• Patrik Walser
    Patrik Walser mit einem seiner Schnitz-Kunstwerke  (Daniel Ospelt)

Aus Holz geschnitzte Seelen

Die Schnitzkunst ist eine sehr alte Kunst, die immer mehr in Vergessenheit gerät. Nicht bei allen. Der 27-jährige Patrik Walser hat diese Kunst vor 10 Jahren für sich neu entdeckt. Seither erschafft er mit seiner Motorsäge ganz wunderbare Holzskulpturen, welche die Herzen der Betrachter berühren. Sein Geheimnis: Viel Feingefühl und eine grosse Portion Leidenschaft.
Schaan. 

Stolz und würdevoll sitzt er auf seinem Baumstumpf – mit gekrümmtem Schnabel und stechendem Blick. Die steife Federpracht eng an den Körper geschmiegt. Der mächtige Adler im Schaaner Wald scheint wie ein König über sein Reich zu wachen. Dass in dem riesigen Greifvogel kein Blut pulsiert, sondern er vom Kopf bis zur Kralle aus Holz besteht, tut seiner Wirkung keinen Abbruch. Sein Erschaffer Patrik Walser hat ihm Leben eingehaucht – allein mit der präzisen Führung seiner Motorsäge. Jede Feder, jeden Zug dieses Tieres hat er mit viel Feingefühl und ruhiger Hand detailgetreu herausgearbeitet, ganz nach dem Vorbild des Lebens selbst. Die Proportionen stimmen perfekt, der Ausdruck ist bestechend echt.
Dass es möglich ist, so ein Kunstwerk ganz ohne Hobel und Schnitzmesser zu erstellen, ist für den Laien schwer vorstellbar. Und man staunt mit grossen Augen, wenn Patrik Walser die Motorsäge einschaltet, die Holzspäne unter lautem Getöse in die Luft wirbeln und am Ende – wenn sich der Holznebel lichtet – ein weiterer fein herausgearbeiteter Wesenszug zum Vorschein tritt. «Ach, das ist keine grosse Kunst», winkt der Schaaner bescheiden ab. «Mit ein bisschen Übung kann das jeder.» Von wegen. Hier trifft Talent Können – eine Symbiose, aus der wunderbare Dinge entstehen, die das Herz erfreuen. Genau das ist auch das Ziel von Patrik Walser. «Das Geldverdienen steht bei meiner Kunst nicht im Vordergrund. Mir macht es einfach Freude, zu schnitzen – und ich hoffe, anderen Menschen mit meinen Objekten dieses Gefühl weitergeben zu können.»

Aus einer Laune heraus

Eigentlich war Patrik Walser schon immer ein «Hölzerner», wie er sich selbst bezeichnet. Auf der Suche nach einer passenden Lehre schnupperte er als Jugendlicher in den Beruf des Forstwarts hinein und war gleich Feuer und Flamme. «Mir gefiel die Ruhe im Wald, das Arbeiten in der Natur und dass man anschliessend sieht, was man getan hat.» So habe er zum Beispiel vor einigen Jahren kleine Pflänzchen gesetzt, die heute zu stattlichen Bäumen herangewachsen sind. Mit seiner Lehre zum Forstwart trat er in die Fussstapfen seines Grossvaters – dem ehemaligen Förster von Schaan –, was ihm damals allerdings gar nicht bewusst war. «Heute macht es mich aber stolz, zu wissen, dass ich sein Erbe weitergeführt habe»», so der 27-Jährige. Dass er dies mit Erfolg macht, zeigte er bereits in frühen Jahren, als er 2006 als junger Forstwart an den Berufsweltmeisterschaften den Junioren-Gesamtweltmeistertitel holte. Die Idee zum Schnitzen entstand dann vor knapp zehn Jahren aus einer Laune heraus. «Mein Kollege und ich waren im Wald mit einer Arbeit beschäftigt und aus Spass begannen wir, einen Pilz zu schnitzen», erzählt Patrik Walser mit einem breiten Grinsen. «Zwar war der alles andere als perfekt, aber er hat mir Lust auf mehr gemacht.» Nach dem Pilz folgte eine Kerze, dann ein Vogel. Die Kettensäge für die Waldarbeit tauschte Patrik Walser schon bald gegen eine andere, spezifisch auf die Schnitzkunst ausgerichtete, aus. Damit konnte er noch feiner und präziser arbeiten. «Jedes Objekt war ein bisschen besser als das vorherige. Das hat mich angespornt, weiterzumachen. Mein Ehrgeiz war entfacht, der Perfektion stets ein Stückchen näherzukommen.»
Er probierte aus, liess sich von anderen Schnitzern inspirieren, welche an Holzerwettkämpfen als Show-Gäste auftraten, und entwickelte so nach und nach seine ganz eigene Schnitztechnik. Was ihn dabei besonders freut, ist die Tatsache, dass er in all den Jahren nur einen einzigen Baumstamm «verschnitten» hat. «Es war eine Eule, die einfach nicht gelingen wollte», sagt Patrik Walser und fügt schmunzelnd an: «Das ärgert mich noch heute.» Ansonsten merke er innerhalb der ersten halben Stunde, ob ihm eine Arbeit gelingt oder nicht. «Und wenn es mal nicht so sein sollte, lasse ich die Skulptur ruhen und beschäftige mich erst am Tag danach wieder damit. Man kann es nicht erzwingen.» Ausserdem sei jeder Baumstamm anders und man müsse seine ihm eigene Struktur respektieren. So erlaube zum Beispiel die Mehrfarbigkeit des Laubholzes, Muster mit sehr schönen Effekten herauszuarbeiten.
Auch wenn der 27-Jährige mittlerweile mehr als 100 Holzskulpturen geschnitzt hat – von einem Hund über einen Autokran bis hin zu einer Zimmerlampe –, bezeichnet er sich selbst nicht als sonderlich kreativ. «Schliesslich brauche ich immer eine Vorlage, ein Bild», sagt er in seiner ihm so typischen Bescheidenheit. «Dass ich nicht der geschickteste Mensch bin, zeigte sich schon als Kind. Ich konnte überhaupt nicht malen – und das hat sich bis heute nicht geändert.» Während sich andere Künstler gerne selbst auf einen Sockel stellen, bleibt Patrik Walser lieber fest mit beiden Beinen am Boden. Das darf er auch. Selbstlob braucht er nicht. Seine Schnitzwerke sprechen für sich selbst.

Der Reiz des Experimentierens

Jedes Objekt für sich ist für Patrik Walser im Moment des Schnitzens das «schönste». Dabei macht für ihn nicht etwa ein bestimmtes Motiv den Reiz aus, sondern er probiert am liebsten Neues aus. Oder um es mit den Worten des Schaaners zu sagen: «Ich experimentiere gerne, versuche, die Grenzen der Kunst auszuloten.» Sein bisher grösstes Projekt war im vergangenen Jahr der Auftrag, für das «Life»-Konzert in Schaan drei grosse Holz-Musiker zu schnitzen. «Zu Beginn sagte ich noch ganz cool, dass das kein Problem sei», schmunzelt der 27-Jährige. «Aber als ich dann vor den riesigen Baumstämmen stand, musste ich erst einmal leer schlucken.» Doch er nahm die Herausforderung an und arbeitete drei Wochen intensiv an den Vier-Meter-Skulpturen, wobei er einen grossen Teil davon mit seiner Kettensäge auf einer Leiter balancieren musste. Kein ungefährliches Unterfangen, doch das hielt ihn nicht davon ab. «Im Gegenteil. Das spornte mich sogar noch mehr an», sagt Patrik Walser. «Die grösste Schwierigkeit lag bei dieser Dimension aber in der Einschätzung der Proportionen. Ich muss sagen, auf die Fertigstellung dieser tonnenschweren Skulpturen bin ich schon ein wenig stolz.»
Wer so viel Zeit mit einem Stück Holz verbringt, es so oft in den Händen hält und an seiner Vollkommenheit schnitzt, baut eine enge Beziehung zu ihm auf. Dennoch fällt es Patrik Walser nicht schwer, sich von seinen Skulpturen zu trennen. «Wenn ich ein Objekt nicht hergeben würde, käme das für mich der Aussage gleich, dass ich damit zu 100 Prozent zufrieden bin – und das würde mich in Zukunft nicht weiterbringen. Es wäre der Moment, in dem ich in meinem Schaffen stehen bleibe.»

Neue Wege einschlagen

Auch wenn er dem Naturprodukt Holz weiterhin zutiefst verbunden bleiben wird, so hat Patrik Walser vor einigen Monaten den Entschluss gefasst, seinem beruflichen Leben eine Wende zu geben. Die Arbeit als Forstwart hat ihm zwar immer gefallen, doch zwei triftige Gründe bewegten ihn dazu, seinen Job aufzugeben: Zum einen war das die hohe Verletzungsrate. «Vor ein paar Jahren hatte ich einen schweren Knochenbruch», erzählt Patrik Walser. «Das war ein gravierender Einschnitt in meinem Leben. Nur mit viel Glück stehe ich heute wieder hier.» Man prophezeite ihm damals, dass er nie wieder im Wald arbeiten würde. Aber er hat allen das Gegenteil bewiesen – mit viel Durchhaltevermögen und starkem Willen kehrte er für zwei weitere Jahre in seinen Beruf zurück. Der zweite Grund, sich nun einer neuen Herausforderung zu widmen, waren die fehlenden Weiterbildungsmöglichkeiten. «Ich will meine Allgemeinbildung bereichern, Fremdsprachen lernen», sagt Patrik Walser. «Oder anders gesagt, einfach weiterkommen im Leben.» So trat er vor vier Monaten eine Stelle bei einem Sicherheitsdienst an, die es ihm erlaubt, nebenher wieder die Schulbank zu drücken. Wohin ihn dieser Weg letztendlich führen wird, steht für den Schaaner noch offen. «Aktuell geht es mir einfach darum, meine Bildung zu verbessern und meine Aufstiegschancen zu vergrössern. Grundsätzlich würde ich allerdings gerne wieder in der Natur arbeiten.» Beruflich ganz auf die Schnitzerei zu setzen, kann sich Patrik Walser nicht vorstellen – auch wenn er mittlerweile eine eigene kleine Werkstatt in Schaan besitzt, mit carve.li eine professionelle Homepage erstellt hat und sich die Kundenaufträge vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda mehren. «Ich will nicht den Zwang verspüren, schnitzen zu müssen», erklärt der 27-Jährige. «Ich glaube, dann würde ich die Freude daran verlieren. Und nur wer mit Freude schnitzt, schnitzt auch gut.» Das ist für Patrik Walser das Stichwort, um den Ohrenschutz wieder aufzusetzen und in seine eigene Welt zu versinken. Erneut heult die Motorsäge auf, die Späne fliegen und die letzte Kralle des stolzen Holzadlers nähert sich seiner Vollendung. Dann endlich wird sich der König der Vögel in die Lüfte der Künste erheben können und die Welt mit jedem imaginären Flügelschlag ein bisschen schöner machen.

03. Sep 2014 / 09:20
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