Vierter Sieg mit fast 81: Lula stoppt den Rechtsruck in Lateinamerika
Luiz Inácio «Lula da Silva» schreibt erneut Geschichte: Am Sonntag siegte der fast 81-Jährige zum vierten Mal bei den Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Er erhielt 51,7 Prozent der Stimmen und lag damit klar vor seinem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro, der auf 48,2 Prozent kam. Damit stoppt der ehemalige Gewerkschaftsführer den Durchmarsch rechter, von den USA unterstützter Kandidaten, die zuletzt in lateinamerikanischen Ländern wie Kolumbien, Bolivien und Peru Erfolge feierten.
Historische Aufholjagd
Lula von der linken Arbeiterpartei (PT) gelang damit, was noch kein Kandidat vor ihm geschafft hatte: Er holte den Rückstand in der ersten Runde nicht nur auf, sondern überrundete seinen Herausforderer auf der Zielgerade. Gründe sehen Wahlbeobachter vor allem in einer massiven, emotionsgeladenen Social-Media-Kampagne, die der junge und populäre PT-Gouverneur von Piauí, Rafael Fonteles, orchestriert hatte. Er gilt nun als Anwärter auf die Nachfolge Lulas. Diese Kampagne, flankiert von einem «Heer» von freiwilligen Wahlhelfern, die von Tür zu Tür gingen, mobilisierte zehn Millionen Menschen, die zuvor dritte Kandidaten oder gar nicht bzw. ungültig gewählt hatten.
«Wir haben die Lüge besiegt»
In seiner Siegesrede bedankte sich Lula im durchgeschwitzten blauen Hemd mit heiserer Stimme bei der brasilianischen Bevölkerung, die einen unvergleichlichen Enthusiasmus an den Tag gelegt habe. «Wir haben die Lüge besiegt», sagte er und bezeichnete seinen Herausforderer als inhumanen Milizionär. Er versprach, Gesundheits- und Bildungsreformen und die Care-Wirtschaft zum Dreh- und Angelpunkt seiner Politik zu machen. Auch in der Umwelt- und Klimapolitik werde man international mit gutem Beispiel vorangehen und harte Hand gegen die Kriminalität walten lassen. Ausserdem wolle er fortan über soziale Medien direkt mit der Bevölkerung kommunizieren.
Brasilien sei niemandes Hinterhof, ergänzte er mit einem Seitenhieb auf die USA. Noch bevor die Wahllokale am Sonntag schlossen, erklärte Präsident Donald Trump, er «verfolge» die Stichwahl. Zuvor hatte er Flávio empfangen, dessen Ergebnis in der ersten Wahlrunde gelobt und die Wahl als «sehr wichtig» bezeichnet.
Bolsonaro will das Ergebnis anfechten
Sein Herausforderer erklärte in einer knappen Ansprache, dass er das Ergebnis anfechten wolle. Es sei nicht annehmbar, dass das Oberste Gericht die Regeln mit einem Federstrich ändere, sagte er.

Er bezog sich damit auf den spannungsgeladenen Wahltag mit einem turbulenten Ende: Kurz vor Schliessung der Urnen beschloss ein Oberster Richter aufgrund von in letzter Minute vorgebrachten Bitten beider Kandidaten, die Wahllokale zwei Stunden länger geöffnet zu lassen. Lulas Kampagne gab als Grund Störungen des öffentlichen Nahverkehrs in ärmeren Vierteln im nördlichen Bundesstaat Bahia an – eine seiner Hochburgen. Bolsonaros Kampagne argumentierte mit den starken Regenfällen, die seine Wahlhochburgen im Süden beeinträchtigten.
Laut dem Politologen Oliver Stuenkel von der Getulio-Vargas-Stiftung hat Flávio die Niederlage aber selbst verschuldet. «Nach seinem Vorsprung wähnte er sich siegesgewiss, und seine Verbündeten begannen in der Öffentlichkeit schon, um die Ministerposten zu schachern», schrieb er auf X.
Jubel in Brasiliens Städten
Derweil feierten die Anhänger Lulas in vielen Städten den Sieg des historischen Anführers der linken Arbeiterpartei (PT) mit Jubelgesängen und Autokorsos. Lula hatte in der ersten Runde Anfang Oktober hinter Bolsonaro gelegen und daraufhin eine fulminante Aufholjagd gestartet. Ihm gelang es vor allem, die Nichtwähler mit einer emotionalen Kampagne zu mobilisieren. Die Enthaltung und die ungültigen Stimmen lagen bei 19 Prozent, dem niedrigsten Wert in 20 Jahren.

Rückschlag für die Bolsonaro-Familie
Lulas Sieg ist ein herber Rückschlag für die politischen Ambitionen der Bolsonaro-Familie. Flávio scheiterte damit wie auch schon sein Vater Jair im Jahr 2022 mit dem Vorhaben, Lula an der Wahlurne zu besiegen. Jair Bolsonaro zettelte daraufhin einen Putschversuch an; er wurde deshalb 2025 zu 27 Jahren Haft verurteilt. Derzeit sitzt er im Hausarrest. Auch Flávio wird nun zum ersten Mal in 20 Jahren kein politisches Amt innehaben.
Das Ergebnis wird Auswirkungen über Brasilien hinaus haben und dafür sorgen, dass Lateinamerikas grösstes Land unter Lula einen unabhängigeren aussenpolitischen Kurs einschlägt. Lula hat angesichts der Spannungen mit der Trump-Regierung Brasiliens Souveränität sowie engere Beziehungen zum Globalen Süden und zu China betont. Bei den gebeutelten linksprogressiven Kräften in Lateinamerika sorgte Lulas Sieg für besondere Erleichterung. Zu den ersten Gratulanten gehörten die Staatschefs aus Uruguay und Mexiko. Aber auch rechtskonservative Staatschefs der Region, zum Beispiel aus Bolivien und Paraguay, gratulierten dem Sieger schnell.
Schwierige vierte Amtszeit
Es wird aber nicht leicht werden für Lula: Im Kongress sitzt ihm eine rechte Mehrheit gegenüber, die schon in der Vergangenheit Vetos des Präsidenten überstimmt hat, insbesondere in der Umweltpolitik. Die hohe Staatsverschuldung und die teuren Wahlversprechen lassen kaum Spielraum, und die hohen Zinsen belasten Staat wie Haushalte. Dazu kommt ein Rivale in Washington, der den Wahlkampf mit Wohlwollen für Flávio Bolsonaro begleitet hat.

Auch die Bolsonaros sind nicht geschlagen, denn Michelle und Carlos ziehen in den Senat ein, Jair Renan in die Abgeordnetenkammer. Brasilien hat sich noch einmal für den Mann entschieden, der das Land schon dreimal erfolgreich regiert hat. Ob ihm das auch ein viertes Mal gelingt, ist offen.
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