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Kubicki gewinnt vorerst den Kampf um die Seele der deutschen FDP

Auf dem Parteitag der deutschen Liberalen kommt es zu einer Überraschung, als Marie-Agnes Strack-Zimmermann ihre Kandidatur fürs Präsidium erklärt. Ihr Achtungserfolg deutet darauf hin, dass die Partei so schnell nicht zur Ruhe kommen dürfte.
Muss vor allem Aufmerksamkeit generieren: Wolfgang Kubicki, der neue Parteipräsident der deutschen FDP, auf der Delegiertenversammlung vom Samstag. (Bild: Keystone)
Wie ein Springteufelchen auf dem Kindergeburtstag: Marie-Agnes Strack-Zimmermann forderte Kubicki bei der Wahl zum Parteipräsidenten überraschend heraus. (Bild: Keystone)

Es gibt im Vokabular deutscher Journalisten einen merkwürdigen Begriff: Er lautet «Kampfabstimmung» und wird vor allem im Zusammenhang innerparteilicher Wahlen bemüht. Wo eine Delegiertenversammlung einen Kandidaten reibungslos auf den Schild heben sollte, tritt auf einmal ein Herausforderer auf – und sorgt für Aufregung, obwohl er doch nur etwas herstellt, was demokratische Normalität sein sollte: Wettbewerb.

Am Samstag war es Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Berichterstatter und Delegierte aufschreckte: Die deutschen Liberalen hatten sich in Berlin getroffen, um Wolfgang Kubicki zum Anführer zu wählen. Eine Alternative war nicht vorgesehen, denn Henning Höne, ursprünglich Kubickis Konkurrent ums Präsidium, hatte seine Bewerbung bereits vor Wochen zurückgezogen und sich hinter den 74-jährigen Favoriten gestellt.

Die Liberalen standen vor einem Richtungsentscheid

Am frühen Samstagnachmittag – einige Delegierte dürften sich noch im Zustand jener Trägheit befunden haben, die für gewöhnlich nach dem Lunch eintritt – überraschte die 68-jährige EU-Parlamentarierin Strack-Zimmermann ihre Parteikollegen wie ein Springteufelchen die Teilnehmer eines Kindergeburtstags. Die Delegierten reagierten mit Buh-Rufen, aber auch mit Applaus.

Wie ein Springteufelchen auf dem Kindergeburtstag: Marie-Agnes Strack-Zimmermann forderte Kubicki bei der Wahl zum Parteipräsidenten überraschend heraus. (Bild: Keystone)

Aus Sicht Strack-Zimmermanns und ihrer Anhänger stand nicht weniger als die Seele der Partei auf dem Spiel: Kubicki gilt ihnen als Rechtspopulist, dem sie alles Schlechte zutrauen, darunter auch eine Annäherung an die AfD. Zudem missfällt vielen der Stil des Rechtsanwalts aus Schleswig-Holstein. So nannte er etwa Kanzler Merz einen «Eierarsch».

Durch ebensolche Äusserungen verschafft er der Partei freilich auch jene Aufmerksamkeit, um die sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag im Frühjahr 2025 mühsam ringen muss. Dass der 39-jährige Höne schliesslich auf eine Kandidatur gegen Kubicki verzichtete, war dieser Erkenntnis geschuldet: Um zu überleben, braucht die Partei keine unbekannte Nachwuchskraft, sondern einen Chef, dessen Name eingeführt ist und der durch träfe Formulierungen Schlagzeilen generiert.

Kubicki deckt die grössere Marktlücke ab

Ebendies darf allerdings auch Strack-Zimmermann für sich in Anspruch nehmen, die in den letzten Jahren als wortgewaltige Unterstützerin der Ukraine ihre Talkshow-Tauglichkeit unter Beweis stellte und so landesweite Bekanntheit erlangte.

Politisch steht sie allerdings für einen anderen Kurs als Kubicki: Während er die FDP irgendwo zwischen Union und AfD positionieren zu wollen scheint, verfolgt sie einen eher linksliberalen Ansatz, der zur Tradition der FDP als Establishment-Partei passt.

Die grössere Marktlücke dürfte allerdings Kubicki abdecken, denn was Strack-Zimmermann bietet, finden die Wähler so auch bei vielen Grünen- oder Unionspolitikern. Kubickis konsequentes Beharren auf individuellen Freiheiten sowie die Forderung nach niedrigeren Steuern und Abgaben stellen dagegen Alleinstellungsmerkmale dar: Zwar ertönen aus der AfD gelegentlich ähnliche Stimmen, doch allzu oft in Verbindung mit dem Mundgeruch des Rechtsradikalismus.

Dieser Ansicht war offenbar auch die Mehrheit der Delegierten, und so blieb die Sensation am Samstag aus: Kubicki setzte sich mit 390 Stimmen durch, doch Strack-Zimmermann erzielte mit 259 Stimmen einen Achtungserfolg, der darauf hindeutet, dass der Richtungsstreit in der Partei womöglich erst begonnen hat.

Dass Kubickis Aufgabe, die FDP zurück in den Bundestag zu führen, keine leichte sein würde, war schon vor dem Berliner Parteitag klar, doch womöglich wird sie noch schwieriger werden, als zunächst gedacht.

 
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