Femizid-Serie wühlt Italien auf – nun gibt es einen besonders erschütternden Fall
Federico V. hatte seine Ex-Freundin in der Garage ihrer Wohnung in Florenz abgepasst, sie überwältigt, an Händen und Füssen gefesselt und in den Kofferraum ihres Autos gepackt. Dann fuhr er los, auf die Autobahn A1 in Richtung Bologna.
Auf einem Viadukt kurz nach der Ausfahrt Barberino di Mugello hielt er an. Dort zerrte er die sich vergeblich wehrende Frau wieder aus dem Kofferraum, hob sie über die Leitplanken und warf sie aus einer Höhe von 40 Metern in die Tiefe. Die 46-jährige Süditalienerin aus Lecce, die in Florenz in der Marketing-Abteilung eines Unternehmens für Tiermedizin gearbeitet hatte, war auf der Stelle tot.
Sie hatte sich vor einigen Wochen von dem zehn Jahre jüngeren Federico V. getrennt, was dieser - wie unzählige Einträge von ihm in den sozialen Medien belegen - offenbar nicht verwinden konnte. Besonders erschütternd: Das Opfer hatte trotz der Fesselung vom Kofferraum aus mit dem Mobiltelefon noch drei Anrufe tätigen können, einen an ihre Mutter, einen an einen Freund und vor allem einen Anruf von zwanzig Minuten Dauer an die Polizei, in welchem sie verzweifelt um Hilfe bat: «Mein Ex will mich töten.»
Der Polizei gelang es schnell, die Anruferin und ihr Auto zu orten, eine Streife raste mit Blaulicht los - und kam um wenige Augenblicke zu spät. Als die Beamten ankamen, sprang Federico V. vor ihren Augen ebenfalls in den Tod.
«Es ist eine Story, wie wir sie bisher noch nicht einmal in den übelsten TV-Serien angetroffen haben; der reale Horror übertrifft jeden fiktionalen», schrieb der «Corriere della Sera», die renommierteste Zeitung des Landes.
Der Kommentar mag für eine Qualitätszeitung etwas dick aufgetragen erscheinen, aber die dramatische Wortwahl dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass Italien in dem nun langsam zu Ende gehenden heissen Sommer gerade eine Serie von Beziehungsdelikten erlebt, wie sie im Belpaese seit Jahren nicht mehr stattgefunden hat. Seit Tagen beherrscht die «cronaca nerd» (Verbrechenschronik) die Schlagzeilen, meist über mehrere Seiten.
Aufzählung offenbart menschliche Abgründe
Insgesamt haben in Italien seit dem 30. August, als in Rom ein psychisch labiler 16-Jähriger seine 50-jährige Mutter tötete, zehn Menschen bei familiären Dramen oder durch Beziehungsdelikte ihr Leben verloren. In den Medien wird bereits von einer «langen Blutspur» quer durch das Land gesprochen.
Grosse Betroffenheit und Mitgefühl ausgelöst hat Anfang dieser Woche ein Familiendrama in Rom: Ein Elternpaar mit seiner fünfjährigen, seit der Geburt schwer behinderten Tochter Bianca, ist in seiner Wohnung tot aufgefunden worden. Die Polizei geht von einem erweiterten Suizid aus, bei dem der Vater zuerst die Tochter, dann seine Frau und schliesslich sicher selber erschossen hat.
Das Ehepaar hatte seine ganzen Ersparnisse - anscheinend etwa 300’000 Euro - für unnütze Behandlungen der Tochter in Mexiko ausgegeben und wusste offenbar nicht mehr weiter. Und sie konnten die Vorstellung nicht ertragen, was aus Bianca werden würde, wenn sie als Eltern irgendwann nicht mehr da sein würden. In der Wohnung fanden die Ermittler einen Abschiedsbrief.
Nur drei Tage später ereignet sich in Ligurien ein analoger erweiterter Suizid: Ein Vater erschiesst seine Ehefrau und seinen 15-jährigen Sohn und richtet die Waffe im Anschluss gegen sich selbst. Auch in dieser Wohnung fanden die Carabinieri einen Abschiedsbrief.
Statistisch eines der sichersten Länder
Die Serie dieser verstörenden Gewalttaten, aber auch die überbordende und alarmistische Berichterstattung darüber lassen beinahe vergessen, dass es sich bei Italien statistisch gesehen um eines der sichersten Länder der ganzen Welt handelt: Mit 0,55 Morden pro 100’000 Einwohner und Jahr weist Italien eine der niedrigsten Mordraten des Globus auf und liegt deutlich unter dem EU-Schnitt (0,91). Bei den Femiziden liegt Italien ebenfalls im untersten Bereich der Statistiken.
Ein wichtiger Grund für die tiefen Mordraten in Italien liegt an den spektakulären Erfolgen, die der Staat bei der Bekämpfung der Mafia gemacht hat. Noch in den 1980er Jahren galt Palermo mit hunderten Mafia-Toten pro Jahr als «Schiessstand der Cosa Nostra» - heute liegt der letzte Mafia-Mord neun Jahre zurück.
Forschungsinstitute wie das Censis und das nationale Statistikamt Istat weisen in ihren Berichten immer wieder nach, dass die gefühlte Unsicherheit in der italienischen Bevölkerung paradoxerweise weiterhin extrem hoch ist, obwohl die tatsächliche Kriminalität seit den 1990er Jahren massiv gesunken ist.
Der zentrale Grund dafür ist die fast schon manisch anmutende Konzentration fast aller italienischer Medien auf die «cronaca nera», der sie weit mehr Platz und Sendezeit einräumen als etwa die Medien in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich. Auch die «Horror-Story» von Federico V. und seiner Ex-Freundin wird Italien noch tagelang beschäftigen.
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