«Einzigartig und beispiellos»: Christa Pike überlebt Todesstrafe – wie kann das sein?
Am Mittwoch hätte im US-Bundesstaat Tennessee die erste Frau seit über 200 Jahren hingerichtet werden sollen. Christa Pike überlebte die beiden vermeintlich tödlichen Giftspritzen jedoch.
«Um 20:26 Uhr berichteten Zeugen der Hinrichtung, dass die Vollstrecker beide Spritzen mit den tödlichen Chemikalien injiziert hätten und Pike noch am Leben sei und schnarche», heisst es in einem Gerichtsdokument. Schliesslich wurde der Hinrichtungsversuch abgebrochen und Pike in ein Spital gebracht. Über ihren Zustand war zunächst nichts bekannt.
Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie konnte das passieren?
Genau weiss man das aktuell noch nicht. In einer Erklärung beteuerte das Justizvollzugsministerium von Tennessee, man habe «jeden einzelnen Schritt des rechtmässigen und festgelegten Hinrichtungsprotokolls des Bundesstaates befolgt, das von der Generalstaatsanwaltschaft genehmigt wurde». Dieses sieht eine zweite Spritze vor, «wenn der Häftling nach der ersten Dosis nicht verstorben ist». Was passiert, wenn auch die nicht tödlich ist, ist nicht geregelt. Der Geschäftsführer des «Death Penalty Information Center», Robin Maher, nannte den Vorfall «einzigartig und beispiellos». Bisher habe noch niemand die Verabreichung der bei Hinrichtungen eingesetzten Medikamente überlebt.
Hinweise darauf, wo das Problem gelegen haben könnte, gab es allerdings schon vor der Hinrichtung. Gerichtsdokumente zeigen, dass ein Berufungsgericht die geplante Hinrichtung nur eine Stunde vor dem angesetzten Termin stoppte. Pikes Anwälte hatten Bedenken gegen das Hinrichtungsprotokoll.
US-Medien zufolge litt Pike an einer Blutplättchenerkrankung. Deshalb müsse wahrscheinlich ein zentraler Venenkatheter gelegt werden, um die tödliche Giftdosis zu verabreichen. Dadurch drohten Pike unnötige Qualen, die gegen das verfassungsrechtliche Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen verstossen könnten.
Die Frage war keineswegs theoretisch. Erst im Mai war in Tennessee ein anderer Hinrichtungsversuch gescheitert: Bei Tony Carruthers gelang es dem medizinischen Team nicht, einen geeigneten Venenzugang zu legen.
Nur wenige Stunden nach dem Stopp hob der Oberste Gerichtshof der USA den Aufschub aber wieder auf. Zuvor hatte Pike zeitweise auch eine Hinrichtung durch ein aus Frauen bestehendes Erschiessungskommando gefordert – ohne Erfolg.
Wieso wollte Pike ihre Hinrichtungsmethode ändern?
Ihre Anwälte verwiesen auf medizinische Risiken, sowie auf ihre traumatische Kindheit. Laut ihrem Gnadengesuch wurde Pike als Kind vernachlässigt, misshandelt und im Alter von elf und 17 Jahren vergewaltigt. Zudem seien bei ihr eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Traumaexperten warnten, das Prozedere einer Hinrichtung mit der Giftspritze könne schwere Erinnerungen an den erlittenen Missbrauch auslösen.

Warum durfte sie nicht erschossen werden?
Tennessee gehört nicht zu den fünf US-Bundesstaaten, die Erschiessungen als Hinrichtungsmethode erlauben. Der Bundesstaat erlaubt grundsätzlich die Giftspritze und unter bestimmten Voraussetzungen den elektrischen Stuhl. Ein Erschiessungskommando ist dagegen nicht zugelassen. Auch eine Hinrichtung durch Erhängen lehnte der Staat ab: Es fehle sowohl an der nötigen Ausrüstung als auch an der rechtlichen Grundlage.
Die Giftspritze ist überall zugelassen, wo die Todesstrafe noch gilt. Neun Staaten erlauben auch den elektrischen Stuhl, neun die Gaskammer und fünf das Erschiessungskommando. Idaho machte Erschiessungen im Juli 2026 sogar zur regulären Hinrichtungsmethode. Laut Menschenrechtsexperten ist keine der Methoden zuverlässig.
Wie oft gehen Hinrichtungen in den USA schief?
In 27 der 50 US-Bundesstaateen sind Hinrichtungen legal, wobei sie in vier davon – Kalifornien, Pennsylvania, Oregon und Ohio – derzeit per Dekret ausgesetzt sind. Bei rund drei Prozent der Hinrichtungen kommt es laut Austin Sarat vom Amherst College zu schweren Pannen. Der Politikwissenschafter wertete 8776 Hinrichtungen zwischen 1890 und 2010 aus. Bei 267 wurde entweder das vorgesehene Verfahren nicht eingehalten oder es traten unerwartete Probleme oder Verzögerungen auf, indem dem Verurteilten unnötige Qualen zugefügt wurden oder die auf grobe Fehler des Hinrichtungsteams hindeuteten.
Die dokumentierten Fälle beschreiben Verurteilte, die auf dem elektrischen Stuhl Feuer fingen, beim Erhängen stranguliert wurden, statt durch Genickbruch zu sterben, oder eine falsche Dosierung bei den Medikamenten in der Giftspritze.
Frauen werden in den USA fast nie zum Tode verurteilt und noch seltener hingerichtet. Nur 1,1 Prozent der Hinrichtungen seit dem Jahr 1977 waren laut dem «Death Penalty Information Center» Frauen.
Wieso wurde Christa Pike zum Tode verurteilt?
Im Jahr 1996 folterte und tötete Pike eine 19-jährige Mitstudentin nahe der University of Tennesse in Knoxville. Sie sei überzeugt gewesen, dass die junge Frau ihren Freund haben stehlen wollen, sagte sie später. Der damalige Freund wurde wegen seiner Rolle im Mord zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Der Fall sorgte damals für grosse Aufregung, weil die Angreifer dem Opfer angeblich ein Pentagramm in die Brust geritzt hatten. Pike gab später zudem zu, ein Stück des Schädels des Opfers mitgenommen zu haben.
Wie geht es jetzt weiter?
Der Gouverneur von Tennessee, Bill Lee, ordnete eine «umfassende, unabhängige» Untersuchung an, um herauszufinden, was vorgefallen ist. Alle weiteren geplanten Hinrichtungen, die in diesem Bundesstaat für dieses Jahr geplant sind, würden nicht stattfinden. «Die Vollstreckung eines rechtmässig verhängten Urteils gehört zu den schwerwiegendsten Aufgaben des Staates. Die Menschen in Tennessee erwarten, dass sie nicht nur rechtmässig und verfassungskonform, sondern auch wirksam durchgeführt wird», so Lee laut der Nachrichtenagentur AP.
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