Nie mehr Weltmeister? Mit Deutschlands Aus kündigt sich eine neue Epoche an
Der Grat zwischen Sieg und Niederlage ist im Fussball mitunter schmal: Geht es gut aus, ist scheinbar alles in Ordnung, egal, wie glücklich man weitergekommen ist. Hätte Kai Havertz am Montagabend seinen Penalty verwandelt oder hätte der Referee in der regulären Spielzeit ein umstrittenes Goal von Jonathan Tah gelten lassen: Deutschland stünde im Achtelfinal der Fussball-Weltmeisterschaft, und das Publikum wäre zufrieden. So aber schied die Mannschaft gegen Paraguay aus, einem Land, das etwas mehr Einwohner hat als das Bundesland Hessen.
Damit kam die deutsche Auswahl zwar weiter als bei den letzten beiden Weltmeisterschaften, bei denen sie jeweils in der Vorrunde scheiterte. Als Blamage gilt das frühe Aus gleichwohl, zumal Paraguay spielerisch eher schwächer einzuschätzen ist als die Vorrundengegner Ecuador und Côte d’Ivoire, gegen die Deutschland knapp verlor, beziehungsweise gewann.
Allzu flott sucht der Boulevard Analogien zur Politik
Wenigstens Kanzler Friedrich Merz schien in der Nacht auf Dienstag noch halbwegs zufrieden zu sein: «Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team!», schrieb er auf X (oder liess er schreiben). «Mit eurem Einsatz und Teamgeist habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.» Später ruderte er an gleicher Stelle ein wenig zurück: Man stehe im Sieg wie in der Niederlage zusammen, und wer den Adler auf der Brust trage, habe Rückhalt verdient, nicht Spott.
Solchen hatte er selbst für seinen ersten Tweet geerntet. Die Interpretation, hier rede der ambitionslose Regierungschef eines ambitionslosen Landes über eine ebenso ambitionslose Equipe, lag allzu nah. Zu weit sollte man es mit den Analogien aber auch nicht treiben: Merz und seiner Regierung könnte bald eine durchaus ambitionierte Rentenreform glücken. Den Vorwurf der Realitätsverweigerung, den die «Bild»-Zeitung flugs gegen ihn erhob, kann man dem Kanzler zumindest nicht auf allen Gebieten machen.

Manches verbindet Politik und Fussball aber doch. So scheint die Bereitschaft, persönliche Konsequenzen zu ziehen, in Deutschland kaum noch vorhanden zu sein: Coach Julian Nagelsmann erklärte nach Spielende, weiterhin als Bundestrainer zur Verfügung zu stehen, sollte der Deutsche Fussballbund dies wünschen. Da erinnerte er an Politiker wie den Berliner Bürgermeister Kai Wegner oder den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, Parteikollegen Merz’, denen keine Peinlichkeit gross genug ist, als dass sie ihr Amt zur Verfügung stellen würden.
Natürlich bewirtschaftet auch die AfD das Thema: Björn Höcke, der Anführer des rechten Parteiflügels, verbreitete auf X ein Bild jener Mannschaft, die 1954 im Regen von Bern die hoch favorisierten Ungarn niedergerungen hatte, verbunden mit dem Imperativ des damaligen Coachs Sepp Herberger: «Elf Freunde sollt Ihr sein!». Dass sich der AfD-Politiker eine ethnisch homogene, also weisse Mannschaft wünscht, brauchte er gar nicht mehr explizit zu sagen, sein Publikum verstand ihn auch so.
Es gibt keine Kleinen mehr, aber es gibt auch neue Grosse
Konkurrenzfähig wäre Deutschland mit einer Höcke-Elf noch weniger als es dies jetzt schon ist, zumal der globale Konkurrenzdruck härter geworden ist. «Es gibt keine Kleinen mehr», lautet ein Ausspruch des damaligen DFB-Coachs Berti Vogts aus den Neunzigerjahren, der dadurch, dass er seither bis zum Überdruss zitiert wurde, nichts an Gültigkeit verloren hat. Er gilt für Nationen wie Paraguay.
Es gibt aber auch neue Grosse: Wenige Stunden nach Deutschlands Ausscheiden schaltete Marokko die Niederlande aus. Es war ein Spiel auf ungleich höherem Niveau, bei dem eine grosse europäische Fussballnation einem Gegner unterlag, der vor wenigen Jahren noch als fussballerisches Schwellenland gegolten hatte, aber bereits 2022 bei der WM in Katar bis in den Halbfinal vorgestossen war.
Mit Deutschland hätten die Marokkaner wohl weniger Mühe gehabt als mit den Niederländern. Der Aufstieg der Nordafrikaner erinnert an den der Chinesen im Automobilbau, und auch im Sport scheinen es (neben den Italienern) zunächst die Deutschen zu sein, die den Anschluss verlieren.
Womöglich wird man die WM 2026 im Rückblick als jenes Turnier betrachten, bei dem die Globalisierung des Fussballs erstmals voll durchschlug. So deutet manches darauf hin, dass der Weltmeistertitel, den Deutschland 2014 in Brasilien errang, sein letzter gewesen sein könnte.
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Björn Höcke
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