Plagiate, erfundene Krankheiten, falsche Karriere: Ein Star-Professor stürzt die Uni Cambridge in die Krise
Eine steilere Karriere als jene von Soziologie-Professor Jason Arday gab es im britischen Königreich selten. Mit nur 37 Jahren wurde Arday im Jahr 2023 von der renommierten Universität Cambridge auf einen Lehrstuhl für Soziologie berufen – als Experte für Ethnologie und Bildung. Die Elite-Uni feierte ihren neusten Forscher als «einen der besten seines Fachs» und präsentierte Ardays unglaubliche Leistungen in einer gut organisierten Medienoffensive.
Allerhand Heldentaten wurden über Arday verbreitet. So soll Arday in 35 Tagen rund 30 Marathons absolviert haben (nahe am Weltrekord, trotz eines angebrochenen Beins). Für wohltätige Zwecke soll er über 5 Millionen Pfund gesammelt haben – und nur zwei Wochen vor der Vereidigung seines PhDs eine Hirntumor-Operation überlebt haben. Das alles, obwohl er bis zum Alter von 18 Jahren aufgrund seines Autismus gar nicht habe lesen und schreiben können.
Mit dieser Lebensgeschichte wurde Jason Arday schnell zu einem der gefeiertsten Professoren Cambridges. Auch erhielt er mehrere Ehrendoktorwürden anderer Hochschulen. Bis zum Ende letzter Woche, als ein ehemaliger, von Cambridge ausgestossener Forscher in einem Artikel Plagiatsvorwürfe gegen Arday öffentlich machte. Mehr als 100 Passagen in dessen Doktorarbeit sollen gemäss den Vorwürfen aus einer sechs Jahre zuvor publizierten Arbeit abgeschrieben sein – vielfach sogar mit exakt wortgleichen Sätzen.
Eine Guardian-Recherche brachte das Kartenhaus zum Einsturz
Arday bestritt die Vorwürfe zunächst. Unterstützer des Professors schrieben sogar einen offenen Brief, der die Vorwürfe als Hetzkampagne von Rechtsaussen-Zeitungen bezeichnete und von zahlreichen prominenten Briten unterschrieben wurde. Etwa vom Chef der britischen Grünen und zahlreichen bekannten Professoren.
Doch dann begannen auch die grossen Zeitungen, genauer hinzuschauen. Der linksliberale «Guardian» sprach mit Arday persönlich, der ihm erzählte, er sei schon lange Ziel rechtsextremer Rassisten. Sie hätten ihn an der Universität schon zweimal mit Messern bedroht und seinen Eltern den Kopf eines toten Schweins geschickt, was er dann der Polizei gemeldet habe.
Der «Guardian» überprüfte letzte Woche all diese Behauptungen in einer aufwendigen Recherche und fand dabei heraus: Davon lässt sich keine einzige nachweisen – weder die von Arday genannte Polizeistation hat je von ihm gehört, noch der Sicherheitsdienst seiner Universität oder der Metzger jenes Geschäfts, das den abgeschnittenen Schweinekopf verkauft haben soll. Dann wies das US-Magazin «The Atlantic» auch noch nach, dass Arday vor einigen Jahren noch behauptete, an einem Hodentumor gelitten zu haben. Erst später wurde in Ardays Erzählungen daraus ein Hirntumor.
In der Folge tauchten immer mehr Ungereimtheiten in Ardays Lebensgeschichte auf. Wie er selbst einräumen musste, hat er nicht wie zuvor selbst behauptet 5 Millionen für wohltätige Zwecke gesammelt – sondern eher 10'000 Pfund als Teil eines Kollektivs von 100 Leuten. Zwei Universitäten, an denen er als Gastprofessor gelehrt haben soll, gaben öffentlich bekannt, dass der Mann dort nie angestellt war. Und ein Buch, das er geschrieben haben will, wurde nie veröffentlicht.
Arday muss gehen – die Verantwortlichen bleiben
So musste der Professor am Mittwoch nun trotz aller Widerstandsversuche zurücktreten – nur wenige Stunden, nachdem die Universität Cambridge bekannt gab, dass sie nun entgegen vorheriger Mitteilung die Plagiatsvorwürfe gegen Arday doch noch einmal untersuchen wolle – wegen «neuen Hinweisen».
Die Posse an der Universität Cambridge hinterlässt für alle Beteiligten einen immensen Reputationsschaden. Jason Arday, der als waghalsiger Hochstapler entlarvt wurde, verliert seine akademische Zukunft. Gleichzeitig fragen sich viele Cambridge-Forscher – etwa die indischstämmige Postkolonialismus-Professorin Priyamvada Gopal in einem offenen Brief –, wie es überhaupt zu dieser Misere kommen konnte.
Im Raum steht insbesondere der Vorwurf, dass die Leitung der soziologischen Fakultät Arday ohne Überprüfung seiner Qualifikation einstellte, weil sie auf Biegen und Brechen eine Person mit schwarzer Hautfarbe in ihren Reihen wissen wollte. Kritiker bemängeln insbesondere, dass die Universität damit all jenen aufstrebenden schwarzen Talenten einen Bärendienst erwiesen habe, die sich ihren Erfolg redlich erarbeiten – und sich nun von rechtsaussen den Verdacht gefallen lassen müssen, nicht wegen ihrer Leistung, sondern wegen ihrer Hautfarbe gefördert worden zu sein.
Bislang hat die Affäre nur für Arday Konsequenzen. Jene Professorinnen und Professoren, die seine Einstellung verantworteten, sind weiterhin im Amt. Erst am Freitag kündigte ein Sprecher der Universität an, nun sämtliche Umstände des Falls zu untersuchen – auch das Vorgehen des Einstellungskomitees.
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