Abzug von US‑Truppen aus dem Irak trotz Gefahr durch bewaffnete Gruppen
Zwei Fristen laufen Ende dieses Monats im Irak aus – mit grosser Sicherheit wird aber nur eine davon eingehalten werden. Die letzten noch im Irak stationierten US-Truppen packen ihre Koffer, um das Land innerhalb der kommenden zwei Wochen zu verlassen. Die Regierung in Bagdad hatte den Abzug mit einem Ultimatum an alle Milizen verbunden, bis zu diesem Zeitpunkt ihre Waffen niederzulegen. Deren Weigerung, dieser Forderung nachzukommen, macht die Zukunft des Landes wieder einmal ungewiss.
Einige der mächtigsten Milizen im Irak werden von Teheran unterstützt. Und diese haben seit Beginn der israelisch-amerikanischen Angriffe auf den Iran am 28. Februar immer wieder Ziele mit US-Bezug ins Visier genommen – innerhalb wie ausserhalb des Landes. Sie haben auch schon mit der ebenfalls vom Iran unterstützten Huthi-Miliz im Jemen bei Angriffen auf Saudi-Arabien zusammengearbeitet.

Da der Krieg mit den USA noch andauert, wird der Iran seinen Einfluss im Nachbarland Irak wohl kaum aus freien Stücken zurückfahren. Die Regierung in Washington ist sich des Risikos bewusst, das von dieser Konstellation ausgeht. Sie stuft es aber offenbar als nicht so hoch ein, dass sie einen Aufschub des Abzugs für notwendig erachten würde.
Kampf gegen IS gilt als beendet
Seit der Invasion zum Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 sind amerikanische Soldaten im Irak. Ein erster Abzug erfolgte 2011. Doch drei Jahre später, als die sunnitische Terrormiliz IS weite Teile des Landes besetzt hatte, bat die irakische Regierung die USA erneut um militärische Hilfe. Nach dem weitreichenden Sieg gegen die IS-Extremisten – an dem auch die vom Iran unterstützten Milizen beteiligt waren – vereinbarten Bagdad und Washington 2024 ein Ende der Mission.
Bereits im vergangenen Jahr waren die meisten amerikanischen Truppen aus dem Irak abgezogen worden. Nur in der halbautonomen kurdischen Region im Norden waren bis zuletzt noch einige Hundert US-Soldaten stationiert. Deren Stützpunkte gerieten ab dem 28. Februar regelmässig unter Beschuss.
Bis Ende des Monats würden die Soldaten nun nach Jordanien oder in andere Länder in der Region verlegt, hiess es aus Kreisen der US‑Streitkräfte. Die Antiterrortruppen im Irak seien zwar kaum an den US-Angriffen auf den Iran beteiligt gewesen. Da der Iran sie dennoch häufig beschossen habe, werde durch den Abzug das eigene Risiko reduziert.
Bagdad setzt auf Eingliederung
Die irakische Regierung hat sich nicht klar dazu geäussert, ob der 30. September für sie tatsächlich eine feste Frist für die Entwaffnung der Milizen ist oder ob sie das Datum eher als Zeitpunkt für den Beginn von Verhandlungen betrachtet. Kleinere Gruppen haben zwar grundsätzliche Kooperationsbereitschaft signalisiert. Aber gerade die Grösseren und die mit Verbindungen zum Iran haben die Forderung komplett abgelehnt oder ein Einlenken an kaum erfüllbare Bedingungen geknüpft.

Vonseiten der irakischen Regierung heisst es, die aktuelle Strategie ziele darauf ab, die vorhandenen bewaffneten Gruppen unter Kontrolle der irakischen Streitkräfte zu bringen. Schon jetzt sind etliche Milizen Teil der «Popular Mobilization Forces» (PMF), die offiziell unter dem Kommando der Streitkräfte stehen, auch wenn sie in der Praxis weiterhin oft auf eigene Faust agieren. «Die Diskussionen und Dialoge dauern noch an und die Sache wird nach dem Abzug der internationalen Koalitionstruppen geklärt», sagte Regierungssprecher Sabah al-Numan vergangene Woche.
Kurden verlieren wichtigen Schutz
Vor allem die Kurden blicken derweil mit Sorge auf die Zeit nach dem 30. September. Denn ihnen hatten die US-Soldaten bisher auch Schutz geboten. Der Iran und dessen Verbündete hätten in den vergangenen Monaten in der Region Kurdistan auch Orte ohne Bezug zur Präsenz der US-Truppen angegriffen, erklärt der Irak-Experte Mohammed A. Salih von dem in den USA ansässigen Foreign Policy Research Institute.
Ins Visier genommen wurden neben Anlagen der Energie-Infrastruktur auch Vertretungen von im irakischen Exil lebenden iranisch-kurdischen Dissidenten und sogar das Büro von Masrur Barsani, dem Ministerpräsidenten der autonomen Region. «Der Abzug wird die Region Kurdistan noch mehr exponieren und sie zu einem noch leichteren Ziel machen», sagt Salih.
Luftverteidigung für das gesamte Land geplant
Vertreter der Regionalregierung wollten sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP nicht zum Thema äussern. Barsani hat in der Vergangenheit öffentlich gewarnt, dass vor allem der Abtransport von US-Systemen zur Luftverteidigung die Region gefährden könne.
Al-Numan, Sprecher der Zentralregierung in Bagdad, sagte in der vergangenen Woche, der Irak stehe kurz vor der Beschaffung von neuen Luftverteidigungssystemen aus Südkorea, der Türkei und den USA. Diese würden «gemäss sorgfältig ausgearbeiteter militärischer Pläne eingesetzt, um den Schutz des gesamten irakischen Luftraums, einschliesslich der Region Kurdistan, zu gewährleisten», sagte er der AP. (dpa)
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