA und den Rest der Welt vor eine neue Bedrohung.

US-Soldaten falten im Juli 2010 auf dem Militärstützpunkt Scania südlich von Bagdad die amerikanische Flagge. (Bild: Archivbild: EPA)

Der Abzug ist eine der wichtigsten Forderungen von Iraks Ministerpräsidenten Ali al-Saidi und den mächtigen, mit Iran verbündeten Milizen im Land. Diese sollten eigentlich parallel zum US-Abzug ihre Waffen abgeben. Der Schritt wurde nun aber auf Juni 2027 verschoben – Erfolgschancen ungewiss.

Wie begann der US-Militäreinsatz im Irak?

Das hat mit den Terroranschlägen im September 2001 in den USA zu tun. Der damalige US-Präsident George W. Bush rief einen globalen «Krieg gegen den Terror» aus und prägte den Begriff der «Achse des Bösen»: Damit brandmarkte er den Iran, den Irak und Nordkorea, Terrornetzwerke zu unterstützen.

Ein US-Soldat der 4. Infanteriedivision bewacht im Dezember 2003 nach einer Razzia gegen mutmassliche Aufständische nahe Bagdad festgenommene Iraker (Bild: Archivbild: EPA)

Die USA warfen dem damaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein vor, Verbindungen zu Al-Kaida zu haben und Massenvernichtungswaffen anzustreben. Beides stellte sich später als falsch heraus. Dennoch marschierten die USA 2003 mit Verbündeten im Irak ein und stürzten Hussein, während dessen brutaler Herrschaft Hunderttausende ums Leben kamen.

Was war die Bilanz bis 2011?

Der Einmarsch gilt unter vielen Historikern als schlechteste Entscheidung der US-Aussenpolitik der Geschichte. Es folgten Jahre von Aufständen, Chaos und Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen Gruppen, bei denen etwa 4500 US-Soldaten und Zehntausende Iraker getötet wurden. Auch Fotos von Häftlingen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib gingen um die Welt, gefoltert und misshandelt von US-Militär.

Der Einmarsch war höchstumstritten und kostete auf beiden Seite unzähluge Menschenleben. (Bild: Archivbild: EPA)

In dem Krieg und danach steigerten der Iran und mit ihm verbündete Milizen ihren Einfluss deutlich. Das Machtvakuum stärkte auch Al-Kaida und führte später zum Entstehen des IS. Die Gesamtkosten des Kriegs wurden auf bis zu drei Billionen US-Dollar beziffert. Zeitweise waren mehr als 160'000 US‑Soldaten im Land stationiert.

Warum folgte 2014 ein weiterer Einsatz?

Mit der blitzartigen Expansion der sunnitischen IS-Terrormiliz ab 2014 kehrten US-Truppen auf Gesuch Bagdads zurück. Im ausgerufenen «Kalifat» des IS wurden Schiiten und die jesidische Minderheit ermordet und die Welt mit Videos von Hinrichtungen in Schrecken versetzt. Terroranschläge brachten die Gefahr des IS bis nach Europa und in die USA.

Ein Iraker begutachtet im November 2016 die Zerstörungen in der Kirche al-Tahira al-Kubra im zuvor vom IS besetzten Bezirk al-Hamdaniya östlich von Mossul. (Bild: Archivbild: EPA)

Mit der US-geführten «Operation Inherent Resolve» (OIR), der sich mehr als 80 Länder anschlossen, begann der Kampf um die Befreiung Iraks und Syriens von der IS‑Gewaltherrschaft. Die verlustreichen Schlachten zogen sich teils über Wochen und Monate. Die britische Organisation Airwars zählte 1400 Tote der US-Koalition und schätzungsweise bis zu 13'000 getötete Zivilisten. Auch die Bundeswehr beteiligte sich seit 2015 an dem Einsatz.

Der Sieg nach Zehntausenden Luftangriffen war nur möglich mithilfe örtlicher Bodenkämpfer, darunter kurdische Peschmerga. Heute konzentriert sich der IS im Irak auf «das eigene Überleben», heisst es im aktuellen OIR‑Bericht. Dort, wie in Syrien, von wo das US-Militär im April abzog, gebe es so wenig Angriffe wie zuletzt 2013. Tausende IS-Gefangene sitzen heute in irakischen Gefängnissen.

Welche Rolle spielt der Abzug im Iran-Krieg?

Der Schritt spielt dem Iran in die Hände, denn er kann seine Macht im Irak erhalten oder ausbauen. Die Milizen können weiter US-Einrichtungen oder Energie-Infrastruktur in den Golfstaaten angreifen. Kritiker fürchten eine Wiederholung des US-Abzugs aus Afghanistan: ein militärischer Abschied, ohne Gefahren ausreichend einzudämmen. Die Milizen verlieren mit den US-Soldaten aber auch eines ihrer Hauptargumente für den bewaffneten «Widerstand».

Kurdische Peschmerga-Kämpfer im November 2016 an der Front bei Baschiqa östlich von Mossul während der Kämpfe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). (Bild: Archivbild: AP)

Washington wird weiter auf deren Entwaffnung dringen. Das Ziel sollte nicht sein, den Irak gegen den Iran aufzubringen, sagt Lahib Higel von der Crisis Group. Dafür sei der Iran im Irak politisch zu mächtig und auch ein zu wichtiger Wirtschaftspartner. «Der Irak braucht Raum, um seine eigene Balance zu finden», sagt Higel zum Spagat zwischen Teheran und Washington.

Der kurdische Ministerpräsident Masrur Barsani warnt vor den Folgen des US-Truppenabzugs aus dem Irak für die Kurden. (Bild: Archivbild: AP)

Noch stärker gefährdet sind jetzt vor allem die Kurden, die im Krieg hundertfach angegriffen wurden und die nun ihren wichtigsten Schutzschild verlieren. Sie müssen wie in Syrien auch um ihr Projekt für eine Selbstverwaltung bangen, die vor allem mit Schutz des Westens entstand, schreibt die Denkfabrik Atlantic Council. Der kurdische Ministerpräsident Masrur Barsani spricht in einem Interview von einer «Schande».

Wie blicken die USA heute auf den Irak-Krieg zurück?

Die Mehrheit der Amerikaner geht Umfragen zufolge nicht davon aus, dass der Krieg die USA sicherer gemacht hat. Der Abzug passt zum erklärten Ziel Trumps, US-Militäreinsätze im Nahen Osten herunterzufahren und die «ewigen Kriege» zu beenden. Allerdings könnte auch der Iran-Krieg, den Trump gemeinsam mit Israel begann, ein solcher «forever war» werden.

 
Lädt

Schlagwort zu Meine Themen

Zum Hinzufügen bitte einloggen:

Anmelden

Schlagwort zu Meine Themen

Hinzufügen

Sie haben bereits 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

Entfernen

Um «Meine Themen» nutzen zu können, stimmen Sie der Datenspeicherung hierfür zu.

Kommentare
Keine Kommentare

    Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben

Kommentare hinzufügen

Ähnliche Artikel

Abzug von US‑Truppen aus dem Irak trotz Gefahr durch bewaffnete Gruppen

Die letzten amerikanischen Soldaten sollen bis Ende September das Land verlassen. Eigentlich sollten bis dahin auch alle irakischen Milizen, von denen einige Verbindungen zum Iran haben, ihre Waffen abgeben. Doch die denken gar nicht daran. Somit drohen neue Risiken.
16.09.2026

Alle News zum Konflikt im Nahen Osten bis zum 30. Juli 2026

Im Nahen Osten herrscht weiter Anspannung. Alle Neuigkeiten und Reaktionen zum Konflikt in unserem Newsblog.
31.07.2026

Alle News zum Konflikt im Nahen Osten bis zum 4. September 2026

Im Nahen Osten herrscht weiter Anspannung. Alle Neuigkeiten und Reaktionen zum Konflikt in unserem Newsblog.
13.09.2026

Wettbewerb

2x2 Tickets für «Simon & Jan - Heisse Luft» zu gewinnen
Simon & Jan - Heisse Luft

Umfrage der Woche

Ist konfessioneller Religionsunterricht noch zeitgemäss?
vor 22 Stunden
­
­