• Evelyne und Robert Nutt alias der Froschkönig
    Evelyne und Robert Nutt alias der Froschkönig  (Elma Korac)

Eine zauberhafte Liebe

Es war einmal ein Mädchen namens Evelyne, das jeden Tag mit dem Bus von Triesenberg nach Triesen in die Realschule fuhr, um klug zu werden. 13 Jahre war sie alt und gerade in die zweite Klasse gekommen, als ihr eines Tages ein dunkler Lockenkopf namens Robert ins Auge stach. Er war noch nicht einmal 12 Jahre alt und kleiner als sie. Doch Evelyne war hin und weg...
Triesen. 

«Der ist ja unglaublich süss», flüsterte Evelyne entzückt. Da sie jedoch zu schüchtern war, um ihn direkt anzusprechen, bat sie Iwan, Roberts älteren Bruder, ihr ein Foto von ihm zu besorgen. Zu ihrem Entsetzen behandelte dieser ihren Herzenswunsch allerdings nicht so diskret, wie sie es sich gewünscht hätte. Mit breitem Grinsen lief er direkt zu Robert hin und zeigte mit gestrecktem Finger auf Evelyne, die mit rotem Kopf am liebsten in der Erde versunken wäre. Erst war Robert erstaunt, dass sich ein älteres Mädchen für ihn interessierte, fühlte sich dann aber geschmeichelt. «Hübsch sieht sie aus», freute er sich. Und so war auch er fortan verliebt. Doch wie es das Schicksal wollte, trauten sich beide Verliebten lange Zeit nicht, miteinander zu reden, und so wurden in den Pausen lediglich heimliche Blicke ausgetauscht. Dann kam der 7. September – der Tag, der das Leben der zwei Verliebten für immer verändern sollte. Es war Sonntagnachmittag, Kinderdisco in Triesen. Robert nahm allen Mut zusammen, ging zu Evelyne hin und stellte die alles entscheidende Frage: «Wetsch met mr go?» Natürlich wollte sie das, davon träumte sie doch schon seit Wochen. Und so unterstrich sie ihr «Ja» mit einem heftigen Nicken. Glücklich standen die beiden voreinander – und sprachlos. Was gab es jetzt noch reden – jetzt, wo das Wichtigste geklärt war? Nichts. «Dann lass uns tanzen», schlug Robert vor. Und so tanzten sie den ganzen Nachmittag eng umschlungen, ohne ein weiteres Wort zu wechseln.

Fast ein ganzes Jahr lang traf sich das junge Paar erst mal nur im Bus und zur Kinderdisco, später dann zum Billardspielen. Wenn auch nicht viel geredet wurde, so hielt man doch fleissig Händchen. Beide waren stolz darauf, mit einem Freund bzw. einer Freundin angeben zu können und die neidischen Blicke der anderen waren ihnen sicher. So kam es, wie es kommen musste. Nach einem halben Jahr Händchenhalten, folgte endlich der erste Kuss. Ein grosser Schritt auf ihrem gemeinsamen Weg. Selbst wenn Evelyne und Robert in den nächsten drei Jahren öfter mal «Schluss machten» – einfach, weil sich das in ihrem Alter so gehörte –, fanden sie stets nach wenigen Wochen wieder zusammen. Ein Hin und Her, das sie beendeten, als Robert 15 Jahre alt wurde. «Für jeden Menschen gibt es einen Gegenpool», sagte er. «Und du bist der meine. Warum sollten wir also weitersuchen. Wir gehören zusammen.» So bildeten sie fortan eine untrennbare Einheit.

Bereits mit 17 Jahren zog Robert praktisch ins Elternhaus von Evelyne ein und um sich ein Stückchen Freiheit zu gönnen, erwarb er einen alten Opel, den Evelyne – die ja bereits 18 war – fahren konnte. So waren sie viel unterwegs, feierten wilde Partys. Wenn Robert mit seiner Band einen Auftritt hatte, jubelte Evelyne ihm in vorderster Reihe zu. Und falls ein anderes Mädchen wagte, sich ihm anzunähern, verscheuchte sie es mit giftigem Blick. Eifersüchtig waren sie dazumal beide. Grund dazu hatten sie jedoch nie. Denn eigentlich hatten sie sowieso nur Augen füreinander. Es war eine tolle Zeit, ohne Sorgen und Probleme – bis Robert sich dazu entschloss, einen zweimonatigen Entwicklungsdienst in Zimbabwe zu absolvieren. Damit begann für Evelyne die bis anhin schlimmste Zeit ihres Lebens. Kaum war Robert abgereist, starrte sie Löcher an die Decke. Was machte er gerade? Wie ging es ihm? Sie vermisste ihn unendlich. Und um mit ihm reden zu können, musste sie immer bis Samstagabend warten, denn nur dann hatte Robert Zugang zu einem Telefon. So fieberten beide von einem Samstagsgespräch zum nächsten. In diesen wenigen Minuten schütteten sie ihr Herz aus, erzählten von ihren Erlebnissen und beteuerten ihre Liebe. Und als sie sich nach zwei Monaten endlich wieder in die Arme schliessen konnten, versprachen sie sich eines: So lange würden sie nie mehr getrennt sein. Ein Versprechen, das sie hielten.

Der Alltag pendelte sich ein. Evelyne und Robert lebten glücklich, ohne auch nur einmal zu streiten. Das kannten sie nicht – und wollten es auch nicht. Als der Kinderwunsch in Evelyne mit den Jahren wuchs, war Robert sehr angetan von der Idee, eine eigene kleine Familie zu gründen. Heiraten wollte er deswegen aber nicht. Darin sah er keinen Grund – ihre Liebe sei das Einzige, was zähle. So wurde ihr Sohn Colin im Jahr 2003 geboren – ein kleiner Sonnenschein, der das Leben seiner Eltern auf den Kopf stellte. Fläschchen geben und Windeln wechseln wurden gegen wilde Partys getauscht. Robert und Evelyne wurden häuslich und der Bau eines eigenen kleinen Heims in Triesen sollte ihre Dreisamkeit vervollständigen.


Doch ganz zufrieden war Evelyne mit dieser Situation nicht. Sie träumte immer von einer weissen Heirat. So begann sie, ihren Liebsten zu bearbeiten. Jede Gelegenheit, die sich bot, nutzte sie, um ihm die Vorzüge einer Ehe schmackhaft zu machen – bis Robert eines morgens seinen Widerstand aufgab: «Dann sage ich ‹Ja› – nur, damit du Ruhe gibst. Aber dann heiraten wir auch am 7. September – unserem Tag.» Gesagt, getan. Noch am gleichen Nachmittag unterschrieben Evelyne und Robert beim Standesamt die nötigen Unterlagen und wenige Monate danach feierten sie ihre persönliche Traumhochzeit. Die Idee, sich anstatt  einen Ring überzustreifen, ihre Initialen auf den Ringfinger tätowieren zu lassen, kam von Robert: Einerseits aus praktischen Gründen – ein Ring war in seinem Beruf als Zimmermann hinderlich –, andererseits fand er die Symbolik schön: Denn während man ein Schmuckstück einfach abstreifen kann, hält eine Tätowierung für ewig. Manchmal neckte er zwar seine Evelyne mit dem Satz: «Der Tätowierer meinte, dass man daraus ganz einfach ein Tribal machen könne.» Doch sie erwiderte solche Sprüche nur mit hellem Lachen. Wusste sie doch nur zu gut, dass keiner von ihnen ohne den anderen leben konnte.

Evelyne und Robert Nutt alias Froschkönig

Evelyne und Robert Nutt alias Froschkönig

Sie führten ein Leben voller Harmonie und Zufriedenheit, meisterten gemeinsam die Höhen und Tiefen des Lebens. Eine Beziehungskrise erlebten Robert und Evelyne nie. Und über ihre kleinen Macken sahen sie grosszügig hinweg, nahmen den anderen so, wie er war. Er sehr ordnungsliebend und perfektionistisch, sie eher chaotisch-kreativ. «Ich glaube, das ist unser Geheimnis», sagte Evelyne eines Tages zu Robert, «dass wir nie versucht haben, den anderen zu ändern. Und dass wir immer hinter dem anderen stehen, egal, was kommt.» «So ist es», erwiderte dieser. «Darum mussten wir auch nie an unserer Beziehung arbeiten. Wenn wir das müssten, hätten wir in meinen Augen das gewisse Etwas verloren.» Dass so eine tiefe Liebe keine Selbstverständlichkeit war, darüber waren sich Evelyne und Robert aber wohl bewusst. «Wir haben grosses Glück, uns gefunden zu haben», beteuerten sie sich immer wieder.

Ihr 25-Jahre-Jubiläum feierten sie im Jahr 2013 ausgiebig in Hamburg – nur zu zweit, wie in alten Zeiten. Solche kleinen Auszeiten gönnten sie sich immer wieder. Während sie in jüngeren Jahren oft aufs Motorrad gestiegen waren, cruisten sie mittlerweile in einem kleinen Sportwagen durch die Gegend. Mit roten Backen und wehenden Haaren. Dann blickten sie sich von der Seite an und jeder dachte bei sich: «Wie attraktiv du doch bist – und mit jedem Jahr mehr.» Und hier endet die Geschichte von Evelyne und Robert. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann cruisen sie noch immer durch das Leben und lieben sich jeden Tag ein Stückchen mehr. (ne)

28. Nov 2014 / 16:49
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