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«Dauerhafte Veränderung»

Erbprinz Alois rechnet durch die Coronakrise mit langfristigen und dauerhaften Veränderungen. Er hofft, dass weltweit das Bewusstsein gestiegen ist, dass globale Herausforderungen wie der Klimawandel oder Pandemien nur mit einem konstruktiven Multilateralismus erfolgreich gemeistert werden können. Dies sei gerade auch für Liechtenstein ein grosses Anliegen.
Erbprinz Alois, Vaduz
Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein: «Leider leben wir heute in einer Zeit, in der die sozialen Medien die Verbreitung von Verschwörungstheorien erheblich erleichtern.» (Bild: Tatjana Schnalzger)

Durchlaucht, die Coronapandemie hat auch bei uns im März praktisch von einem Tag auf den anderen vieles verändert. Wie waren Sie und Ihre Familie von diesen Veränderungen und Einschränkungen betroffen?
Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein: 
Da das Schloss Vaduz sowohl unser Heim als auch unser Arbeitsplatz ist, waren wir wenig betroffen. Unsere Kinder – der grosse Teil studiert – waren aufgrund der Schliessung der Universitäten hingegen viel stärker betroffen.

Haben Sie selbst etwas vermisst in dieser Zeit oder war es für Sie mehr oder weniger «courant normal»?
Persönliche Treffen waren in dieser Zeit leider nur sehr eingeschränkt möglich. Hier ging es mir nicht anders wie vielen anderen.

Wie waren oder sind die fürstlichen Unternehmen von der Coronakrise betroffen?
Sehr unterschiedlich. Wir haben Unternehmen, die wenig betroffen sind, wie die LGT und den Grossteil unserer Unternehmen in der Landwirtschaft. Die Hofkellerei und das Restaurant Torkel waren hingegen sehr stark betroffen. Auch die Vermietung unseres Palais in Wien für Events ist praktisch zum Erliegen gekommen. Dieser Bereich wird auch noch länger mit den Auswirkungen der Krise zu kämpfen haben.

Wenn ich Sie vor einem Jahr gefragt hätte, für wie gross Sie die Wahrscheinlichkeit einer solchen globalen Pandemie halten, was hätten Sie gesagt?
Ich muss gestehen, dass ich mich zuvor wenig mit dem Thema Pandemien auseinandergesetzt hatte. Völlig überraschend ist diese Pandemie aber nicht. Es gab ja nicht nur Spezialisten, sondern auch Personen wie Bill Gates, welche auf diese Gefahr hingewiesen haben.

Aber gerade Bill Gates wird nun von Personen, welche an globale Verschwörungstheorien glauben, als der Schuldige betrachtet.
Leider leben wir heute in einer Zeit, in der die sozialen Medien die Verbreitung von Verschwörungstheorien erheblich erleichtern.

Waren Sie persönlich in Ihrem Leben schon einmal von solchen plötzlichen und tiefgreifenden Veränderungen betroffen?
Während der ersten Wochen meiner Offiziersausbildung in Sandhurst durfte man das Gelände so gut wie nicht verlassen und mein Tagesablauf hatte sich mit Beginn der Offiziersausbildung auch völlig geändert. Das war aber ein bewusster und geplanter Schritt. Von den Auswirkungen her war dies zwar ähnlich wie ein Lockdown, von unvorhersehbaren Einschränkungen im Ausmass, wie wir es in der Coronakrise erlebt haben, war ich aber noch nie betroffen.

Die Regierung war vor allem in der ersten Phase dieser Krise sehr präsent und hat das Ruder übernommen. Sie haben sich als Staatsoberhaupt – auch im Vergleich mit anderen Ländern – erst relativ spät zu Wort gemeldet. Warum?
Aus meiner Sicht war es primär die Aufgabe der Regierung, über die Pandemie und die jeweiligen Massnahmen zu informieren. Sie ist für das operative Tagesgeschäft, die Leitung der Verwaltung und damit auch für das Schnüren der Massnahmenpakete und die Information darüber zuständig. Ich sah dann den Zeitpunkt gekommen, mich zu Wort zu melden, als die Einschränkungen erheblich verstärkt werden mussten und es darum ging, vor der Sondersitzung des Landtages die Zustimmung für das erste grosse Massnahmenpaket zu gewinnen. Hier sah ich den Bedarf, der Bevölkerung mitzuteilen, dass auch das Staatsoberhaupt die Einschätzungen der Regierung teilt und hinter den Massnahmen steht. Und als dann die ersten Lockerungen kamen, hielt ich es für passender, anstatt einer Ansprache im Landeskanal in einem Radio-Interview Fragen der Hörerinnen und Hörer zu beantworten. Naturgemäss konnte ich weder in der Ansprache noch im Interview sehr viel Neues erzählen. Es ging mir aber vor allem darum, als Staatsoberhaupt zu bestätigen, dass die Regierung bei der Bewältigung der Krise auf dem richtigen Weg ist.

Wenn wir auf die Zeit im März und April zurückblicken: Wo würden Sie sagen, dass man etwas anders hätte machen können oder müssen?
Wenn man so viele Entscheidungen auf einer zum Teil mangelhaften Datengrundlage fällen muss, wird man im Nachhinein immer irgendetwas finden, was man noch besser hätte machen können. Insgesamt ist aber mein Eindruck, dass die Regierung die Situation bis jetzt sehr gut bewältigt hat. Ich denke mir, dass wir für zukünftige Pandemien oder eine allfällige zweite Welle von Anfang an genügend Schutzbekleidung haben sollten. Deshalb halte ich etwa auch den Aufruf der Regierung, dass alle einen Vorrat an Schutzmasken zu Hause haben sollten, für sehr sinnvoll.

Gibt es etwas, dass Sie nur dank dieser Krise gelernt haben?
Ich habe zwar schon vor der Krise an der einen oder anderen Videokonferenz teilgenommen, aber meine Lernkurve während der Krise, was Videokonferenzen betrifft, war sehr steil.

Hat die Coronakrise aber nicht auch aufgezeigt, dass unsere Eigenständigkeit als Land in einer solchen Situation praktisch auf null reduziert wird? Komplett eigenständige Entscheidungen waren im Bereich der Prävention bzw. der Massnahmen praktisch unmöglich.
Das sehe ich nicht so. Für einen Staat, der nicht zuletzt aufgrund der vielen Grenzgängern regional sehr stark integriert ist, wird es in einer solchen Krisensituation nie sinnvoll sein, einen wesentlich anderen Weg zu gehen als die Nachbarstaaten. Daher wird man Sicherheitsmassnahmen immer in enger Abstimmung mit den Nachbarstaaten treffen. Aber wir haben bewusst in gewissen Punkten die Massnahmen etwas anders umgesetzt und dies durchaus zu unserem Vorteil.

Sie sehen also für einen Kleinstaat wie Liechtenstein nicht die Gefahr, dass in einer Krise mit grösseren Ausmassen zumindest teilweise die Souveränität gefährdet ist?
Ich sehe nicht, dass dies ein souveränitätspolitisches Problem ist. Auch viele grössere europäische Staaten haben sich nach ersten nationalen Alleingängen letztendlich sehr schnell mit den anderen Staaten abgestimmt. Dies weil sie gemerkt haben, dass es schwierig ist, alles nur auf nationaler Ebene sicherzustellen.

Gesundheitlich haben wir die Krise bisher gut überstanden. Doch die Wirtschaft war und ist erheblich betroffen. Eine weltweite Rezession scheint unumgänglich. Oder sehen Sie dies anders?
Leider sehe auch ich eine weltweite Rezession auf uns zukommen. Wie schnell sich die Wirtschaft erholen wird, kann man aus der heutigen Sicht nur sehr schwer beurteilen. Viel hängt davon ab, in welchem Umfang es international zu zweiten Wellen kommt und wie schnell man diese eindämmen kann. Auch wird einiges davon abhängen, wie in den verschiedenen Staaten die Massnahmenpakete für die Wirtschaft greifen. Die Sektoren werden sehr unterschiedlich betroffen sein. Gewisse werden sich schnell erholen oder haben sich bereits erholt und andere, wie etwa der interkontinentale Tourismus, werden noch längere Zeit zu kämpfen haben.

Diese Krise ist wie keine andere der letzten 50 Jahre eine Selbsterfahrung der Gesellschaft, in der sich auch Sinn- und Ethikfragen neu stellen. Welche Fragen haben Sie sich gestellt?
Es haben sich während der Pandemie neue Fragestellungen hinsichtlich der Gewichtung zwischen Gesundheit und Wirtschaft sowie zwischen Schutz des Lebens und Freiheitsrechten ergeben. So ist etwa in den Altersheimen die Frage aufgetaucht, ob man den Schutz der Bewohner oder die Freiheitsrechte der Bewohner höher gewichten soll.

Kann es auf diese Fragestellung überhaupt eine abschliessende Antwort geben?
Dies wird immer umstritten sein. Am einfachsten liesse sich noch ein Konsens erzielen, dass man primär auf präventiv wirkende Massnahmen setzt, welche die Freiheitsrechte zwar eher früh, dafür aber möglichst wenig einschränken. So sind z. B. Abstandsregeln oder die Pflicht, in gewissen Situationen Schutzmasken zu tragen, zwar lästig, sie schränken aber die Freiheitsrechte doch weit weniger ein als später eine Zwangsisolation.

Glauben Sie, dass nach dieser Krise die alte Normalität zurückkehrt und wir quasi wieder «goldene Zwanziger» erleben werden, oder sehen Sie eine neue globale Dynamik, welche eher eine De-Globalisierung, eine Entschleunigung und einen Konsumverzicht mit sich bringt?
Bei einer so tiefgreifenden und umfassenden Krise wird man davon ausgehen müssen, dass sie auch langfristige oder dauerhafte Veränderungen mit sich bringt. Ich gehe davon aus, dass sich bestehende Trends, wie etwa die Digitalisierung, durch die Krise beschleunigen werden. Ob es jedoch mehr in Richtung einer De-Globalisierung oder mehr in Richtung einer besseren geografischen Diversifizierung der Wertschöpfungsketten geht und ob momentan zu beobachtende Entwicklungen wie Entschleunigung und Konsumverzicht nachhaltig sein werden, ist meiner Ansicht nach noch offen. Bezüglich Entschleunigung und Konsumverzicht bin ich eher skeptisch.

Sie gehen bezüglich des globalen Handels also davon aus, dass künftig einfach stärker auf redundante Lieferketten gesetzt wird?
Ja. Die Krise hat bereits gezeigt, eine reine Nationalisierung der Wertschöpfungsketten ist keine Lösung. Wir kreieren z. B. viel grössere Probleme, wenn wir zuerst die internationalen Lieferketten kappen und dann aufgrund von Infektionen plötzlich Betriebe für die nationale Produktion von Masken oder Medikamenten schliessen müssen. Aus einer Risiko-Perspektive wäre dies unvernünftig. Aufgrund der aktuellen Krise muss man aber die Lieferketten besser bis zum Ende durchdenken. Bisher wurde zwar teilweise diversifiziert, dies aber oft nicht bis zu den Vorprodukten gemacht. Darüber hinaus wird man mit Sicherheit wieder verstärkt in Richtung einer gewissen Lagerhaltung gehen, insbesondere bei kritischen Produkten. Da und dort wird diese Lagerhaltung vielleicht sogar staatlich gefördert. Insgesamt glaube ich, dass es eher in Richtung einer besseren Diversifizierung der globalen Lieferketten geht und man das «Just in time»-Prinzip etwas reduziert. Aus liechtensteinischer Sicht ist dies auch wichtig. Wenn es zu stark in Richtung Protektionismus bzw. Nationalisierung ginge, bekämen wir ein Problem. Und deshalb gilt es auch, darauf aufmerksam zu machen, dass dies nicht die beste Lösung ist.

Wie sehen Sie dies politisch? Wenn man die Entwicklungen in Europa betrachtet und erst recht global, dann sieht man, dass autokratische Führungspersönlichkeiten an Macht gewinnen und diese auch versuchen von dieser Krise zu profitieren.
Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung, gerade auch für Europa, die EU und internationale Organisationen, wie etwa die UNO. Diesen Trend gab es allerdings schon vor der Pandemie. Man hat schon vor Corona beklagt, dass der Multilateralismus nicht mehr so gut funktioniert wie vor einigen Jahren. Und viele Herausforderungen, wie etwa der Klimawandel, aber auch die aktuelle Krise, benötigen multilateral koordinierte Antworten. Diese Problematik hat sich durch die Pandemie nun nochmals verstärkt. Für Europa wäre es aber auch eine Chance, wenn die EU in der Krise stärker zusammenrückt, um handlungsfähig zu bleiben. In der Vergangenheit hat sich die EU in Krisen oft weiterentwickelt.

In welchen Bereichen hoffen Sie sonst noch, dass diese globale Krise eine Veränderung bewirkt?
Aus einer internationalen Perspektive würde ich mir wünschen, dass sich weltweit das Bewusstsein erhöht, dass wir globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel oder Pandemien nur mit einem konstruktiven und gut organisierten Multilateralismus erfolgreich begegnen können. Das ist besonders für einen Kleinstaat wie Liechtenstein ein grosses Anliegen.

Welche Veränderungen halten Sie für Liechtenstein nun angezeigt? Und was sollte man aus Ihrer Sicht unbedingt beibehalten?
Wir sollten weiterhin einen sorgsamen Umgang mit den Staatsfinanzen pflegen, weil dies uns in der Krise sehr zugutekommt. Angesichts der zunehmenden Bedeutung der Digitalisierung für unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben sollten wir ausserdem die Dateninfrastruktur weiter verbessern und deren Stabilität und Sicherheit in Zukunft noch erhöhen. Ich denke hier etwa an die Abwehr von Cybercrime, aber auch an die generelle Sicherheit unserer Infrastruktur. Ein längerer Stromausfall ist heute ein grosses Problem. Daher sollten wir uns nicht nur auf die letzte Krise, sondern auch auf andere gefährliche Krisenszenarien vorbereiten.

Woran denken Sie hier konkret?
Es geht darum, dass sich die Landesverwaltung und die Unternehmen möglichst gut gegen Cybercrime, aber auch gegen Cyberwarfare schützen. Im Unterschied zu klassischen militärischen Konflikten – von welchen wir dank unserer freundlichen Nachbarn glücklicherweise weit entfernt sind – ist es so, dass auch ein völlig neutraler und unbeteiligter Staat von einer Cyberwarfare-Attacke betroffen sein kann. Davon könnte zum Beispiel auch unsere Stromversorgung betroffen sein. Das wäre aus meiner Sicht ein Bereich, dem man sich widmen sollte.

Auch politisch steht eine Veränderung an. Im nächsten Februar sind wieder Landtagswahlen. Denken Sie, dass die Themen im Wahlkampf aufgrund der Coronakrise andere sein werden?
Das hängt natürlich von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab. Aber ich denke, dass sie insgesamt keinen grossen Einfluss auf die Wahlkampfthemen haben wird. Einerseits haben sich die Parteien wahrscheinlich für den Wahlkampf schon auf andere Themen vorbereitet und andererseits eignet sich die Pandemie auch weniger für den Wahlkampf, weil bei der Pandemiebekämpfung mehr eine parteiübergreifende Zusammenarbeit im Vordergrund steht. Deshalb erwarte ich mir hier keine grundlegenden Veränderungen.

Und bei welchen Themen würden Sie sich Lösungsvorschläge von den Parteien im Wahlkampf wünschen?
In der nächsten Legislaturperiode sollten wir die Digitalisierung weiterhin erfolgreich vorantreiben, unser Bildungssystem weiter optimieren und im Bereich der Pflege Fortschritte machen. Bei der Altersvorsorge besteht vor allem im Hinblick auf die 2. Säule, die Pensionskassen, Reformbedarf. Dann steht auch die Umsetzung des Mobilitätskonzeptes 2030 an. Schliesslich bleiben das Gesundheitswesen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtige Themen. Der Wahlkampf ist eine Chance, für diese Themen zu sensibilisieren. Ich hoffe nur, dass dies konstruktiv abläuft und man interessante Lösungsvorschläge nicht schon im Wahlkampf wieder abschiesst.

Der diesjährige Staatsfeiertag wird aufgrund der fehlenden traditionellen Feierlichkeiten in die Geschichte eingehen. Was wünschen Sie sich, das von diesem Staatsfeiertag sonst noch übrig bleibt?
Ich wünsche mir, dass wir den Staatsfeiertag trotz Pandemie würdig feiern. Vielleicht finden wir wegen der anderen Ausrichtung des Staatsfeiertages sogar neue Elemente, die auch für die Zukunft in normalen Jahren attraktiv sind.

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