«Wir werden nicht verzeihen»: In Gaza werden Stimmen gegen die Hamas lauter
Am 6. Oktober 2023, ein Tag vor dem Angriff der Hamas auf Israel, lernte Mayar ein kurzes englisches Theaterstück über Olivenbäume auswendig. Ihre Mutter, die Dichterin Ni’ma Hassan, wollte ihr für den Bühnenauftritt ein traditionelles palästinensisches Kleid mit farbigen Kreuzstichstickereien kaufen. Drei Jahre später erinnert sich Hassan auf Facebook: «Am Morgen des 7. Oktober verbrannten sie die Schule, die Olivenbäume, das Studio … und wir liessen das Kleid und die Stadt zurück.»
Wehmütig denkt Hassan an eine Zeit, in der das Leben im Gazastreifen trotz der Blockade noch Freude bereithielt. Kinder probten für Aufführungen, Eltern machten Pläne. Heute scheint dieser Alltag für immer verloren.
In den von der «Haaretz»-Journalistin Amira Hass ausgewerteten Facebook-Beiträgen aus Gaza verbindet sich die Trauer um diese zerstörte Welt mit einer bitteren Abrechnung. Sie richtet sich auch gegen die Hamas: gegen eine Führung, die den Sieg verheisst, während die Bevölkerung ihre Angehörigen, ihre Häuser und ihre Lebensgrundlage verliert.
Hassan schrieb am Jahrestag des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023: «An diesem verfluchten Tag stiessen sie Gaza über den Rand des Abgrunds … und griffen dann zu ihren Handys, um den besten Aufnahmewinkel zu finden.» Später fügte sie hinzu: «Selbst nach drei Jahren sagen sie uns, entscheidend sei das Ergebnis, und der Sieg sei nahe». Und dann schrieb sie: «Wir werden nicht verzeihen, was uns widerfahren ist.»
Die Bevölkerung versinkt in der Katastrophe
Was ist aus diesem versprochenen Sieg geworden? Diese Frage stellt auch Hamed Jad, Leiter des Gaza-Büros der Zeitung «Al-Ayyam». Ein Jahr zuvor habe er den Hamas-Funktionär Khalil al-Hayya nach dem Erfolg des 7. Oktober gefragt. Für ein Urteil sei es zu früh, habe dieser geantwortet. Nun schreibt Jad: «Tatsächlich hat die Flut auch nach drei Jahren nicht aufgehört, und wir ertrinken noch immer in ihren tosenden Wellen.»
Mit der «Flut» spielt Jad auf den Namen an, den die Hamas ihrem Angriff vom 7. Oktober gab: Al-Aqsa-Flut. Er wendet das Bild gegen sie: Statt des versprochenen Sieges habe der Angriff eine Katastrophe ausgelöst, in der Gazas Bevölkerung noch immer versinke.

Im Zentrum der Kritik steht die Entscheidung der Hamas, deren Folgen andere tragen müssen. Der Angriff vom 7. Oktober auf Israel erscheint als verheerendes Wagnis. Die Beschwörung eines kommenden Sieges wirkt angesichts der Zerstörung wie eine Verhöhnung der Bevölkerung.
Auch ein Jahr nach Beginn des Waffenstillstands bleibt Gaza weitgehend zerstört. Israelische Angriffe dauern an. Israel kontrolliert grosse Teile des Gebiets, die Hamas behauptet andernorts bewaffnet ihre Macht. Eine politische Neuordnung steht aus, der Wiederaufbau stockt. Viele Menschen leben in Notunterkünften.
Was das im Alltag bedeutet, schildert die Lehrerin Samia Wadi. Eine Schülerin kommt zu spät zur Schule, weil sie sich mit ihrer Schwester ein Paar Schuhe teilen muss. Andere fehlen im Unterricht, wenn der Wasserlastwagen kommt. Dann hat die Versorgung der Familie Vorrang vor der Schule.
Frauen und Mädchen leiden besonders
Besonders bedrückend sind die Facebook-Posts über Frauen und Mädchen. In überfüllten Unterkünften fehlt ihnen jede Privatsphäre. Zugleich wächst der Druck, unter dem Familien ihre Töchter verheiraten. Die junge Najia Mahmoud schreibt: «Die Kinderehen, die sich plötzlich in Gaza ausgebreitet haben, sind keine Ehen. Sie sind eine Versteigerung von Mädchen!» Sie berichtet von einem Nachbarn, der seine 15-jährige Frau schlägt. Die Familien schweigen und führen die Armut als Entschuldigung an.
Zum Verlust von Häusern und Angehörigen kommen Gewalt und Demütigungen im eigenen Umfeld. Die Beiträge zeigen, wie Krieg, Armut und Gewalt den Zusammenhalt der Gesellschaft zermürben.
Die Wut auf die Hamas bedeutet dabei keine Zustimmung zu Israels Vorgehen. Beide Anklagen stehen nebeneinander: gegen die Hamas, die mit dem Leben der Bevölkerung gespielt hat, und gegen Israel wegen der Zerstörung ihrer Heimat.
Die von Hass ausgewerteten Facebook-Beiträge sind keine repräsentative Erhebung. Sie zeigen jedoch, wie Menschen in Gaza die Entscheidungen ihrer Führung beurteilen – und wie wenig deren Siegesrhetorik mit ihren Erfahrungen zu tun hat.
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