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Als Thurn und ­Taxis Liechtenstein kaufen wollten

In der Geschichte herrscht kein Mangel an Ideen, über die zwar ­ausgiebig nachgedacht und ­diskutiert wurde, die am Ende aber doch an der Umsetzung scheiterten. Ernst Friedrich von Dörnberg, der Chef der Gesamtverwaltung der Fürsten von Thurn und Taxis in ­Regensburg, hatte 1868 eine solche Idee. Liechtenstein würde heute ­anders aussehen, wäre sie ­Wirklichkeit ­geworden.
Aquarell des Künstlers Moriz Menzinger mit Blick auf Vaduz in den 1860er-Jahren. Rechts, ganz im Vordergrund, die Taverne zum «Adler» (heute das Landesmuseum). Vaduz hätte von den Fürsten von Thurn und Taxis zu einer eleganten Residenzstadt ausgebaut werden sollen. (Bild: Liechtensteinisches Landesmuseum)

Dörnberg hatte den Plan gefasst, Liechtenstein für die Fürsten von Thurn und Taxis zu kaufen. Er war überzeugt, dass das reiche Fürstenhaus die Herrschaftsrechte über einen souveränen und unabhängigen Staat erwerben musste, um seine herausragende Stellung im deutschen Adel zu bewahren. Das Fürstentum Liechtenstein schien hierfür perfekt geeignet, denn es war seiner Meinung nach der einzige Kleinstaat der Welt, für den von seinen Nachbarn keine Annexionsgefahr ausging. Würde der Fürst von Liechtenstein einem Verkauf des Landes zustimmen, so seine Idee, könnte man im Kleinstaat ein grosses Investitionsprogramm aus dem immensen Vermögen der Familie Thurn und Taxis starten. Vaduz würde zur schmucken Residenzstadt der Fürstenfamilie heranwachsen, das Land insgesamt sehr wohlhabend werden und die Bevölkerung sehr glücklich über den Herrschaftswechsel sein. Das Projekt war ehrgeizig, doch es scheiterte, weil Dörnberg in den Kategorien einer Welt dachte, die längst untergegangen war.

Dass die Idee zum Kauf Liechtensteins im Jahr 1868 aufkam, war kein Zufall. Ein Jahr zuvor war Fürst Maximilian Karl von Thurn und Taxis gezwungen worden, alle ihm verbliebenen Rechte zur Organisation der Post in Mitteleuropa an den preussischen Staat abzutreten. Damit endete nach knapp 600 Jahren eines der ältesten Familienunternehmen der Weltgeschichte. Seit dem 15. Jahrhundert hatte die Familie Thurn und Taxis grosse Teile des europäischen Postwesens betrieben, zunächst als kaiserliche Reichspost, seit 1806 mit der Thurn-und-Taxis-Post als Privatunternehmen. Das Fürstenhaus war dadurch zu grossem Reichtum und Ansehen gelangt. Doch die Niederlage Österreichs gegen Preussen im Deutschen Krieg von 1866 zwang die habsburgtreuen Thurn und Taxis ein für alle Mal zur Aufgabe dieses lukrativen Geschäfts. Der Fürst und seine Berater mussten sich nach neuen Möglichkeiten umsehen, das Familienvermögen zu bewahren und die gesellschaftliche Stellung zu erhalten.

So wurde Ernst Friedrich von Dörnberg auf Liechtenstein aufmerksam. In Regensburg, der Residenzstadt der Fürsten von Thurn und Taxis, lebte zu dieser Zeit auch Franz Joseph Freiherr von Gruben. Dieser war mit einer Tochter Justin Freiherr von Lindes, dem ehemaligen liechtensteinischen Gesandten beim Deutschen Bundestag in Frankfurt, verheiratet. Mit Gruben wird sich Dörnberg vermutlich häufiger über den Kleinstaat Liechtenstein unterhalten haben. So könnte er auf seine Idee gekommen sein. Jedenfalls fasste Dörnberg im Frühjahr 1868 den Entschluss, den Plan zum Kauf Liechtensteins dem österreichischen Kaiser Franz Josef I. in Wien mitzuteilen. In der Denkschrift, die er dazu verfasste, beschrieb er zunächst die missliche Lage, in die das Fürstenhaus von Thurn und Taxis in den letzten Jahren gekommen sei. Neben dem Verlust der Post war 1867 zu allem Unglück auch der Erbprinz des Hauses unerwartet gestorben. Dessen Sohn, der neue Erbprinz, war erst fünf Jahre alt. Kaiser Franz Joseph war zu seinem Vormund bestimmt worden. Um das Haus zu retten, brauche der Fürst nun die Unterstützung des Kaisers. Ein «Sicherheitshafen» stehe in Aussicht.

Das Land Liechtenstein habe für den Fürsten Johann II. von Liechtenstein keinen grossen Wert, war Dörnberg überzeugt. Denn die Stellung des Fürstenhauses Liechtenstein in Österreich sei gesichert, seine grossen Besitzungen lägen anderswo und ohnehin stelle das kleine Ländchen nur eine finanzielle Last dar. Das Fürstenhaus Thurn und Taxis hingegen könnte sich durch die souveräne Stellung dem Zugriff der Landesregierungen in Deutschland entziehen und so sein Vermögen und seine Erbfolge sichern. Bei jährlichen Ausgaben des Fürstenhauses von über 600 000 Gulden am Ort seiner Residenz würde Liechtenstein immens profitieren. Sollte der Fürst von Liechtenstein jedoch nicht zu einem Verkauf bereit sein, hoffte Dörnberg auf ein Eingreifen des Kaisers: Franz Joseph könnte seinen Einfluss dazu nutzen, das Fürstentum selbst zu kaufen und es dann an die Thurn und Taxis abzutreten, um die Fürsten anschliessend «in die Souveränität einzusetzen».

Die österreichische Staatskanzlei reagierte im Auftrag des Kaisers bald darauf auf das Schreiben Dörnbergs. Die Antwort war wohlwollend und befürwortete die Souveränitätsbestrebungen des Fürstenhauses. Jedoch hatte man auf österreichischer Seite auch Bedenken. Unter den «Verhältnissen der Gegenwart» sei es nicht mehr so einfach möglich, ein Land einfach so ohne Befragung der Bevölkerung an einen neuen Souverän zu übergeben. Liechtenstein besass seit 1862 eine konstitutionelle Verfassung, der Landtag hätte dem Dynastiewechsel also rechtlich gesehen zustimmen müssen. Die Situation war – trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten – eine ganz andere, als 1699 und 1712 beim Verkauf der Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz an die Fürsten von Liechtenstein. Die Zeiten hatten sich gewandelt, in Liechtenstein waren aus Untertanen inzwischen Staatsbürger geworden. Sollte das Kaiserhaus jedoch tatsächlich zum Zwischenhändler für den Verkauf werden, so hatte man in der Staatskanzlei andere Ideen als Dörnberg: Im Fall eines Verkaufs Liechtensteins an den Kaiser sei eine Vereinigung mit Vorarlberg «die natürlichste Art der Verfügung über dessen Zukunft». Der Fürst von Thurn und Taxis wäre dann zwar Eigentümer der Herrschaft, aber nicht zum souveränen Staatsoberhaupt geworden.

Auf Seiten der Thurn und Taxis reagierte man erfreut auf das Wohlwollen des Kaisers. Die Mitwirkung der liechtensteinischen Bevölkerung sah man zwar auch als unumgänglich an, erblickte darin aber kein grosses Hindernis. Ob Fürst Johann II. über das Projekt informiert wurde, ist nicht genau bekannt. Hinweise, dass er dem Verkauf nicht abgeneigt gewesen wäre, hätte der Preis gestimmt, lassen sich nicht bezeugen. In Liechtenstein selbst wusste man nichts von dem Projekt. Ganz so einfach, wie sich Dörnberg den Verkauf vorstellte, wäre er – selbst bei Zustimmung der Bevölkerung – rechtlich nicht gewesen. Ausserdem hatte das Fürstenhaus Liechtenstein durch seine souveräne Stellung durchaus auch politische und finanzielle Vorteile in Österreich. Jedenfalls verlief das Projekt im Sand, nach dem September 1868 verliert sich seine Spur. Die Thurn und Taxis investierten in den folgenden Jahren in grossem Umfang in Kroatien. Von Liechtenstein war keine Rede mehr. So dauerte es weitere 70 Jahre, bis Vaduz mit dem Umzug Fürst Franz Josephs II. tatsächlich zur Residenzstadt wurde.

(Bild: pd)

Über den Autor
Cornelius Goop aus Schellenberg ist 24 Jahre alt. Er hat in Zürich und Heidelberg Geschichte und Politikwissenschaft studiert und beginnt im Herbst ein Doktorat in Geschichte.

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