Alle reden von einer neuen Schuldenkrise – und jetzt tritt auch noch EZB-Chefin Lagarde zurück
Wer ist die mächtigste Frau in Europa? Nach dem Ende der Kanzlerschaft von Angela Merkel hat für die meisten Beobachter EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diese Rolle übernommen. Aber eigentlich, so könnte man argumentieren, ist es Christine Lagarde. Als Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) steuert sie mit ihrer Zinspolitik die Inflation im Euro-Land. Ihre Entscheidungen haben massgeblichen Einfluss darauf, wie viel Geld den Bürgerinnen und Bürgern der 21 Euro-Staaten am Ende des Monats im Portemonnaie übrig bleibt.
Jetzt hat die 70-jährige Französin ihren Rücktritt auf Anfang Februar angekündigt. Dieser kommt neun Monate vor dem geplanten Ende ihrer insgesamt acht Jahre dauernden Amtszeit. Und der Abgang kommt zu einer Zeit, in der die Finanzmärkte wieder ein misstrauisches Auge auf die Gemeinschaftswährung geworfen haben.
Ausgehend von der sich zuspitzenden Finanzlage in der zweitgrössten EU-Volkswirtschaft Frankreich sind die Schuldzinsen auch in den Euro-Kernländern Deutschland, Italien und Spanien gestiegen. Die Inflation ist zurück und ist im September wieder auf hohe 3,8 Prozent geklettert. Nimmt man die hohen Schuldenstände grosser Euro-Länder hinzu, warnen Kommentatoren wieder vor der Möglichkeit einer neuen Finanzkrise. Die Unsicherheit über die künftige Führung der EZB und das Wissen darum, dass Lagarde in ihrer verbleibenden Zeit eine «Lame Duck», also eine nur noch halb im Amt sitzende EZB‑Chefin, sein könnte, hilft der Stabilität sicher nicht. Mit Spannung wurde deshalb erwartet, was Lagarde selbst im Rahmen der Pressekonferenz zum regelmässigen EZB-Zinsentscheid am Donnerstagnachmittag zu sagen hatte. Nach der Rücktritts-Ankündigung reagierte der Euro-Kurs zunächst kaum.
Macron will mitreden
Zu den Gründen ihres vorzeitigen Rücktritts war im kurzen Ankündigungsschreiben nichts zu vernehmen. Allerdings ist es ein offenes Geheimnis, dass die französischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr eine Rolle spielen. Konkret dürfte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sicherstellen wollen, dass er vor dem Ende seiner Amtszeit noch ein Wort bei der EZB-Nachfolge mitreden kann. Diese wird vom Gremium der EU-Staats- und Regierungschefs ernannt. Und es wäre in den Augen Macrons, aber auch seiner europäischen Kollegen kaum wünschenswert, wenn Marine Le Pen oder auch der ultralinke Jean-Luc Mélenchon, beides erklärte Euro-Kritiker, dies tun würden.
Die beiden am meisten als Nachfolger gehandelten Kandidaten sind der ehemalige niederländische Zentralbankchef Klaas Knot oder der Spanier Pablo Hernández de Cos, ehemaliger spanischer Notenbankchef und gegenwärtig Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Während Ersterer für eine straffe Geldpolitik steht, gilt der Letztere eher als eine währungspolitische Taube. Das heisst: niedrige Zinsen und eine lockere Währungspolitik.
Christine Lagarde sieht auf eine bewegte Zeit an der EZB-Spitze zurück. Die Auswirkungen der Corona-Jahrhundertpandemie haben zu einem riesigen Inflationsschub von teilweise über zehn Prozent geführt. Zudem begann in ihrer Amtszeit der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der anhaltende Handelskonflikt mit den USA unter Präsident Donald Trump Europas Volkswirtschaften.
Grosser Handlungsdruck
Lagardes Bilanz fällt durchwachsen aus. Die EZB muss sich unter ihrer Führung vorwerfen lassen, die Inflationsgefahr durch Corona unterschätzt und mit einer Reaktion viel zu lange zugewartet zu haben. Als die Inflation im Nachgang zur Pandemie immer weiter anstieg, beharrte Lagarde darauf, dass es sich nur um ein «vorübergehendes Phänomen» handle. Erst im Juli 2022 und viel später als die US-Notenbank Fed erhöhte die EZB schliesslich die Zinsen und half damit, die Inflation abzubremsen.
Dass diese infolge des US-Kriegs gegen Iran wieder bei 3,8 Prozent gestiegen ist und damit deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB liegt, zeigt allerdings, dass der Handlungsdruck weiterhin gross ist. Kritiker werfen Lagarde zudem vor, die EZB unnötig von ihrer Kernaufgabe der Sicherung der Preisstabilität entfernt und sich auf Nebenschauplätzen wie einer grünen Anleihenpolitik verloren zu haben.
Zugutehalten kann man ihr, dass sie sich als geschickte politische Netzwerkerin gezeigt. In der Finanzkrise war der EZB-Rat stark gespalten in ein Falken- und ein Tauben-Lager. Lagarde hat es geschafft, diese Spannungen abzubauen. Trotz der Verspätung in der Coronakrise schaffte sie es zudem, die Märkte mit einer klaren und ruhigen Kommunikation nach aussen zu beruhigen.
Interessant wird auch sein, wie es mit der ehemaligen französischen Wirtschaftsministerin weitergeht. Bereits Anfang Jahr schossen Spekulationen ins Kraut, dass Lagarde zum Weltwirtschaftsforum in Davos wechseln würde. Damals ging es um die Nachfolge von Klaus Schwab. Heute stehen BlackRock-Chef Larry Fink und Roche-Vize André Hoffmann dem Stiftungsrat des WEF als Co-Chairs vor.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben






Kleines Vademecum für Kommentarschreiber
Wie ein Kommentar veröffentlicht wird – und warum nicht.
Wir halten dafür: Wer sich an den gedeckten Tisch setzt, hat sich zu benehmen. Selbstverständlich darf an der gebotenen Kost gemäkelt und rumgestochert werden. Aber keinesfalls gerülpst oder gefurzt.
Der Gastgeber bestimmt, was für ihn die Anstandsregeln sind, und ab wo sie überschritten werden. Das hat überhaupt nichts mit Zensur zu tun; jedem Kommentarschreiber ist es freigestellt, seine Meinung auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen.
Jeder Artikel, der auf vaterland.li erscheint, ist namentlich gezeichnet. Deshalb werden wir zukünftig die Verwendung von Pseudonymen – ausser, es liegen triftige Gründe vor – nicht mehr dulden.
Kommentare, die sich nicht an diese Regeln halten, werden gelöscht. Darüber wird keine Korrespondenz geführt. Wiederholungstäter werden auf die Blacklist gesetzt; weitere Kommentare von ihnen wandern direkt in den Papierkorb.
Es ist vor allem im Internet so, dass zu grosse Freiheit und der Schutz durch Anonymität leider nicht allen guttut. Deshalb müssen Massnahmen ergriffen werden, um diejenigen zu schützen, die an einem Austausch von Argumenten oder Meinungen ernsthaft interessiert sind.
Bei der Veröffentlichung hilft ungemein, wenn sich der Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht, im besten Fall sogar Argumente anführt. Unqualifizierte und allgemeine Pöbeleien werden nicht geduldet. Infights zwischen Kommentarschreibern nur sehr begrenzt.
Damit verhindern wir, dass sich seriöse Kommentatoren abwenden, weil sie nicht im Umfeld einer lautstarken Stammtischrauferei auftauchen möchten.
Wir teilen manchmal hart aus, wir stecken auch problemlos ein. Aber unser Austeilen ist immer argumentativ abgestützt. Das ist auch bei Repliken zu beachten.
Wenn Sie dieses Vademecum nicht beachten, ist das die letzte Warnung. Sollte auch Ihr nächster Kommentar nicht diesen Regeln entsprechen, kommen Sie auf die Blacklist.
Redaktion Vaterland.li
Diese Regeln haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.zackbum.ch übernommen.