Der Whistleblower im Herzchirurgie-Skandal, die 10-Millionen-Schweiz und Lindt und die Preise
Der Fall um den Herzchirurgen Francesco Maisano gilt bereits heute als einer der grössten Medizinskandale der Schweiz. Im Zentrum stehen schwere Vorwürfe gegen Maisanos Leitung der Herzchirurgie zwischen 2014 und 2020. Eine unabhängige Untersuchungskommission veröffentlichte am Dienstag einen Bericht, der massive organisatorische, medizinische und ethische Probleme offenlegte. Er kommt zum Schluss, dass es zwischen 2014 und 2020 zu einer Übersterblichkeit kam: je nach Berechnung 68 bis 74 unnötige Todesfälle. 11 Operationen waren besonders problematisch.

Eine wichtige Rolle bei der Aufklärung des Skandals spielten der ehemalige leitende Herzchirurg André Plass sowie Recherchen des «Tages-Anzeigers». Dies führte letztlich dazu, dass die Vorgänge nun erneut und diesmal vertieft untersucht wurden. Als «Dank» für seine Interventionen wurde Plass entlassen und öffentlich diskreditiert. Das soll sich nun ändern: «Ich bedanke mich beim Whistleblower. Herr Plass hat auf diese Missstände öffentlich aufmerksam gemacht und danach das Thema immer wieder aufgebracht. Dafür gebührt ihm Respekt», sagt die Spitaldirektorin Monika Jänicke, die seit 2023 im Amt ist, im Interview mit der «SonntagsZeitung».
Künftig will sie bei Interessenkonflikten durchgreifen. Im Fall Maisano gibt es den Verdacht, dass er vor allem den Wert seiner Beteiligung an einem Start-up im Kopf hatte, als er den Patienten sein Cardioband einsetzte. Das soll künftig nicht mehr möglich sein. «Wir schauen uns alles an. Seit dem 1. April ist keine einzige Nebenbeschäftigung oder Beteiligung an einem Unternehmen mit Konfliktpotenzial bewilligt, egal wie lange sie schon besteht. Alles muss bis zum 20. Mai neu beurteilt und bewilligt werden», sagt Monika Jänicke.
Zürcher Herzskandal: Auch Whistleblower war als Operateur bei fragwürdigen OPs dabei
Sämtliche Ärzte, die an den OP-Tischen standen, könnten in nächster Zeit Post von den Strafverfolgern erhalten – gut möglich, dass auch Plass selber dabei ist, das berichtet der «Sonntagsblick.» Denn wie Recherchen ergeben, taucht sein Name bei vier der elf gemeldeten Eingriffe mit Todesfolge als Operateur auf. Bei den vier Fällen, die sich zwischen 2015 und 2019 ereigneten, werden ausserdem weitere Chirurgen genannt.
Die Daten befinden sich bei der Staatsanwaltschaft. «Ich hatte bereits nach der Pressekonferenz geahnt, dass erneut versucht werden würde, meinen Namen mit der Problematik der schlechten Qualität in Verbindung zu bringen», sagt Plass gegenüber SonntagsBlick. «Ich kenne die Fälle nicht», fügt er an, und betont, dass er in 15 Jahren 2500 Patienten operiert habe. Und: «Trotz immer wieder hervorgebrachter Kritik haben mich zwei Gutachten vollumfänglich entlastet.» Entscheidend ist nun Plass’ Rolle am OP-Tisch: Als Hauptoperateur trüge er die Mitverantwortung für Verlauf und Resultat des Eingriffs, als assistierender Arzt hingegen nicht.
Weitere Spitäler im Fokus des Herzchirurgie-Skandals
Der Skandal um die Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich (USZ) zieht derweil immer weitere Kreise, das berichtet die «NZZ am Sonntag». Nachdem ein Untersuchungsbericht dem einst gefeierten Herzchirurgen Francesco Maisano erhöhte Mortalitätsraten, unnötige Eingriffe und das Einsetzen problematischer Implantate vorgeworfen hat, geraten andere Herzzentren im In- und Ausland unter Druck. Im Fokus steht das sogenannte Cardioband – ein künstlicher Ring zur Reparatur undichter Herzklappen, den Maisano mitentwickelte und an dessen Erfolg er finanziell beteiligt war.
Das umstrittene Produkt wurde längst nicht nur in Zürich eingesetzt. Besonders brisant ist der Fall des Inselspitals Bern. Dort wurde das Cardioband insgesamt 36 Mal implantiert – fast so häufig wie am USZ selbst.
Nun hat das Inselspital interne Abklärungen eingeleitet. Auffällige Todesfälle habe man nicht festgestellt, zu möglichen Komplikationen schweigt das Spital jedoch. Auch andere Kliniken tauchen in Dokumenten und Produktbeschrieben auf: Beispiele sind das Luzerner Kantonsspital, das Tessiner Herzzentrum oder das Spital in Mailand, wo Maisano heute weiterhin operiert. Das Cardioband gilt inzwischen als unnötig bis gefährlich und ist nicht mehr zertifiziert.
Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf: Was wussten andere Spitäler? Und wie eng waren Ärzte und Industrie verflochten? Genau dort will nun auch der Bundesrat ansetzen. Diese Woche schlug er schärfere Regeln vor: Ärzte sollen Medizinprodukte künftig nur noch «frei von finanziellen Anreizen» einsetzen dürfen. Patientenorganisationen gehen die Pläne allerdings zu wenig weit. Sie verlangen ein öffentliches Register, in dem Ärzte ihre wirtschaftlichen Interessen offenlegen müssen.
Aargau übergeht UNO-Befehl definitiv: Mädchen muss an Sonderschule
Der Kanton Aargau schafft Fakten im Streit um ein behindertes Mädchen. Die Behörden entschieden nun definitiv, dass die Schülerin ab kommendem Schuljahr eine Sonderschule besuchen muss, wie die «SonntagsZeitung» berichtet. Die UNO hatte zuvor verlangt, dass das Mädchen vorläufig in der Regelschule bleiben darf. Die Kantonsbehörden hatten bereits angekündigt, dass sie mit dem UNO-Befehl nicht einverstanden sind. Doch Justizminister Beat Jans stellte sich grundsätzlich hinter diese UNO-Anordnung, Verhandlungen zwischen Bund und UNO laufen noch.
Doch nun teilt die Aargauer Behörde mit: «Das Mädchen wird ab nächstem Schuljahr nicht mehr in der Regelklasse unterrichtet werden.» Die Eltern seien informiert. Politisch geht das Thema weit über den Einzelfall hinaus.. Bürgerliche Parteien fordern wieder mehr Separierung statt vollständiger Integration. Behindertenorganisationen wollen genau das Gegenteil. Durch die Aargauer UNO-Beschwerde wollen sie die Separation weltweit für illegal erklären lassen.
Gerhard Pfister warnt vor SVP-Initiative und kritisiert Abweichler in der Mitte
Der langjährige Parteipräsident der Mitte, Gerhard Pfister, warnt vor einer Annahme der 10-Millionen-Initiative der SVP. Das würde das Aus für die vorteilhaften bilateralen Verträge mit der EU bedeuten, sagt der Zuger Nationalrat im Interview mit der «NZZ am Sonntag». Nichts sei gratis in dieser Welt, so Pfister. «Als Politiker bewältige ich lieber die Folgen der Zuwanderung als die Folgen abwandernder Firmen und auswandernder Schweizer Familien auf der Suche nach Arbeit.» Allerdings ortet er Schwächen in der Nein-Kampagne. «Es genügt nicht, einfach zu behaupten, es drohe ein Chaos, wenn die Initiative durchkomme.» Das sei schlicht zu wenig, wenn sich eine derart emotionale Frage stelle.

Dass manche seiner Parteikollegen von der offiziellen Linie der Mitte abweichen und die Vorlage unterstützen, bedauert er. «Denn wenn deswegen der Vorwurf gegen uns erhoben wird, nicht ganz zu Unrecht, dass sich die Mitte nicht klar positioniere, dann muss uns das Sorgen machen», sagt Pfister im Interview. Den Mitgliedern der Bundeshausfraktion legt er ans Herz, sich frühzeitig am internen Meinungsbildungsprozess zu beteiligen. «Ein wichtiges politisches Geschäft schleifen zu lassen, um sich dann zu spät und beinahe spontan festzulegen, erleichtert die Arbeit der Parteileitung nicht wirklich», so Pfister in der «NZZ am Sonntag».
SVP ist offen für neues Migrationssystem
Bei einem Ja zur 10-Millionen-Initiative könnte im Extremfall die EU-Personenfreizügigkeit wegfallen. Die SVP zeigt sich bei möglichen Alternativen flexibel: «Wir sind offen für alle Modelle, mit denen sich die Zuwanderung wirksam steuern und auf ein massvolles Niveau begrenzen lässt», sagt SVP-Vizepräsident Thomas Matter der «SonntagsZeitung». Grundsätzlich gehöre die Steuerung der Immigration zu den «zwingenden Aufgaben eines souveränen Staates». Matter nennt als «prüfenswerte Optionen» eine Zuwanderungsabgabe sowie ein Punktesystem, wie es Kanada und Australien kennen. Eine Abgabe für Neuzuwanderer hat der Ökonom Reiner Eichenberger ins Spiel gebracht. Eine weitere Möglichkeit ist ein Auktionssystem, bei dem der Staat Lizenzen für ausländische Arbeitskräfte vergibt, die von Arbeitgebern ersteigert werden können.
Lindt senkt Preise in der Schweiz um bis zu 20 Prozent
Der Schweizer Schoggi-Riese Lindt & Sprüngli stand zuletzt wegen starker Preiserhöhungen in der Kritik. So klagten deutsche Händler, der Goldhase sei so teuer, dass er «wie Blei in den Regalen» liege. Auch Schweizer Läden sitzen auch heute – kurz vor Pfingsten – noch auf Goldhasen, die sie nun zu hohen Rabatten loszuwerden versuchen. Bei der Bilanzmedienkonferenz im März sagte Lindt-Chef Adalbert Lechner noch, für Preissenkungen sei es – trotz des mittlerweile wieder deutlich gesunkenen Kakaopreises – «noch zu früh», erst im nächsten Jahr wirke sich der Kostenrückgang beim Kakao auf die Kalkulation aus.

In der Zwischenzeit ist man bei Lindt aber noch einmal über die Bücher gegangen. Bereits vor drei Wochen wurde bekannt, dass der Konzern aus Kilchberg ZH auf dem deutschen Markt Preise reduziert. Gegenüber «SonntagsBlick »kündigt eine Lindt-Sprecherin nun erstmals auch Preissenkungen in der Schweiz noch im Jahr 2026 an: «Anpassungen von bis zu 20 Prozent betreffen unter anderem Connaisseurs-Pralinés, Kirschstängeli oder den Lindt-Teddy.» Auch bei diversen Tafelschokoladen werde man die Preise senken. (has)
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