Grossbrand in Thusis: Ein Morgen zwischen Fassungslosigkeit, Angst und Hoffnung
Fassungslosigkeit und Sorge sind ihren Gesichtern anzusehen. Vor dem Migros in Thusis steht kurz nach 8 Uhr an diesem Freitag eine ganze Gruppe von Menschen, diskutiert, telefoniert, schweigt, weint. Auf der anderen Strassenseite schaukelt ein rot-weisses Plastikband der Polizei im Wind. Es versperrt den Weg zum Restaurant «Beverin». Für manche Menschen diesseits der Strasse war es bis vor wenigen Stunden ihr Zuhause. Andere befürchten, dass Angehörige, Freunde oder Bekannte tot in der Brandruine aufgefunden werden könnten. Und wieder andere stehen den Betroffenen bei. Brandgeruch liegt in der Luft.
«Ich konnte durch den Haupteingang fliehen»
In der Nacht davor hatten manche der Menschen, die jetzt da stehen, ihr Daheim fluchtartig verlassen müssen. Kurz nach Mitternacht war im zweiten von drei Geschossen des Gebäudes ein Feuer ausgebrochen. «Ich lag schon im Bett», wird einer der Betroffenen später erzählen. Er steht mit anderen Bewohnerinnen, Angehörigen und Freunden auf der Terrasse des benachbarten «Story», das Veloladen, Werkstatt, Co-Working-Space und Restaurant in einem ist. Er selber hatte Glück im Unglück. «Ich wohnte im ersten Stock», sagt er. «Ich konnte durch den Haupteingang aus dem Haus fliehen.»
Eines der Probleme, das sowohl Flucht wie Löscharbeiten schwierig machte: Die oberen Geschosse waren irgendwann über die Treppe nicht mehr erreichbar. «Irgendwann gab es einen riesigen Lärm», erklärt der Bewohner auf der «Story»-Terrasse. «Das war wohl, als die Treppe eingestürzt ist.» Für die Löscharbeiten habe erst das Dach abgedeckt werden müssen, bestätigt Anita Senti, Mediensprecherin der Kantonspolizei Graubünden, auf dem Brandplatz. Und für die Suche nach möglichen Opfern im Haus müsse dieses jetzt gewissermassen Schicht für Schicht abgetragen werden. «Noch kann aber niemand das Gebäude betreten.»
Immer wieder müssen sie löschen
Tatsächlich sind am Morgen nach dem verheerenden Feuer noch immer zahlreiche Einsatzkräfte vor Ort. In Migros-Nähe hat die Kantonspolizei in einem Bus eine mobile Einsatzzentrale aufgebaut. Auf der anderen Seite der Nolla, die am Restaurant «Beverin» vorbeifliesst, richtet sich gerade die Kriminaltechnik mit ihrem Material ein. Vor dem Restaurant steht der Kranwagen eines regionalen Transportunternehmens, um Ziegel und verkohlte Balken wegzuräumen. Die Arbeit wird immer wieder unterbrochen. Dann nämlich, wenn Feuerwehrleute aus einem Rettungskorb Wasser ins qualmende Dachgeschoss des «Beverin» spritzen. Ab und zu steigt wieder stärkerer Rauch aus den Trümmern.

Oberhalb des Restaurants sitzen Angehörige der Feuerwehr Thusis auf einer Bank. Die meisten von ihnen haben die Helme abgesetzt. Für sie ist es eine verdiente Pause nach stundenlangem Einsatz. Teilweise waren in der Nacht bis zu 100 Feuerwehrleute aus Thusis, Cazis, dem Albulatal, vom Oberen Heinzenberg und der Ems-Chemie mit den Löscharbeiten beschäftigt gewesen. Inzwischen sind die meisten wieder abgezogen, die Einheimischen sind geblieben. Müdigkeit ist ihnen nicht anzumerken.
Gleich neben dem Pausenbänkli der Feuerwehrmänner informiert Polizeisprecherin Senti um 9.30 Uhr über den Stand der Dinge. Fünf Menschen würden immer noch vermisst, sagt sie sichtlich betroffen. «Wir hoffen, dass sie zum Zeitpunkt des Brandes nicht im Gebäude waren.» Dazu muss man wissen: Im Erdgeschoss des «Beverin»-Gebäudes befindet sich ein Restaurant, auf den anderen Stockwerken werden Zimmer vermietet. 14 Bewohnerinnen und Bewohner hätten sich selber in Sicherheit bringen können. Von ihnen wurden zwei schwer, zwei mittelschwer und vier leicht verletzt. «Die Verletzten wurden von verschiedenen Rettungsdiensten in Spitäler gebracht. Nach Thusis, Ilanz, aber auch nach Zürich.»
Lärm, Schreie und Sirenen in der Nacht
Inzwischen hat es in Thusis zu regnen begonnen. Manche der besorgten Angehörigen haben sich ins Restaurant «Im Park» gesetzt, telefonieren weiterhin. Vor dem Restaurant sitzen Matthias und David an einem Tisch und trinken Kaffee. Sie wohnen direkt neben dem Migros-Gebäude und haben den Brand schon in der Nacht miterlebt. «Gegen 0.30 Uhr hat mir ein Bekannter ein Video geschickt», erzählt Matthias. «Ich bin dann sofort auf den Balkon gegangen. Da schlugen schon die Flammen aus dem Dach.» Geärgert hätten ihn die vielen Gaffer, die sich schon mitten in der Nacht versammelt hätten, um das Feuer zu filmen. «Ich frage mich wirklich, was die Menschen von so etwas haben.»

Sein Nachbar David hatte ebenfalls kurz nach Mitternacht von dem Feuer erfahren. «Ich hörte Lärm und schreiende Menschen.» Kurz darauf seien auch schon die Einsatzkräfte eingetroffen. «Es gab viele Sirenen und Blaulichter.» Das Feuer habe sich sehr schnell ausgebreitet. Nachbar Matthias hofft, dass die fünf Vermissten zum Zeitpunkt des Brandes nicht im Haus waren.
Vorläufig bleibt die Hoffnung
Ein kleines Grüppchen von Angehörigen und Betroffenen ist aus dem «Im Park» weitergezogen auf die Terrasse des «Story», von wo aus die Sicht auf die Brandruine besser ist. Ausser dem Anwohner aus dem ersten Stock hatten mindestens zwei weitere von ihnen in dem Haus gewohnt. Die meisten von ihnen haben Wurzeln in Portugal, sprechen leise in ihrer Muttersprache miteinander. Immer wieder schweifen ihre Blicke hinunter auf das Restaurant «Beverin».
Dort ist das Dach mittlerweile weitgehend abgedeckt, immer wieder hebt der Kran Balken und andere Trümmer aus der Höhe. Feuerwehrleute löschen mit dem Schlauch, was allenfalls noch schwelt. Die Angehörigen gegenüber warten darauf, dass die Rettungskräfte endlich ins Haus können. Erst dann werden sie wissen, ob ihre Familienangehörigen oder Freunde während des Brands im Haus waren oder in Sicherheit. Bis dahin bleibt ihnen zumindest ein wenig Hoffnung.
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