«Von der Politik im Stich gelassen»: Warum die Gen Z so wütend ist
In zahlreichen europäischen Ländern gehen Menschen auf die Strasse, allen voran junge Leute der Generation Z. Warum sind sie so wütend?
Julius E. O. Fintelmann: Die Gründe für die Proteste sind ganz unterschiedlich, sie reichen von maroden Schulhäusern über zu hohe Mieten bis zu korrupten Regierungen. Ich glaube aber, dass alle diese Proteste einen gewissen Frust gemein haben. Junge Menschen haben das Gefühl, dass die Politik sie im Stich lässt.
Woher kommt dieses Gefühl?
Unsere Demokratien und unsere Wirtschaftssysteme funktionierten bisher nach dem Credo, dass es jeder Generation besser gehen werde als der vorherigen. Wenn wir in die Vergangenheit blicken, stimmt das auch. Es ist eindrücklich, zu welchem Wohlstand Europa es in den vergangenen achtzig Jahren gebracht hat. Aber diese Zeiten sind vorbei. Nur noch gut die Hälfte der 16- bis 26-Jährigen blicken optimistisch in die Zukunft, wie eine Studie jüngst zeigte. Der Frust der jungen Menschen lässt sich meiner Meinung nach auf vier gebrochene Versprechen zurückführen. Sie betreffen Bildung, Wohnen, Arbeit und das Klima.
Beginnen wir mit Bildung: Die mittlerweile ausgearteten Proteste in Frankreich begannen mit Oberstufenschülern, die gegen überfüllte Schulhäuser oder Lehrpersonenmangel protesierten.
Genau, und das sind keine spezifisch französischen Missstände, sie lassen sich in den meisten europäischen Ländern beobachten. Deutschland etwa ist mit Sanierungen von Schulhäusern rund 70 Milliarden Euro im Rückstand. Gleichzeitig altern unsere Gesellschaften, die Rentenausgaben steigen immer weiter. EU-Staaten geben etwa doppelt so viel für das Alter aus wie für die Bildung. Das befeuert ein Befinden unter jungen Leuten, dass für sie nichts übrig bleibt. Und nachdem sie ihre Schulzeit in maroden Klassenzimmern verbracht haben, sind ihre wirtschaftlichen Chancen ziemlich bescheiden.
Was meinen Sie damit?
Nehmen wir das zweite gebrochene Versprechen: Wohnen. Bezahlbarer Wohnraum ist zentral für finanzielle Sicherheit, aber über die ganze EU hinweg sind die Wohnungsmieten viel stärker gestiegen als die Löhne. Davon, ein Haus zu kaufen, müssen wir gar nicht erst anfangen. Junge Menschen zieht es auf der Suche nach Jobs in die Städte, aber gerade dort sind bezahlbare Wohnungen immer schwerer zu finden. Sie würden gerne von Zuhause ausziehen und unabhängig sein, können es sich aber nicht leisten. Oder sie wohnen in WGs, wo die Hälfte des Lohns für die Miete draufgeht.
Wie sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus?
Naja. Viele Einstiegsstellen fallen weg. Unternehmen müssen sparen und bevorzugen erfahrene Arbeitskräfte für offene Stellen. Die Künstliche Intelligenz tut ihr Übriges. Dazu gibt es zwar erst wenig Zahlen, aber auf Jobportalen zeigt sich, dass gerade in jenen Berufen die Stellenanzeigen drastisch zurückgehen, in denen die KI Aufgaben übernehmen kann, die sonst Berufseinsteiger erledigen würden. Hinzu kommt das Lohngefälle wegen des Alters, ein Muster, das sich in vielen gerade westeuropäischen Ländern erkennen lässt: Die Löhne älterer Arbeitnehmer sind stärker gestiegen als jene der jüngeren. Das ist das dritte gebrochene Versprechen: Wir dachten, wenn wir uns Mühe geben und fleissig sind, lässt sich selbstverständlich ein Lebensunterhalt verdienen.
Und das vierte gebrochene Versprechen?
Ein lebenswerter Planet! Die Welt hat das Ziel verfehlt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wir müssen mit Hitze, Stürmen und steigenden Meeresspiegeln rechnen. Unter jungen Menschen ist laut Studien die fatalistische Ansicht, dass die Klimakrise nicht mehr aufgehalten werden kann, deutlich weiter verbreitet als in älteren Generationen. Die letzte grosse Jugendbewegung in Europa waren die Klimastreiks mit ihrem Höhepunkt 2019. Damals war die Stimmung optimistisch: Wir können etwas verändern, können Druck aufbauen. Jetzt ist die Stimmung düsterer. Resignierter, wütender.
Kann aus dieser Stimmung etwas Konstruktives entstehen?
Ich bin unsicher. Momentan sehe ich vor allem viel aufgeheizte politische Energie ohne klare Richtung. Es wäre ja eine Fehlannahme, zu denken, alle jungen Menschen tickten gleich. Ich kann mir vorstellen, dass die Wut die Menschen insgesamt eher auseinandertreibt als zusammenbringt, dass die Polarisierung weiter voranschreitet. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Frust im Kleinen abgreifen lässt. Wäre ich, sagen wir, eine progressive Partei, würde ich mich nun für bessere Lebensumstände stark machen: Günstiger ÖV, erschwingliche Mieten, solche Sachen.
Sie gehören mit 24 Jahren selbst zur Gen Z. Sind Sie pessimistisch?
Nein, ich bin ein überzeugter Optimist. Sonst macht es ja keinen Sinn, irgendwas anzupacken. Die Menschheit hat schon viele Krisen überstanden, und wird auch diese schaffen. Wir müssen uns engagieren und Verantwortung übernehmen. Viel Grund zur Hoffnung, dass sich bald grundlegend etwas ändert, sehe ich aber auch nicht. Die Ängste junger Leute sind real, die gleichzeitigen, dauerhaften Krisen zehren enorm. Sie fragen sich: Was können sie von dieser Welt überhaupt noch erwarten?

Und jetzt entlädt sich diese Perspektivlosigkeit in Protesten, während derer wie in Limoges das Rathaus abgefackelt wird?
Das ist eben schade. Die Gewalt in Frankreich überschattet nun die legitimen Forderungen nach mehr Geldern für die Bildung. Es gibt kleine Gruppen von vorwiegend jungen Männern, welche das Chaos ausnutzen, um zu wüten. Das hat mit dem eigentlichen, friedlichen Protest nichts zu tun. Wer so etwas macht, handelt aus rein nihilistischen Gründen.
In der Schweiz blieb es bisher ruhig. Woran liegt das?
Die Schweiz ist ja immer etwas abgekapselt von dem, was im Rest Europas passiert. Auch hier gibt es zwar Lehrpersonenmangel, steigende Krankenkassenprämien und teure Mieten, aber das System funktioniert vergleichsweise gut. Es gibt weniger Menschen, die sich abgehängt fühlen. Das duale Bildungssystem ist sicher ein Erfolgsfaktor, dann die Teilhabe durch die direkte Demokratie. Von aussen betrachtet tragen die Schweizerinnen und Schweizer ihre politischen Kämpfe sehr gesittet aus.
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