• Interview Erbprinz in Vaduz
    Erbprinz: «Ohne eigenes Zutun wird man selbst bei objektiv ­glücklichster Ausgangslage sein persönliches Glück nicht finden.»  (Daniel Schwendener)

«Nur mit Glück kommt man nicht weit»

S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein im Interview mit Chefredaktor Patrik Schädler zum diesjährigen Staatsfeiertag über Glück und glückliche Momente in seinem Privatleben und über glückliche Momente in der 300-jährigen Geschichte Liechtensteins.
Vaduz. 

Durchlaucht, was bedeutet für Sie persönlich Glück?
Glück bedeutet für mich ein erfülltes Leben in einer zufriedenen Familie und einer attraktiven Umgebung.

Bedeutet es für Sie Glück, dass Sie heute in dieser Position sind? Und fühlen Sie sich glücklich in Ihrer Rolle als stellvertretendes Staatsoberhaupt? Ist es immer nur Glück oder manchmal auch eine Last?
Jede Aufgabe ist mit attraktiveren und weniger attraktiven Seiten verbunden. Ich habe das Glück, dass ich diese Aufgabe gerne mache und sie spannend finde. Jeder Tag hat neue inte­ressante Aspekte. Deshalb kann ich mich durchaus glücklich schätzen.

Das Fürstentum Liechtenstein feiert dieses Jahr seinen 300. Geburtstag. Wie viel Glück brauchte es aus ihrer Sicht, damit wir dieses Jubiläum feiern können? War es mehr Glück oder Können?
Um als Kleinstaat in kritischen Phasen der europäischen Geschichte zu überleben, brauchte es sicherlich Glück. Es hat aber auch Persönlichkeiten gebraucht, die international gut vernetzt und respektiert waren, und welche auch zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Wie gross der Anteil von Glück und wie gross der Anteil des Könnens war, lässt sich nur sehr schwer beziffern.

Wenn Sie auf Ihre Familiengeschichte in den letzten 300 Jahren schauen: Hatten all Ihre Vorgänger das gleich glückliche Händchen?
Das wird natürlich unterschiedlich gewesen sein. Auch hatten die Vorgänger in ihrer Regierungszeit unterschiedlich gute Gelegenheiten, um ein glückliches Händchen zu beweisen. Ein ganz kritischer Moment war z.B. die napoleonische Zeit, als es darum ging die Souveränität zu sichern. Andere Fürsten hatten davor und danach nicht das Glück in diesem kritischen Moment Fürst zu sein und sich so beweisen zu können.

Spielt Glück bei der Ausübung Ihres Amtes oder in der Wirtschaft eine Rolle? Sollte man mit dem Faktor Glück rechnen oder sollte man dies besser ausklammern?
Man sollte nicht mit dem Glück rechnen, weil man genauso gut Pech haben kann. Wie in der Wirtschaftswelt braucht es in der Politik neben Glück auch Können und Einsatz. Nur mit Glück kommt man nicht weit.

Für was sollte sich Liechtenstein zu diesem 300-Jahr-Jubiläum glücklich schätzen? Oder anders herum: Was wird heute in der Gesellschaft zu wenig geschätzt?
Liechtenstein sollte sich einerseits glücklich schätzen, dass es als eigenständiger Staat überlebt und andererseits, dass sich das Land so gut entwickelt hat. Was vielleicht zu wenig geschätzt wird, ist die Tatsache, wie viel besser es uns heute geht und wie viel höher der Lebensstandard im Vergleich zu früheren Zeiten ist - auch für die niedrigen Einkommen.

Ein Sprichwort sagt: «Jeder ist seines Glückes Schmied.» Kann man aus Ihrer Sicht sein Glück wirklich selbst gestalten? Oder es gar finden?
Ohne eigenes Zutun wird man selbst bei objektiv glücklichster Ausgangslage sein persönliches Glück nicht finden.

Was könnte die derzeit glückliche Lage Liechtensteins am ehesten trüben? Werden es eher geopolitische Umstände sein, welche wir selbst nicht beeinflussen können, oder sehen sie hier auch Entwicklungen im Inland?
Als sehr aussenhandelsorientierter Kleinstaat sind wir stark von der Entwicklung unserer Absatzmärkte abhängig. Wir müssen uns aber auch ständig selbst weiterentwickeln, um den verschiedensten neuen Herausforderungen gegenüber gut gewappnet zu sein. Momentan sehe ich die Gefahr grösser, dass uns aussenpolitische Entwicklungen treffen. Ich denke da an Protektionismus und den zunehmenden Trend zum Recht des Stärkeren, was immer zu Lasten der Kleineren geht. Wenn wir jedoch notwendige innenpolitische Reformen verschlafen, können wir ebenfalls schnell Schaden nehmen. 

Was sind Ihrer Meinung nach die fünf wichtigsten Probleme, denen Liechtenstein derzeit gegenübersteht?
Neben den bereits erwähnten beiden aussenpolitischen Herausforderungen ist meiner Ansicht nach die technologische Entwicklung, insbesondere die Digitalisierung, eine grosse Herausforderung. Im Weiteren sind es die Themen demografische Entwicklung, Umwelt und Verkehr sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 

Sie haben in Ihrer Thronrede den Landtag zu weiteren Reformen aufgefordert und den Abgeordneten auch ins Gewissen geredet, die Regierung nicht mit parlamentarischen Eingaben einzu­decken. Passiert ist aber eher das Gegenteil. Grosse Reformen sind nicht in Sicht, dafür gab es sehr viele Eingaben. Fühlen Sie sich noch ernst genommen oder braucht es einfach seine Zeit?
Grosse Reformen sind bis jetzt noch nicht eingebracht worden. Es sind aber einige in Ausarbeitung. In den ersten Monaten des Jahres haben sich die Koalitionspartner zusammengesetzt, eine konstruktive Herangehensweise für die zweite Hälfte der Legislaturperiode gefunden und sich zumindest auf ein Investitionsprogramm geeinigt. Meine Hoffnung ist, dass es nun auch mit den Reformen in den nächsten Monaten einen Schritt weiter geht.

Sie sind also noch guter Hoffnung, dass sich in dieser Legislaturperiode noch etwas bewegt?
Ich bin zuversichtlich, dass doch noch einiges in Bewegung kommt. Schliesslich ist es im Interesse der Koalitionspartner, dass auch in diesem Bereich ein Leistungsausweis präsentiert werden kann. Meines Wissens werden entsprechend diverse Reformvorschläge für die zweite Jahreshälfte in die Vernehmlassung gehen oder in den Landtag kommen. 

Wir haben jetzt seit etwa einem Jahr aufgrund von Aufspaltungen und Austritten fünf Parteien und einen parteifreien Abgeordneten im Landtag. Das Parlament wurde in kurzer Zeit sehr «bunt». Denken Sie, dass dieser Umstand die Reformprojekte erschwert und glauben Sie, dass der Landtag so «bunt» bleibt?
Mein Eindruck ist, dass es in der ersten Hälfte der Legislaturperiode lange gebraucht hat, um sich auf diese neue Situation einzustellen. In diesem Jahr hat es aber schon besser funktioniert, vor allem haben die Koalitionspartner – wie erwähnt - eine konstruktive Herangehensweise für die zweite Hälfte der Legislaturperiode gefunden. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass es im Rest der Legislaturperiode möglich sein sollte, noch einiges zu bewegen.

Denken Sie, dass wir auch nach den Wahlen 2021 fünf oder gar noch mehr Parteien im Landtag haben werden?
Mit der Sperrklausel von 8 Prozent haben wir eine hohe Hürde für den Einzug einer Partei in den Landtag. Diese ist nicht so einfach zu erreichen, wenn viele Parteien gleichzeitig antreten und vielleicht auch noch ähnliche Wählergruppen ansprechen. Viel hängt auch vom Erfolg der Regierungsarbeit ab, ob der Trend, dass Stimmen von Grossparteien an die kleineren Parteien gehen, gestoppt werden kann.

Ein Projekt im Rahmen des Jubiläumsjahres heisst «Mein Liechtenstein 2039».  Wie sehen Sie Liechtenstein in 20 Jahren? Oder wo wünschen Sie sich eine entsprechende Veränderung?
20 Jahre sind politisch gesehen eine lange Zeit. Mein Wunsch wäre, dass wir weitere Schritte in eine wirklich nachhaltige Entwicklung Liechtensteins setzen können. Dabei verstehe ich Nachhaltigkeit in einem umfassenden Sinn – wirtschaftliche Nachhaltigkeit inklusive eines nachhaltig finanzierten Staatshaushalts und nachhaltig finanzierten Sozialversicherungen, gesellschaftliche Nachhaltigkeit sowie ökologische Nachhaltigkeit.

Wo müsste man dafür konkret ansetzen?
Ganz entscheidend ist ein optimales Bildungssystem. Unser Bildungssystem ist zwar gut, wir müssen es aber in Hinblick auf anstehende Herausforderungen immer weiter verbessern und flexibler gestalten. Eine gute Bildung ist auch die wichtigste Grundlage im Hinblick auf die Herausforderungen der Digitalisierung und schenkt in alle Aspekte der Nachhaltigkeit ein. Was die wirtschaftliche Nachhaltigkeit betrifft, sollten wir ausserdem weitere Reformen für den Finanzplatz, vor allem im Treuhandbereich, realisieren. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung werden wir in den kommenden 20 Jahren sicher auch noch einige Massnahmen setzen müssen. Ich denke hier an die Altersvorsorge in der ersten und zweiten Säule, die Finanzierung der Alterspflege und auch das Gesundheitswesen. Für die gesellschaftliche Nachhaltigkeit ist eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig, die aber auch für die Wirtschaft von Bedeutung ist. Und im Hinblick auf eine attraktive Umwelt, den Klimawandel und die Lösung des Verkehrsproblems sollten wir bei der Raumplanung Fortschritte machen und ein gut durchdachtes Mobilitätskonzept auf die Reihe bringen.

Das Jubiläumsjahr wird am Staatsfeiertag nochmals gebührend gefeiert. Was wird oder soll aus ihrer Sicht von diesem Jahr bleiben?
Neben dem Feiern sollte ein grosses Jubiläum vor allem auch genutzt werden, um einerseits über die bisherige Entwicklung sowie deren Erfolgsfaktoren zu reflektieren und andererseits über die künftigen Herausforderungen sowie die nötigen Massnahmen zu deren erfolgreichen Bewältigung nachzudenken. Wenn wir die Diskussion in diesem Jubiläumsjahr in diese Richtung lenken und daraus die richtigen Schlüsse ziehen, dann haben wir viel für unsere Zukunft getan. (sap)

13. Aug 2019 / 06:01
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